Kunst

Oskar Kokoschka-Retrospektive im Kunsthaus Zürich: Im Sturm der Geschichte

Mit «Time, Gentlemen Please» (Teilansicht) betitelte der 85-jährige Oskar Kokoschka sein Selbstbildnis von 1971/72. Mit diesem Aufruf mahnen englische Pubbesitzer zur letzten Runde.

Mit «Time, Gentlemen Please» (Teilansicht) betitelte der 85-jährige Oskar Kokoschka sein Selbstbildnis von 1971/72. Mit diesem Aufruf mahnen englische Pubbesitzer zur letzten Runde.

Erst vor den Originalwerken offenbart sich Oskar Kokoschkas malerische Wucht. In Zürich bietet eine Retrospektive (fast) den ganzen Maler: Klug und grosszügig angerichtet, offenbart sich ein Jahrhundertwerk

Wilde Pinselwirbel, die kreisend und kreischend Figuren verzerren und freilegen: So kennen und lieben wir Oskar Kokoschka. Wir bewundern diese Pinselhiebe, die so heftig wie gezielt auf die Leinwände klatschen und die bei jedem Auftreffen die Farbe an den Pinselrändern überquellen lassen, die flachen Bilder zu dreidimensionalen Ereignissen machen.

Ein solches Wunderwerk etwa ist «Liebespaar mit Katze», das eine Fotografie zwar abbilden, aber nicht wirklich zeigen kann. Erst vor dem Original kann man bewundern, wie sich aus einzelnen, dicken Farbklecksen Gesichter herausschälen oder die Schriftsteller und Damen der Wiener Gesellschaft aus einem magischen, dunklen Raum, wie von einem Theaterscheinwerfer erfasst, vor unseren Augen auftauchen.

Mit solchen Malereien, scharfkantigen Zeichnungen (Typus frühe Wiener Schule) und mit bitterbösen Illustrationen in der expressionistischen Zeitschrift «Der Sturm» katapultierte sich Oskar Kokoschka zwischen 1905 und 1918 selber ins Scheinwerferlicht. Sie machten OK berühmt wie auch zur Zielscheibe für Ablehnung, bis hin zur Ächtung als «entarteter» Künstler durch die Nazis 1937.

Zeigt man Oskar Kokoschka, dann mit Vorliebe dieses Frühwerk. Redet man von OK, dann sehr gerne ebenfalls von dieser Zeit, von seiner Amour fou zu Alma Mahler, die sein Schaffen antrieb – bis hin zu «Die Windsbraut», seiner Ikone mit dem Liebespaar im Sturm des Schicksals.

Ausgerechnet dieses Bild fehlt in der Zürcher Ausstellung. Schade, aber man kann es ja im Kunstmuseum Basel anschauen ... Und wird im Zürcher Kunsthaus durch 90 andere Gemälde und über 100 Zeichnungen, Grafiken, Dokumente genug – und grandios – beschäftigt.

Der ganze OK

Ziel des Kunsthauses Zürich ist es, den ganzen Oskar Kokoschka zu zeigen. Das ist mehr als ehrgeizig. Denn er lebte sehr lange – von 1886 bis 1980. Er war überaus fleissig: Tausende Gemälde, unzählige Zeichnungen und Grafikblätter, Theaterstücke, Skizzenhefte sind erhalten.

Und OK veränderte auch immer wieder seinen Stil: von quirlig-expressiv über flache Farbteppiche und dünn-nervöse Lineaturen bis zur wilden Gestik. Sein Werk ist deshalb nicht nur ein Spiegel des 20. Jahrhunderts, sondern selber ein Jahrhundertwerk. Ehrgeiz von Kuratorin Cathérine Hug war es nicht nur, den ganzen Kokoschka zu präsentieren, sondern vor allem auch das unbekanntere Spätwerk in den Fokus zu rücken.

Nicht zufällig hielt man also gestern die Pressekonferenz bei den späten Monumentalwerken ab: Den acht Meter breiten Dreiteiler «Thermopylae» im Rücken, und «Die Prometheus Saga» (1950) vor Augen. Wild wirbeln darin Reiter durch den Himmel, Moses liegt erschöpft auf grüner Wiese, darum herum tummelt sich im Mittelbild die Menschheit, friedlich wie kriegerisch.

Prometheus selber liegt angekettet, nackt und von einer kindlichen Sonne scharf erhellt in der Luft, derweil Krone und die Waage der Justitia im Wasser versinken. Wer das antike Gleichnis entschlüsseln will: Eine Animation und der Audio Guide leisten Hilfe. Nur schon diese beiden Werke (zusammen) zu sehen, lohnt den Gang ins Kunsthaus.

Wer sich vor diesen späten Monumentalwerken in den 1980er-Jahren wähnt, der Zeit der Neuen Wilden in der europäischen Kunstgeschichte, kann seiner Bewunderung für OK einen weiteren Punkt hinzufügen: Diese Werke schuf er bereits im Pensionsalter.

Die Schau ist logisch-chronologisch aufgebaut, erzählt in 8 Kapiteln von 80 Jahren OK. Interessant ist ein Gang rückwärts durch dieses Labyrinth, das mit grünen und blauen Wänden eine dunkle Atmosphäre schafft, in der die hell erleuchteten Figuren der Gemälde umso krasser hervortreten. Quasi von heute aus immer tiefer in die Vergangenheit einzutauchen, zeigt eindrücklich, wie das 20. Jahrhundert Kokoschka durchgeschüttelt hat.

Bis zur letzten Runde

Nach den goldenen Jahren des Wiener Aufbruchs war er im Ersten Weltkrieg an der Front, in Dresden wollte er sich ab 1917 von den Schussverletzungen, den psychischen Erschütterungen und der Trennung von Alma Mahler erholen, bekam eine Professur, Support durch Galeristen und Sammler.

Doch kaum wieder bei Kräften, wurde er zum Reisenden, im Zweiten Weltkrieg zum Flüchtenden mit Stationen in Prag und London. 1947 fand erstmals eine grosse Schau in Zürich statt, 1948 in Boston und 1952 feierte er an der Biennale Venedig Erfolge. In Villeneuve am Genfersee fand er ab 1951 bis zu seinem Tod 1980 ein ruhiges Domizil. Doch die Zeitumstände liessen ihn nicht nur mit seiner Frau Olda im Liegestuhl sitzen oder das Matterhorn malen.

Mit Kröten, Kötern und Krabben und mit wild-wütendem Pinsel griff er in den Kriegsjahren wie in 1960er-Jahren blindes Mitläufertum und politischen Fanatismus an. Auch religiöse Motive tauchten im Alterswerk wieder auf – zynisch und böse im Gegensatz zu den verinnerlichten Motiven der Frühzeit.

Den inneren roten Faden bildete stets die Sehnsucht nach Liebe. Und Selbstzweifel. Anders sind seine Selbstporträts mit den aufgerissenen Augen, den harten Händen nicht zu deuten. «Time, Gentlemen Please» betitelt er sein Selbstbildnis von 1971/72. Mit diesem Aufruf mahnen englische Pubbesitzer zur letzten Runde. Der 85-Jährige spielte damit wohl ironisch auf sich selber an, in der Ausstellung setzt das Gemälde einen furiosen Schlusspunkt. Emotional, farbig, expressiv – Kokoschka eben.

Oskar Kokoschka. Eine Retrospektive. Kunsthaus Zürich, bis 10. März 2019. Katalog 318 Seiten, Kehrer-Verlag.

Ein historisches Bild der «Alma-Puppe». In der Ausstellung sitzt eine Neuanfertigung als Blickfang.

Ein historisches Bild der «Alma-Puppe». In der Ausstellung sitzt eine Neuanfertigung als Blickfang.

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