Kultur

Opernhaus Zürich: «Arabella», eine Liebe am Rande des Abgrunds

Tanz am Abgrund - Arabella in zwielichtiger Gesellschaft. (Foto: Toni Suter/Opernhaus Zürich)

Tanz am Abgrund - Arabella in zwielichtiger Gesellschaft. (Foto: Toni Suter/Opernhaus Zürich)

Am Opernhaus Zürich hat «Arabella» von Richard Strauss in einer klugen Inszenierung von Robert Carsen Premiere.

Nicht nur das Coronavirus hat dem Opernhaus Zürich zugesetzt. Intendant Andreas Homoki kann es sehen, als er für ein paar Worte vor den Vorhang tritt. Von 1100 Plätzen sind nur 900 besetzt, damit ein Verbot umgangen werden kann. Darüber hinaus sind auf diese Premiere der Oper «Arabella» von Richard Strauss auch zwei Sänger erkrankt: Paul Curievici, der den Elemer singen sollte, und, weit schlimmer, Julia Kleiter, die Titelfigur. Doch in Astrid Kessler ist eine neue Arabella gefunden und in Dean Power ein neuer Elemer. Und diese Astrid Kessler wird den Abend tragen, nicht nur mit der Kraft und der Spannweite ihrer Stimme, sondern vor allem mit der Intensität ihres Spiels.

Arabella - eine «durchaus moderne Figur»

Arabella sei eine «durchaus moderne Figur», hat der Librettist Hugo von Hofmannsthal 1927 an Richard Strauss geschrieben. Modern, weil selbstbewusst und eigenständig, bietet sie sich bis heute dar. In einem «zweifelhaften Milieu» (Hofmannsthal) trifft sie auf den reichen Gutsbesitzer Mandryka (Josef Wagner), in den sie sich zuerst schwärmerisch verliebt, um ihn dann durch Enttäuschung wirklich lieben zu lernen – um ihm «auf Leid und Freud und Wehtun und Verzeihn» verbunden zu bleiben. Das ist der psychologische Kern der «lyrischen Komödie», die in ihrem mittleren Teil ins Tragische zu kippen droht.

Doch es gibt auch einen politisch-gesellschaftlichen Hintergrund. «Arabella» hat ihre Uraufführung im Juli 1933 erlebt; Strauss hatte da schon begonnen, sich den Nazis anzubiedern, um auch an ihrer Macht teilzuhaben. Hier hakt Robert Carsen mit seiner Regie ein, indem er in der von Gideon Davey als Bühne entworfene Hotelhalle mal unauffällig, mal auffällig die Nazis präsent sein lässt. Am Übergang vom zweiten zum dritten Akt tanzen sie sogar zusammen mit den Schuhplattlern ein kleines Ballett. So geht es nahtlos von der Demokratie in die Diktatur. Hauptsache, Geld ist da, Hauptsache, man hat seinen Spass. «Zweifelhaftes Milieu»: dazu gehören der spielsüchtige Graf Waldner (Michael Hauenstein) und seine Frau Adelaide (Judith Schmid), die ihre Tochter Zdenka (Valentina Farcas) als Buben ausgeben, damit Arabella glänzen kann. Doch Zdenka ist nicht dumm, sie führt den verzweifelt in Arabella verliebten Matteo (Daniel Behle) an der Nase herum und bringt das Ganze ins Kippen.

Zwischen die wunderbaren Inseln des Sehnsüchtig-Gefühlvollen hat Strauss für diese turbulenten Szenen eine aufregend abgründige Musik komponiert. Fabio Luisi arbeitet mit der Philharmonia Zürich das Gegensätzliche klar heraus, doch wird das Orchester da und dort denn doch zu laut, und damit zu sehr Konkurrenz zu den Sängerinnen und Sängern.

Auf sie aber kommt es an – am Abend der Premiere vor allem auf Astrid Kesslers strahlende Arabella und auf Josef Wagners unglaublich präsenten Mandryka, die sich finden, verlieren und wieder finden, während um sie herum eine Welt zusammenbricht.

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