Oper
Kaum wieder offen, geht das Theater Biel/Solothurn selbstbewusst seinen Weg

Grosse Opernausgrabung am kleinen Theater unter der Leitung von Intendant Dieter Kaegi.

Christian Berzins
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Serenad Uyar ist eine famose Titelfigur - ohne Scheu vor Blut.

Serenad Uyar ist eine famose Titelfigur - ohne Scheu vor Blut.

ho

Mutig, mutiger ... Theater Biel/Solothurn (Tobs)! Kaum durften die Theater wieder vor 50 Leuten spielen, feierte vor zehn Tagen Jean-Philippe Rameaus «Zaïs» Premiere, eine sehr selten gespielte Barockoper. Am Wochenende nun war bereits Leoš Janáčeks «Šárka» dran: die erste, fast nie gespielte Oper des Tschechen (1887/1888 geschrieben, 1925 vollendet und uraufgeführt). Schade, denn diese Oper verspricht prächtige romantische Musik und eine drastische Handlung.

Janáček setzt eine blutrünstige Liebesgeschichte in Musik um, in der etwas «Penthesilea» steckt: Männer sind im Krieg gegen Frauen, da verliebt sich der Anführer der einen, Ctirad, in die Anführerin der anderen, in Šárka. Das muss böse enden, denn die alten Rachegelüste und der Kriegstrieb sind gross.

Zum finalen Sprung in den Scheiterhaufen fehlt nur ein Hohes F

Šárka schlachtet Ctirad ab, merkt dann aber doch, wie sehr sie ihn liebt, schleicht sich zu dessen Bestattung und springt in seinen brennenden Scheiterhaufen. Nur schade, singt sie dazu nicht ein hohes F oder stösst nicht wenigstens einen Schrei aus. So geht dieser grandiose Moment etwas verloren.

Dumm, kommt die Liebe zwischen die Rache (rechts Tenor Irakli Murjikneli)

Dumm, kommt die Liebe zwischen die Rache (rechts Tenor Irakli Murjikneli)

ho

Für die Bilder, beziehungsweise die Regie ist «Tobs»-Intendant Dieter Kaegi zuständig. Er inszeniert einmal mehr mit dem Sinn für Ästhetik, hinter der sich fast immer eine weiterführende Idee zeigt. Es sind bisweilen einfache Gesten, die grosse Wirkung zeigen. Eine Andeutung da, ein Lichtstrahl hier – und alle verstehen es oder fragen sich zumindest: Was geht da ab?

Nur schade, holt er einmal den Holzhammer hervor und lässt die Titelheldin einen Kübel voll Blut über ihr Haupt giessen. Halb so schlimm, umso erstaunlich ist es nämlich, wie Kaegi auf der Liliput-Bühne, auf der sich bereits sechs Leute auf den Füssen stehen, das Drama elegant erzählt.
Musikalisch zeigt sich der Abend erstaunlich geschlossen. Serenad Uyar ist eine famose Titelfigur: Es ist ein Sopran mit charaktervollem Timbre, eine Stimme, die sehr gross und verzweifelt werden kann.

80 pausenfreie Minuten Spielzeit sind coronakonform

Ihr Gegenpart, der Tenor Irakli Murjikneli, kann auch sanfter, aber auch er verfügt über erstaunliche Reserven. Jedenfalls im kleinen Solothurner Theater, wo sich kein Sänger verausgaben muss, zumal Dirigent Kaspar Zehnder das für Solothurner Opernverhältnisse sehr grosse Orchester sanft führt – bisweilen denkt man gar, dass noch ein paar Ecken, Kanten und Zuspitzungen mehr drin sein müssten in diesem Frühwerk.

Wie auch immer: Diese Ausgrabung lohnt sich und die 80 pausenfreien Minuten Spielzeit sind perfekt für einen Abend, der naturgemäss von Coronaschutzmassnahmen geprägt ist.

Leoš Janáček: Šárka, Theater Biel/Solothurn, bis 16.5.