Oper
Eine langweiligere Oper hat die Welt noch nicht gesehen – doch das Publikum reagiert euphorisch

Die Oper «Eiger» von Fabian Müller und Tim Krohn am Theater Biel/Solothurn ist ein helvetisches Meisterwerk.

Christian Berzins
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Realistisch und doch wundersam theatral: «Eiger» in Biel.

Realistisch und doch wundersam theatral: «Eiger» in Biel.

Suzanne Schwiertz / tobs

Eine langweiligere Oper hat die Welt noch nicht gesehen. Da wollen vier Männer 1936 die Eigernordwand hochklettern – und am Schluss sind sie tot. Zugegeben, das ist auch in einer normalen Oper so, aber da brennt dazwischen doch immerhin mal ein Scheiterhaufen, gibt es rasende Eifersuchtsszenen, gar blutige Duelle. Nichts davon in «Eiger».

Aber – und dieses «Aber» übersteigt die Höhe des «Eigers» – es sei prophezeit: Jeder, der schon jemals eine Oper gesehen hat, wird trotz dieser flachen Ausgangslage fasziniert sein von diesem Abend am 1800 Meter langen Abgrund. Kein Wunder, reagierte das Bieler Publikum am Freitag und am Sonntag euphorisch. Es feierte auch ein Stück Heimat, denn diese Produktion ist bis zum Aromat im Panoramarestaurant Eigernordwand schweizerisch.

Aus Gedanken werden ganze Bücher

Doch da gibt es auch Geheimnisse mit diesem Werk, das der 57-jährige Schweizer Komponist Fabian Müller auf ein Libretto des deutsch-schweizerischen Schriftstellers Tim Krohn geschrieben hat: Es entwickelt in seinen 85 Minuten einen unheimlichen Sog. So sehr, dass man alsbald an den Seilen zusammen mit den vier Bergsteigerhelden hängt, das Leben eines jeden in kurzer Zeit bestens kennt, obwohl davon gar nicht so viel erzählt wird. Aber so geht nun mal gutes Theater, grosse Kunst: Da werden aus Gedanken ganze Bücher, aus Figuren Helden, aus Schmerz tausend Tode. Und so ist es mit den vier Bergsteigern Toni Kurz (Alexander Kaimbacher), Andreas Hinterstoisser (Robert Koller), Eduard Rainer (Wolfgang Resch), Willy Angerer (Jonathan Macker): Der Weg zum Berg wird ein Weg des Lebens.

Die vier Helden durchwandern vier Leben.

Die vier Helden durchwandern vier Leben.

Suzanne Schwiertz / tobs

Doch sie sind darin nicht allein, haben im Streckenwärter Albert von Allmen einen Chronisten, ein Art Pimen: Walter Küng macht 85 Minuten nicht viel mehr, als dazusitzen, den Berg hochzuschauen, noch einen Träsch zu bestellen, und hält das Spiel auf geheimnisvolle Weise doch zusammen. Er ist die Brücke zur zweiten Spielebene, zur Berghütte, wo die Leute ihren Bergspass haben.

Regisseurin Barbara-David-Brüesch stand mit diesem Werk zu Beginn vor der Eigernordwand des Operninszenierens: Was tun, wenn da vier Männer 85 Minuten lang in einem Steilhang hängen? Was erzählen, wo doch nur Eis und Fels ist? Doch siehe da, es entwickelt sich dank des Librettos und dank des Bühnenbildes von Alain Rappaport eine Geschichte voller Leben: Brüesch holt die vier Helden auf die (waagrechte) Bühne, lässt die Spielebenen verschwimmen, und doch erfrieren wir zusammen mit Angerer.

In 85 Minuten kann vieles nur angetönt werden, aber was nicht gesagt ist, vollendet die Musik von Müller. Diese Klänge sind soghaft, würde man es Filmmusik nennen, täte man ihnen sehr unrecht. Denn das sind keine Wohlfühlklänge, die sich da ihren Weg zur Bergspitze durch Eis, Nebel und Sonne suchen, aber es sind verständliche Klänge. Die Leistung von Dirigent Kaspar Zehnder und des Orchesters des Theater Biel/Solothurns ist bewundernswert.

Der Wagemut des Intendanten wird belohnt

Das Theater Biel/Solothurn leistet einmal mehr Grossartiges für den Opernplatz Schweiz: Klar, wäre es einfacher einen Mozart zu spielen, aber nein: Man vergibt einen Opernauftrag an zwei Schweizer, findet ein urschweizerisches Sujet, lässt eine Schweizerin inszenieren, einen Schweizer dirigieren und setzt als Amalgam einen Schweizer Schauspieler ein. Hut ab. Andere Bühnen, in ihrem Hang in Europa mitspielen zu wollen, könnten sich von diesem Wagemut eine Scheibe abschneiden und selbst eine Eigernordwand-Besteigung wagen.

Eiger: bis 4.2. in Biel; bis 17.2. in Solothurn. Gastspiele in Burgdorf, Schaffhausen und Olten.

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