Unbequem ist das Fotografenleben: Da muss sich der Herr hinter dem Stier auf den Boden knien, um eine besondere Perspektive, um DAS Bild zu bekommen. Die Folgearbeit, bis das Foto endlich in der Zeitung erscheinen konnte, war damals – 1963 irgendwo in Italien – nochmals so anspruchsvoll und langwierig: Film entwickeln (allenfalls behelfsmässig im Schrank und abgedunkelten WC), dann das Negativ an die Redaktion/Agentur schicken (per Post, Kurier oder später per Funk), dort kommt der Streifen zur Laborantin in die Dunkelkammer, die einen Papier-Abzug herstellt. Danach können Bild- und Textredaktoren auswählen, Ausschnitte bestimmen, Retuscheure und Drucker das Bild aufbereiten. Dann erst erscheint es in der Zeitung – und der Papierabzug landet samt Negativ im guten Fall im Archiv.

Vielleicht wurde das Foto des italienischen Stieres, das hier entsteht, nie oder nur einmal abgedruckt, vielleicht aber gelang dem Fotografen ein Prachtbild, das um die Welt ging. Lustiger und spezieller als der Stier von hinten ist das Bild des sich abmühenden, aber unbekannten Fotografen. Es hat deshalb den Weg ins Archiv, genauer ins Ringier-Bildarchiv, und aktuell wieder ans Tageslicht gefunden. In die Ausstellung «Netzwerk Schweizer Pressefotografie» im Stadtmuseum Aarau.

Hinter den Kulissen der Pressefotografie

In der Ausstellung „Netzwerk Schweizer Pressefotografie“ in Aarau kann man ab Freitag mehr über die Entstehung von Pressefotos erfahren.

Der Kreislauf der Bilder

Halt, Widerspruch!, denken Sie hier wohl. Warum segelt eine Aufnahme aus Italien unter der Flagge «Netzwerk Schweizer Pressefotografie»? Und wie kommt das Ringier-Bildarchiv ins Stadtmuseum Aarau? Die erste Frage ist einfach zu beantworten: Ringier brauchte für den «Blick» und seine Zeitschriften Bilder aus aller Welt. Aktuelle und hintergründige. Man kaufte sie von Agenturen und Fotografen oder schickte die eigenen Leute auf Bilderjagd. Vor allem aber perfektionierte Ringier sein Archiv. Es war nicht nur eine Fundgrube für interne Bild-Bedürfnisse, sondern über Jahrzehnte auch eine Goldgrube durch Bildverkäufe an andere Zeitungen und Verlage.

Mit der Digitalisierung wurde das physische Archiv, wurden die Hunderten Schränke voller Karteikarten, Papierabzüge und Negative, die Gestelle voller Dia-Ordner und Glasplatten für die aktuell arbeitenden Medien überflüssig und für den Konzern gar zur Last. Weil das Archiv historisch aber grossen Wert hat, suchte Ringier einen Abnehmer und fand ihn im Aargau (woher der Konzern stammt). So kam das Aargauer Staatsarchiv zu fast fünf Millionen Bildern, die erhalten und zugänglich gemacht werden müssen. Als Partner für die Vermittlung ans Publikum hat das Staatsarchiv das Stadtmuseum in Aarau gefunden. Dazu kommt eine Kooperation mit neun weiteren Schweizer Archiven, um das Fotografie-Gedächtnis landesweit zu koordinieren.

Bilder-Wirtschaft

So viel zur Vorgeschichte. Die Schau erzählt nicht nur über die Archivarbeit, sondern vom einstigen Kreislauf der Bilder. Mit wunderbaren Aufnahmen von Fotografen (und einer einzigen Fotografin) in Aktion wird man als Besucherin eingestimmt in eine Zeit, die schwarz-weiss dachte und analog funktionierte. Das klingt nach ferner Geschichte, meint aber die 1960er- bis 1990er-Jahre. Im grossen Ausstellungssaal hat man den Bilderkreislauf bildlich umgesetzt. Vitrinen bilden einen runden Umgang, in dem die wichtigsten Akteure der Bilderwirtschaft und ihre Arbeit mit Dokumenten und Originalbildern erklärt werden: Aufraggeber, Fotografen, Fotografierte, Journalisten, Laborantinnen, Bildredaktoren, Dokumentalistinnen. Wer meint, Manipulationen und Montagen seien eine Erfindung der digitalen Jetztzeit, soll sich anschauen, was die Retuscheure vor 50 Jahren alles konnten.

Nostalgie-Potenzial

An drei Themen und mit gegen 500 Bildern taucht man in die Welt der Massenbildproduktion ein. Bei Unwettern wird gezeigt, wie ein Thema Schnellschüsse, kunstvolle Kompositionen und Bilder voller Mitgefühl generiert. Welche Art Bilder braucht es für ein politisches-gesellschaftliches Grossereignis wie den Besuch von Queen Elizabeth 1980? Landung in Kloten, Empfang durch den Bundesrat, winken mit Blumen: Das gabs zu Hunderten. Wenn die Royals aber einen Abstecher nach Worb machten, interessiert das nur die lokale Presse, gibt es also einzig einige wenige Bilder eines einzigen Fotografen. Beim dritten Thema, beim Sport, galt es die immergleichen Anlässe – Fussball, Skirennen etc. – immer wieder neu ins Bild zu fassen. Trotz bekannter Bildmuster haben gerade Sportbilder ein grosses Nostalgie-Potenzial.

Paradox mutet einzig an, dass die analogen Negative, Abzüge oder Dias für die Ausstellung digitalisiert und geprintet wurden. «Wollten wir Hunderte analoge Fachvergrösserungen machen lassen, würde uns das unser Budget von mehreren Jahren fressen», sagt Museumsleiterin Kaba Rössler. Stimmt, das Fotografenleben war damals nicht nur anstrengend, der arbeitsintensive Bilderkreislauf auch ganz schön teuer – dafür war die Bilderflut noch deutlich kleiner.

Netzwerk Schweizer Pressefotografie Stadtmuseum Aarau, bis 8. Juli 2018. Vernissage: Do, 19. Oktober, 18 Uhr.

Buch: «Schweizer Pressefotografie», Limmat-Verlag.