Neue Platte

Normale Fassade, böse Gedanken – auf seiner neuen Platte seziert Manuel Stahlberger die Leistungsgesellschaft

Manuel Stahlberger ist ein feiner Beobachter der zahlreichen Abgründe.

Manuel Stahlberger ist ein feiner Beobachter der zahlreichen Abgründe.

Manuel Stahlberger erzählt auf «I derä Show» auf seine unnachahmliche Art Geschichten. Er tut dies ohne Explosionen.

Es ist wieder einmal Weihnacht. Und da sitzen Vater, Mutter, Tochter. Zusammen isst man Käsefondue. Aus Tradition und wohl auch aus Angst vor Veränderung. Was Manuel Stahlberger in «Di Heilig Famili» besingt, könnte ein x-beliebiger Heiligabend in der Schweiz sein. Aber Stahlberger öffnet für alle Anwesenden Abgründe. Der Vater flüchtet sich in den Schnaps, die Mutter zerbricht an der Enkelkinderlosigkeit. Und die Tochter denkt sich, sie könne sich vorstellen, einmal Kinder zu haben, aber sicher nicht, solange die Mutter noch lebt. Sie erschrickt ob diesem Gedanken. Zumindest ein bisschen. Und rührt im Fondue.

Beeindruckend ist die Geduld, mit der die Figuren ihre Familie und ihr eigenes Schicksal erdulden. Sie explodieren nicht, werfen das Caquelon nicht durch die festlich dekorierte Stube. Sie warten einfach darauf, dass wieder nicht mehr Weihnacht ist, das Krippenspiel auf dem Estrich versorgt werden kann und man 364 Tage wartet, bis man sich das wieder antun muss.

Der erste Besuch im Espenmoos

«Ich bin nicht der wütende Typ. Ich explodiere selten», sagt Manuel Stahlberger. Seine neue Platte, «I däre Show», versammelt Lieder aus seinem aktuellen Bühnenprogramm. Und er bleibt konsequent: Wenn Stahlberger 1983 als Bub in «S Erscht Mol» zum ersten Mal mit seinem Vater ins Espenmoos wandert und dem Sieg (Fünf! Zu! Eins!) des FC St. Gallen gegen GC beiwohnt, dann jubelt er nicht masslos. Die Freude ist wie der Ärger, sie passiert. Man klatscht kurz, freut sich im Stillen, und weiter geht es im Hamsterrad des Lebens. Ausschläge nach oben und unten sind möglich, aber nicht unbedingt nötig.

Den Sound gebastelt hat Bit-Tuner, St. Galler Musiktüftler, Produzent und Mitglied von Stahlbergers Band (dort spielt er Bass). Viel Elektronik, die eher fliesst und schlängelt, als zu tänzeln. Sie plätschert aber nicht. Dazu beschreibt Stahlberger die Welt genau. Stets aus der Sicht des Beobachters. Wie durchs Fenster am Weihnachtsabend.

Es wird gehadert, gezweifelt und verzweifelt

Es regnet oft in seinen Beobachtungen. Es gewittert. Aber ohne Blitzeinschläge. Es beginnt mit der Geburt und endet mit dem Rückzug in die «eige chlii Wält» im Alter. Viel wird gehadert, gezweifelt und verzweifelt am Leben. Die Menschen in den Geschichten lassen das einfach passieren. «Ja, das stimmt», sagt Stahlberger, «wenn es mal chlepft, dann ist das allenfalls ein Sturm, der alles wegfegt. Aber in meinen Liedern rastet niemand aus.»

Während er zusammen mit der Band vielleicht «manchmal lyrischer» und «etwas reduzierter» seine Geschichten erzähle, texte er in der Zusammenarbeit mit Bit-Tuner «ausführlicher» und «ausformulierter». Er bleibt dabei aber Stahlberger. Die Geschichten sind prägnant formuliert, und doch geschehen sie wie beiläufig.

In «Mengmol hät sie Angscht» seziert er fein die Leistungsgesellschaft. Die grösste Angst der besungenen Figuren ist «z viel Ziit». Da denke man an all die Sachen, an die man eben nicht denke, wenn man nicht genug Zeit hat. Es ist die Pause des Sprints im Hamsterrad, wenn man merkt, dass man gar nicht rennen müsste. Und am Ende wohl trotzdem weiterrennt. Oder zumindest im Fondue rührt.

Hinweis
Stahlberger: I däre Show (irascible).
Live: Schweizer Tour ab 22. Okt.
Details www.manuelstahlberger.ch.

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