Identität

Nordwestschweiz-Autor Pedro Lenz: Die Schweiz, die es nie gab

Hand aufs Herz, äh, aufs Schweizer Kreuz oder die Suche der Schweiz nach sich selbst.

Hand aufs Herz, äh, aufs Schweizer Kreuz oder die Suche der Schweiz nach sich selbst.

Die Euro steht an, die Nati ist dabei. Doch die Schweiz freut sich nicht, sie meckert. Ein Erklärungsversuch

Prosperi, Mundschin, Ramseier, Guyot, Stierli, Odermatt, Kuhn, Hasler, Balmer, Müller, Jeandupeux. So hiessen die elf Fussballer, die am 15. November 1972 für die Schweiz gegen Deutschland aufliefen. Zu jenem Freundschaftsspiel in Düsseldorf waren 70 000 Zuschauer ins Stadion gekommen. Vor dem Match spielte eine Blasmusik die Nationalhymnen beider Länder. Kein einziger Spieler auf dem Platz öffnete bei der Hymne den Mund. Es war damals nicht üblich, vor Fussballspielen die Hymne mitzusingen. Und es wäre 1972 keinem Leserbriefschreiber und keinem Boulevardblatt eingefallen, dieses entschiedene Nichtsingen der Hymne als fehlende Verbundenheit zum Vaterland zu kritisieren.

Der Autor Pedro Lenz hat seit Anfang Mai ein 30%-Pensum als Kulturredaktor bei den AZ Medien. (Archivbild)

Der Autor Pedro Lenz hat seit Anfang Mai ein 30%-Pensum als Kulturredaktor bei den AZ Medien. (Archivbild)

Selbstverständlich gab es auch schon in den 1970er-Jahren Verhaltensweisen, die als unschweizerisch galten, Spaghetti essen und Kochen mit Olivenöl zum Beispiel oder das Praktizieren von Yogaübungen. Aber inzwischen ist alles anders. Die Art, wie Schweizerinnen und Schweizer ihr Schweizersein zum Ausdruck bringen, hat sich in den letzten Jahrzehnten von innen nach aussen gekehrt. Die gelebte Spiessigkeit von einst hat einer rein behaupteten, verbalen Spiessigkeit Platz gemacht.

Die helvetischen Rituale des kollektiven Autowaschens, der gegenseitigen Verhaltenskontrolle in Wohnblöcken oder der Denunziation derer, die sich nicht an die Waschküchenordnung halten, sind mehrheitlich verschwunden. Die meisten von uns vermissen diese Rituale nicht.

Das gelebte Bünzlitum von einst ist einer Idee gewichen

Inzwischen sind wir ein Land von Sushi-Essern und Thailandtouristen, ein Land von Panamaverstehern und Dalai-Lama-Bewunderern. Die Schweizer Bevölkerung ist zu grossen Teilen weltgewandt, mehrsprachig und multinational vernetzt. Schweizerinnen und Schweizer sind ökonomisch, kulturell und kulinarisch mit der Welt verbunden wie nie zuvor in der Geschichte. Das Bünzlitum, das einst von Walter Roderers Buchhalter Nötzli oder von Rolf Lyssis Schweizermachern erfolgreich parodiert wurde, ist längst einem anderen Bünzlitum gewichen. Das gegenwärtige Bünzlitum, die heutige Art, ein Gefühl geistiger Enge zu beschwören, ist weniger eine gelebte Praxis als viel mehr eine Idee. Pikanterweise trägt diese Idee zur Rettung einer verlorenen Nationalidentität einen englischen Namen; sie heisst Swissness und wäre sie ein Medikament, stünde auf der Packungsbeilage: «Bitte nicht einnehmen. Dieses Produkt ist nur äusserlich anzuwenden.»

Die gegenwärtige Heidi- und Schellenursli-Verklärung ist das moralische Make-up, mit dem wir versuchen, uns ein fehlendes Heimatgefühl aufzumalen. Sind die Bergwiesen, über die wir eine Liebe zur Heimat entwickeln könnten, mit Zweitwohnungen überbaut, klammern wir uns an Geschichten und Filme, die sich in unbebauten Alpwiesen abspielen. Verlieren wir das Heimatgefühl in den Warenhäusern, in denen der Ausverkauf «Sale», der Rabatt «Nice Price» und die Verkäufer «Sales Manager» heissen, wird versucht, dieses verlorene Heimatgefühl mit Alpenschlagermusik aus den Lautsprechern zu kompensieren.

Das Problem dabei ist bloss, dass uns die Alpenschlagermusik das verlorene Heimatgefühl nicht recht zurückzugeben vermag. Also müssen noch mehr Edelweisshemden und noch mehr Kuhtassen ins Sortiment. Und wenn die Getränkeflasche des Schweizer Herstellers in China hergestellt wird, wird sie zwar nicht dadurch schweizerischer, dass sie mit dem Bild eines Bernhardiners bedruckt wird, aber wir können uns darauf einigen, so zu tun, als verkörpere genau dieser Bernhardiner unsere Identität.

Ein wenig verhält es sich mit der Swissness wie mit allen Lebenslügen. Um sie aufrechtzuerhalten, sind wir gezwungen, immer weiter zu lügen. Je fremder uns die Umgebung wird, in der wir leben, desto stärker versuchen wir, uns an eine Idee von Identität zu klammern, von der wir glauben, sie habe mit uns zu tun, auch wenn es möglicherweise gar nicht so ist.

Um das Beispiel aus dem Fussball nochmals aufzunehmen, sei hier aus einem Onlinekommentar dieser Woche zitiert, in dem es um die Identität eingebürgerter Landsleute in der Nationalmannschaft geht. Über den Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic lesen wir da: «Er wird auch nie eine echte Eidgenossen-EM-Euphorie erleben, denn es sind ja nur 3 bis 4 Schweizer dabei und die meisten Fans ärgert das.»

Ob das die meisten Fans so ärgert, wie diesen Schreiber, bleibe offen. Sicher ist in diesem Zusammenhang höchstens, dass sich die Schweizer Fussballnationalmannschaft in den 26 Jahren zwischen 1968 und 1994 nie für ein grosses Turnier qualifiziert hat. In den 22 Jahren zwischen 1994 und 2016 dagegen schaffte das Nationalteam die Teilnahme an vier Weltmeisterschaften und drei Europameisterschaften. Entweder es passte sportlich nicht oder die Namen klangen nicht genügend eidgenössisch. Die oben zitierte Eidgenossen-EM-Euphorie kann es also nie gegeben haben. Sie ist nur eine Idee.

Und zur hypothetischen Frage, ob bald alle Schweizer Nationalspieler mit familiärer Verbindung zum Kosovo aus der Schweizer Nationalmannschaft austreten werden, steht in einem andern Kommentar: «Bei aller Achtung der Verdienste der Angesprochenen erhält die Schweiz nämlich damit die Möglichkeit, wieder eine Nationalelf auf die Beine zu stellen, wo es den anwesenden Zuschauern jeweils bei der Verkündung der Aufstellung durch den Stadionspeaker vor Freude kalt den Rücken runter läuft. Emotionen pur halt für die Rückeroberung unserer Nati.»

Die Rückeroberung der Nationalmannschaft

Diesem Kommentarschreiber liefe es also vor Freude kalt den Rücken runter, würden vor einem Länderspiel elf Namen heruntergelesen, die für ihn als Schweizer Namen zu identifizieren wären. Er nennt diese Vision eine Rückeroberung. Dass er selbst nicht ganz fehlerfrei Deutsch schreibt und den Anglizismus Speaker anstelle von Sprecher verwendet, scheint ihn nicht aus dem Konzept zu bringen. Auch er wünscht sich die Rückkehr eines Zustandes, den es nie mehr geben wird und vermutlich nie so gegeben hat, wie er es sich vorstellt.

Die beiden Beispiele untermauern die Vermutung, dass manche von uns einer Idee von Swissness nachhängen, die im Alltag nicht existiert, nie genau so existiert hat und nicht zu verwirklichen ist. Swissness bleibt immer eine Idee. Für die einen ist es die Idee eines Landes, in welchem jedem Namen anzuhören ist, ob er hiesig ist oder fremd. Für die andern ist es die Idee eines Landes, in dem zwischen Schweizern und Eidgenossen unterschieden wird. Für die dritten ist es die Idee einer Schweiz, die sich durch Alpenrosen, Bernhardinerhunde und Kuhmotive auf Milchtassen symbolisieren lässt.

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