«Dieses Feuer schert sich nicht um uns», sinniert Werner Herzog in seinem neuen Dokumentarfilm «In den Tiefen des Infernos», der seit wenigen Tagen auf dem Streamingportal Netflix läuft. «Für Kakerlaken, Reptilien und Menschen hat diese brodelnde Masse nur eines übrig: monumentale Gleichgültigkeit.» Es ist fast schon eine nihilistische Ehrfurcht, die der deutsche Filmemacher Vulkanen und ihrer destruktiven Gewalt entgegenbringt.

Herzogs Herz hat schon immer für diese feurige Höllenschlunde gebrannt. Bereits 1977 drehte er mit «La Soufrière» eine Kurzdoku über eine bevorstehende Mega-Eruption in Guadeloupe. Und 2007 reiste er für «Encounters at the End of the World» in die Antarktis, wo ebenfalls ein aktiver Vulkan lodert. Dort lernte er auch den britischen Vulkanologen Clive Oppenheimer kennen, mit dem Herzog nun für «In den Tiefen des Infernos» aktive Vulkane an Orten wie Indonesien, Äthiopien und Island aufgesucht hat.

Seltene und kostbare Einblicke

Herzog fängt das gewaltige Naturschauspiel in spektakulären Drohnenaufnahmen ein, aber sein wahres Interesse liegt bei den Menschen. Bei den Völkern und Stämmen, die in einer unheilvollen Co-Existenz im Schatten der gottähnlichen Feuerspeier leben und diese mit Ritualen zu besänftigen suchen. Wie funktioniert ein Leben unter dem Damoklesschwert? Herzog findet eine erstaunliche Antwort: Existenzielle Angst wird an solchen Orten mit religiösem Eifer aufgewogen. Und deshalb, analysiert Herzog, sind VulkanMythen ein besonders fruchtbarer Nährboden für Diktaturen.

In den Tiefen des Infernos - Trailer

In den Tiefen des Infernos - Trailer

Der Filmemacher belegt seine These – nicht ohne Schalk – ausgerechnet am Beispiel Nordkorea. Unter dem Vorwand, den sagenumwobenen Vulkan Mount Paektu an der Grenze zu China zu dokumentieren, ist es Herzog gelungen, ins Innere des Diktatorenstaates zu reisen. Ein Coup: Seine Aufnahmen aus dem nordkoreanischen Alltag sind ebenso rar wie kostbar.

Auf faszinierende Art dokumentiert Herzog, wie sich die nordkoreanische Staatspropaganda von der symbolischen Kraft des Vulkans nährt. So erzählt ein dem Filmteam zugewiesener Historiker, wie das «himmlische Volk» Anfang des
20. Jahrhunderts in seiner Not Mount Paektu anbetete. Der Vulkan erhörte sie und gebar in seinem Schlund eine Person, die das nordkoreanische Volk zu Wohlstand und Glückseligkeit führen würde: Kim Il Sung, den «Retter», «Befreier» und «ewigen Präsidenten» Nordkoreas.

Aus diesem Mythos zieht auch das aktuelle Staatsoberhaupt Kraft. Unzählige grosse Gemälde, die Herzog an praktisch allen öffentlichen Orten findet, belegen das. Auf ihnen abgebildet ist Kim Jong Un mit seinem Vater Kim Jong Il, sie stehen am Kraterrand des Mount Peaktu, lächelnd, leuchtend, erhaben. Auch sie sind Kinder des Vulkans, wird hier suggeriert, seine Macht ist auch ihre Macht.

Welch kuriose Blüten Vulkan-Mythen sonst noch treiben, zeigt ein anderes Beispiel aus dem Film: Auf einer Insel im Vanuatu-Archipel trifft Herzog auf einen Stammesältesten, der seine Leute mit eiserner Faust dazu antreibt, einen mythischen amerikanischen Soldaten namens John Frum anzubeten. Denn laut dem Ältesten habe Frum versprochen, eines Tages dem Vulkan zu entsteigen, um den Stamm mit einer Fülle an Konsumgütern einzudecken: Kaugummis, Autos, Kühlschränke, ja sogar Flugzeuge.

Bei aller Absurdität: Statements wie diese lässt Werner Herzog in seinem verblüffenden Film für sich stehen. Er masst sich kein Urteil über seine Subjekte an, lacht sie nie aus. Und wenn der Filmemacher vom einzigen Bewohner der Insel Martinique erzählt, der sich 1902 vor dem Ausbruch des Mount Pelée nicht evakuieren liess, dann schimmert in Herzogs Stimme eher so etwas wie Bewunderung durch – vor diesen Menschen, die «eine andere Einstellung zum Tod haben».

In den Tiefen des Infernos 104 Min. (GB/D/CAN 2016) Regie: Werner Herzog. Jetzt auf Netflix.