Gomringer erzählt in "Recherche" von einer Autorin namens Nora Bossong, die in einem Mietshaus, in dem ein Junge vom Balkon gefallen ist, für ein Buch mit dem Titel "Der Gott der verlorenen Dinge" recherchiert. Mit ihrem Tonbandgerät zieht sie von Wohnung zu Wohnung und realisiert allmählich, dass der Teenager sich umbrachte, weil er wegen seiner angeblichen Homosexualität gemobbt wurde.

Die erfahrene Slam-Poetin setzte bei ihrem Vortrag ihre ganze Bühnenpräsenz ein und imitierte in ihrem hörspielartigen Text alle Stimmen. Im Text spielt sie mit höchster Raffinesse mit der Situation des Vorlesens beim Wettbewerb. "Ist das Mikro an? Test, Test" beginnt die Erzählung, so dass man als Zuschauer meinte, Gomringer teste tatsächlich das Tonband, dabei war es ihre Figur Bossong.

Die Kritiken reichten von "meisterlich gemacht" über "grossartig", "genial" bis zu "raffiniert abgründig". Der Schweizer Juror Juri Steiner, der wie immer aus dem Team herausragte, hat sogar einen versteckten Clou gefunden, wie Gomringers Nicken nahelegt: Der Name "Bossong" erinnere an das Gottesteilchen Higgs-Boson und der Text sei die Versuchsanordnung eines kosmischen Unterfangens.

Atmosphäre und Langeweile

Vor Gomringer las die deutsche Autorin Katerina Poladjan aus "Es ist weit bis Marseille", in dem ein Ehemann durch einen One-Night-Stand so aus der Bahn geworfen wird, dass er beinahe in den Bergen verschollen geht. An dem Text lobte die Jury vor allem die Atmosphäre.

Die vorerst negativsten Voten erntete die Deutsche Saskia Hennig von Lange, die in "Hierbleiben" den inneren Monolog eines Lastwagenfahrers präsentiert, der gerade erfahren hat, dass er Vater ist und darob in kreiselndes Grübeln gerät. Die Jury druckste um den Begriff "langweilig" herum, bis der neue Jury-Obmann Hubert Winkels es schliesslich doch aussprach.