Ausstellung Trudelhaus

Niemand spricht – und doch ist alles laut: Im Trudelhaus treffen Text, Skulptur und Fotografie aufeinander

Bergspitze oder Stalaktit? Die stumme Skulptur von Sara Masügger wirft Fragen auf.

Bergspitze oder Stalaktit? Die stumme Skulptur von Sara Masügger wirft Fragen auf.

Jürg Halter, Sara Masüger und Ester Vonplon vereinen an ihrer Ausstellung im Trudelhaus Baden gekonnt Text, Skulptur und Fotografie. «Niemand hier, der spricht» ist manchmal leise und manchmal unglaublich laut und nimmt den Betrachter mit in eine Welt, in der nur Schwarz und Weiss zu existieren scheint.

Erst ist es nur ein Flackern und Flimmern, dann wird der Boden auf der Leinwand für alle sichtbar langsam mit Schnee bedeckt. Während die ganze Landschaft in Weiss getaucht wird, fliegt das Auge des Betrachters über die an den Wänden aufgedruckten Worte, um sich dann der von der Decke hängenden Skulptur zu widmen.

Wenn dank Jürg Halter, Sara Masüger und Ester Vonplon Text, Skulptur und Fotografie aufeinandertreffen, weiss man nicht immer, wem man als erstes Aufmerksamkeit schenken soll. Zu laut rufen die Kunstwerke nach Beachtung. Dabei sollte doch alles leise sein. «Niemand hier, der spricht» heisst die Ausstellung im Trudelhaus Baden. Und doch kommuniziert hier alles, allen voran das alte Gebäude. Die Treppe knarzt, der Boden quietscht. Wenn sich zwei Menschen unterhalten, scheint das Echo von allen Seiten auf die Besucher zu treffen. Wo unten und oben ist, gerät erschreckend schnell in Vergessenheit.

Die Bilder von Ester Vonplon verstärken diesen Effekt. Eine fast schon unkenntliche Rheinschlucht spielt mit dem Auge des Betrachters ein tückisches Spiel, auf einmal wirkt der Felsen wie in Sonnenlicht getauchtes Wasser. «Man kann das Bild nicht genau verorten, die Perspektive fehlt, der Horizont verschwindet», sagt Co-Kuratorin Jeannette Polin.

Von Halt gebenden Skulpturen und wohlig warmen Gedichten

Halt gibt die Skulptur «Unter uns» von Sara Masüger. Erst wie eine Bergspitze wirkend, wird sie in die Tiefe wandernd zu einem den Raum verschlingenden Gebilde, nur um sich an der letzten Station als von der Decke hängender Stalaktit zu entpuppen.

Wohlig warm sind die Gedichte von Jürg Halter, selbst wenn diese einen allzu oft sprachlos zurücklassen. Wie bei Bild und Skulptur glaubt man hier, zwischen den Zeilen etwas entdeckt zu haben, nur um es auf halbem Weg wieder zu verlieren. Die von den drei Kunstschaffenden konzipierte und erstmals gezeigte Ausstellung zeugt gerade des schönen Zusammenspiels wegen von schaffender Reife. Dass das Trio noch nie in dieser Form zusammengearbeitet hat, klingt fast schon unglaublich. So ging jeder bis jetzt seine eigenen Wege.

Allen voran Halter, der als Dichter, Musiker und Autor von sich reden liess und zuletzt für seinen Roman «Erwachen im 21. Jahrhundert» gar Lob von Jean Ziegler  einheimsen durfte. Masüger, die sich für die skulpturale Darstellung verantwortlich zeigt, hat ihre Werke bis jetzt vor allem in der Ostschweiz im Kunstmuseum Chur oder St. Gallen und dem Nationalmuseum Stockholm ausgestellt.

Auch Vonplon hat sich in den letzten Jahren einen Namen mit diversen Ausstellungen im In-und Ausland gemacht und wie Masüger schon mehrere Preise erhalten. Das alles bereits gestandene Kunstschaffende sind, hat den beiden Co-Kuratorinnen Jeannette Polin und Cornelia Ackermann geholfen, für einmal die Zügel aus der Hand zu geben und sich vom erstellten Konzept überraschen zu lassen.

Eine Welt, in der nur Schwarz und Weiss existiert

Schnell wird sichtbar, wie durchdacht die Ausstellung ist und wie gut die Werke harmonieren. Leere Stellen und Lücken, durchgestrichene Texte und verloren gegangene Buchstaben zeugen vom Verschwinden und Erscheinen, von An- und Abwesenheit. «Alle Arbeiten muss man mit sich ausmachen, man wird als Betrachter stets mit sich selbst konfrontiert. Die Ausstellung lässt viel Raum, um Leerstellen füllen zu können», sagt Jeanette Polin.

«Verortung, Orientierung, Einsamkeit, Auflösung. Das alles spielt eine wichtige Rolle», sagt Co-Kuratorin Cornelia Ackermann passenderweise. Wer keine Projektionsfläche hat und nur auf sich selbst fokussiert ist, geht in dieser Welt, in der nur Schwarz und Weiss existiert um ein Haar verloren. Ein Glück, dass es die Sprache gibt, die atemlos und wie ein beinahe Ertrunkener immer wieder auftauchend allem Sinn verleiht. Was hier gezeigt wird, ist keine belehrende Kunst. Sie ist so ruhig, dass sie teilweise fast schon mit der Umgebung verschmilzt, nur um sich von neuem und mit aller Kraft wieder auf den Betrachter stürzen zu können.

Der schwarze Boden verschluckt Licht und Betrachter gleichermassen, die weissen Wände spucken ihn wieder aus, lassen genug Raum für Gedanken. Immer wieder wird der Besucher mit sich umtanzenden Gegensätzen konfrontiert. Weiche Seide trifft auf die auf ihnen aufgedruckten Felsenbilder, ausradierte Poesie auf kunstvollen Rahmen. Fotografie auf Skulptur und Text. Und doch ergibt am Ende alles Sinn. «Die drei Künstler sprechen eine einheitliche Sprache, man kann alle Arbeiten letztlich gemeinsam lesen. Es fällt schwer, sie einem einzelnen Kunstschaffenden zuzuordnen und eigentlich will man das auch gar nicht», sagt Jeanette Polin.

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