Kriegsfilm

Nicht nur Romeo und Julia im Foltercamp

Am Montagabend bekommt Angelina Jolie an der Berlinale einen Preis für ihr humanitäres und politisches Engagement wie zuvor schon George Clooney oder Sean Penn. Ihr Regiedebüt wird auf dem Balkan dagegen heftig kritisiert.

Es geht um Liebe und Hass in Zeiten des Krieges, gedreht von Angelina Jolie. Der Trailer zu Ihrem Film «In the Land of Blood and Honey» kursiert im Netz, und zahlreich sind die Kommentare serbischer User einerseits und Vergewaltigungsopfer andererseits. Jolie zur Last gelegt wird die Liebesgeschichte eines Opfers (eine bosnische Muslima) zu ihrem serbischen Peiniger. Beide waren ein Liebespaar, als der Krieg ausbricht, werden sie getrennt, finden sich später als Opfer und Täter in einem der 20 geschätzen Vergewaltigungslagern in Bosnien. Das und der Fakt, dass hinter dem Film einer dergrössten Hollywoodstars steht, reicht schon, auf dass der Film auf dem Balkan verdammt wird. Es sei ein schlechter Film, weil die Serben als Bösewichte dargestellt würden. Frauenrechtlerinnen, bosnische Frauenverbände und die Organisation weiblicher Kriegsopfer dagegen sagen, es sei völlig realitätsfremd, dass sich ein Opfer in seinen Täter verlieben würde. Es heisst, Jolie werde instrumentalisiert und uninformiert, mache westliche Propaganda, was nicht überrasche, denn Jolie selbst entstamme einer antiserbischen Familie.

Angelina Jolies Regiedebüt «In the Land of Blood and Honey»

Nicht nur ein UNHCR-Propagandafilm

In den USA hat der Film, für den Jolie in ihrer Heimat nur zögerlich die Werbetrommel rührte, wenig eingespielt. In Europa feierte er am letzten Samstag in Berlin Premiere. Sowohl Filmjournalisten als auch Balkan-Korrespondenten und Kriegsberichterstatter zeigen sich jedoch von Jolies Erstling beeindruckt. Die NZZ nennt ihn «visuell beeindruckend und von beachtlicher Qualität», das CNN-Korrespondenten-Schwergewicht Christiane Amanpour «mutig und aussergewöhnlich». US-Kriegsreporterin Janine de Giovanni, die selbst während des Krieges aus Sarajevo berichtete, bescheinigt dem Film im «Guardian» und Newsweek» «eine sehr hohe Authentizität».

Ein «beeindruckender Film»

Und in der Tat beschönigt der Film nichts, die Exekutionsszenen und die als Kriegswaffe benutzten Vergewaltigungen sind so schonungslos, das in allen Auditorien, in denn der Film gezeigt wird, eine beklemmende Stille herrscht. 50'000 Bosnierinnnen sollen systematisch vergewaltigt worden sein, in speziell dafür aufgebauten Camps, sogenannten Frauenräumen. Auch das, wie wohl  als Mazowiecki-Bericht am Menschengerichtshof in Den Haag vorliegend, wird im ehemaligen Kriegsgebiet bestritten. Jolies Mittel ist die Empathie. Obwohl recht explizit, wird das Bild der Gewalt nur in seinen Folgen gezeigt, nicht im Spektakel selbst. Im Film ist Jolie erstaunlich stilsicher, was leicht in Trivialität abschweifen könnte, vermeidet sie. Wie ein Mensch seine allmähliche und körperliche Zerstörung erlebt, und wie dem Leid ein Ende gemacht werden kann, das sind die zentralen Fragen, die Jolie zu beantworten sucht. «Als ich zum ersten Mal in Bosnien war, realisierte ich, dass die Menschen  dort glaubten, Europa und die Welt hätte  sie vergessen«, erzählt sie di Giovanni, selbst eine der hoch dekorierten Kriegsberichterstatterinnen. «Ich wollte nicht nur das Leiden zeigen, sondern auch, wie mutig diese Menschen waren, ohne irgendjemanden zu beleidigen.»

Jolie, das Sexsymbol, der Actionstar, die sechsfache Mutter, könnte auch wie viele ihrer Kolleginnen einen Blog über Kinderaufzucht, Mode oder Vielfliegerratgeber schreiben, und ihr Vermögen vermehren mit Rollen als taffe Kriegerin und verführerische Agentin. Stattdessen reist sie für die Vereinten Nationen in die Krisengebiete der Welt. Aus einem hat sie jetzt ein Drehbuch und einen Film gemacht. Das zumindest verdient unseren Respekt.

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