Literatur

Neues vom grossen Lyriker Klaus Merz: Mit «firma» legt er zwei Werke in einem vor

Klaus Merz hat schon immer an jedem Buch gefeilt, als sei es sein letztes.

Klaus Merz ist für seine Kürzestgedichte bekannt, in denen unserem Blick vom vermeintlich Selbstverständlichen feinste Risse zugefügt werden. Sein neues Werk «firma» skizziert auf hintersinnige Weise den Arbeitsalltag einer Firmenbelegschaft über einen Zeitraum von 50 Jahren. Ein Gespräch über die Aufgabe der Lyrik.

Fest eingebunden liegt das vielfach ausgezeichnete Gesamtwerk von Klaus Merz vor, siebenbändig im Schuber steht es auf sicherem Fuss. 2015 wurde die Sache rund, zum 70. Geburtstag des Autors. Das Werk steht. Doch es gibt auch ein Werk nach der bestehenden Werkausgabe. Bereits im Band «Helios Transport» zeigte Merz noch einmal, wofür er seit Jahrzehnten geschätzt wird: Kürzestgedichte, in denen unserem Blick und Begriff von der vermeintlich selbstverständlichen Lebenswelt Risse zugefügt werden– feinste Risse, die doch in die Tiefe reichen.

Mit dem Band «firma» kommt nun in formaler Hinsicht noch einmal etwas Neues: Ein Werk, das eigentlich aus zwei Werken besteht. Vor einem Gedichtteil kommt zunächst eine Folge von Prosastücken, «Aus der Firmengeschichte 1968–2018». Fünfzig Prosaminiaturen skizzieren reduziert, aber hintersinnig «Denkwürdigkeiten» aus dem Arbeitsalltag einer Firmenbelegschaft. Die Texte sind in der ersten Person Plural gehalten. «Hier spricht nun eben ein lyrisches Wir», erklärt Merz schmunzelnd beim Gespräch, zu dem wir ihn in seinem Haus im Neudorf, hoch oben an den verschneiten Hängen von Unterkulm treffen.

Die wichtigen Geschichten

Anlässlich eines Jubiläums heisst es im Buch etwa: «Unsere Belegschaft lässt sich nicht lumpen und stimmt ein Loblied auf die Firma an.» Mit solchen scheinbar nebensächlichen Zugriffen auf den Firmenbetrieb und Anekdoten um deren Personal entsteht eine Chronik, die ganz bei den Menschen und ihren Nöten und Freuden angesiedelt ist. In seiner Firmengeschichte «geht es nicht darum, was man produziert, sondern wie», sagt Merz. Was in der Firma tatsächlich hergestellt wird, weiss der Leser nicht, und es ist auch nicht wichtig. «Was sind, aus Sicht der Belegschaft, die wichtigen Geschichten?», das sei die Grundfrage.

Die Terroranschläge vom 9. September 2011 etwa gehen in der Chronik fast unter. Denn an dem Tag brennt es beim Untermieter der Firma, und das eigene Dach droht Feuer zu fangen. Merz erinnert im Gespräch an die Zeilen aus Bertolt Brechts «Fragen eines lesenden Arbeiters»: «Cäsar schlug die Gallier. / Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?» Mit den welthistorischen Ereignissen ist noch lange nicht alles gesagt, ja vielleicht noch kaum das Wesentliche.

Die Firma ist fiktiv, doch Merz sagt, es sei auch ein sehr persönliches Buch. «Meine ganze Lebenswelt grundiert die Texte.» Allerdings nicht im Sinn einer Autobiografie: «Daran war ich nie interessiert.» Auch in seinem bewegenden Buch «Jakob schläft», das von seinem Bruder handelt, der bei der Geburt verstorben war, sei es ihm darum gegangen, die Figuren sprechen zu lassen, ihnen ein Denkmal zu setzen und selbst in den Hintergrund zu treten.

Im Lyrikteil des Bandes sind einige Stücke versammelt, wie man sie von Merz kennt: Ultrakurz, verdichtet, lakonisch, und zuweilen nah am Kalauer vorbeischrammend – aber mit dem Hintersinn, mit der Nuance, die in jedem Wort steckt, eben tatsächlich schrammend. So etwa in «Nationalfeiertag», das den 1. August abhandelt: «Heimat erfahren / heisst auch: / Zwischen alten / Fürzen ruhen.»

Vergleichsweise epische Dimensionen erreicht dagegen das Gedicht, das dem zweiten Buchteil den Titel gibt, «Über den Zaun hinaus». Es benötigt mit seinen sechzehn Zeilen fast eine ganze Seite. Hier ist das lyrische Ich wieder im gewohnten Singular da. Auf dem Friedhof blickt es zurück auf die Beerdigung der Familienmitglieder, beginnend mit der Grossmutter. «Auch Vater, Mutter, / mein kleiner Bruder, sie setzten sich / bald von mir ab, folgten in leidlichem / Abstand den Vorausgegangenen.»

Leise und fast beiläufig ist diese Klage über den letalen Zahn der Zeit. Zu mehr Klage lässt sich Merz nicht hinreissen. Später im Gedicht springen die eigenen Kinder ins Bild, spielend und Fragen stellend. Und die Klage des Sprechers ist am Ende in einer Geste aufgehoben, die zugleich von Kindlichkeit und Gelassenheit zeugt: «Vom nahen Tennisplatz / spritzte ein Ball vor unsere Füsse, wir / steckten ihn ein. Als Zeichen von drüben.» Ein wunderbares Bild, das sich Merz nicht aus den Fingern gesogen hat. In Menziken, wo er aufwuchs, war der Friedhof früher tatsächlich in unmittelbarer Nachbarschaft von Tennisplatz und Badeanstalt, wie er erzählt.

Mag sein, dass sich auch in solchem Nebeneinander von Tod und Leben die eigentümliche Verwobenheit von Selbstverständlichkeit und Unbegreiflichkeit manifestiert, der Merz im Gedicht «Leicht gesagt» auf der Spur ist: «Unter lauter selbst- / verständlichen Dingen / verbringen wir den / unbegreiflichen Tag», heisst es darin. Ob denn die Vermittlung zwischen den beiden Polen auch Aufgabe der Lyrik ist? Bestimmt, sagt Merz, das scheinbar Selbstverständliche nicht unhinterfragt wiederzugeben, sondern zu hinterleuchten, gehöre doch zum Pflichtenheft der Literatur.

Der Darstellung verpflichtet

Das kann zugleich widerständige, aber auch erhellende oder gar tröstliche Aspekte haben, wie der «Rauriser Notiz» zu entnehmen ist: «Eine Sprache finden, / Worte, die nicht / über das Erzählte / hinwegflutschen, / sondern Reibung / erzeugen, Wärme, / Licht.» Ob man das in erster Linie verstörend oder versöhnlich empfindet, ist wohl dem Leser überlassen. Merz sieht sich als Dichter nicht für die Auslegung der Welt zuständig. «Ich bin der Darstellung verpflichtet, nicht der Explikation.»

Seines eigenen Wirkens scheint sich Klaus Merz sehr sicher zu sein. Im Gespräch über sein Buch zitiert er auswendig und erinnert auch an Stellen aus früheren Werken. Er weist auf Nuancen und Bedeutungsebenen hin und warnt vor allzu eiliger Lektüre. Er ist, nun ja, «firm» – ein altes Wort für sicher und kundig. Und auch sein Buch «firma» ist firm – stichhaltig und fest. Man merkt ihm die Konsistenz in jeder Zeile an, kann die Probe machen, wo man will – sei es in der Lektüre des Textes oder sei es im Gespräch mit dem Autor.

Das kommt nicht von ungefähr. Merz erzählt, er habe schon immer an jedem Buch gefeilt, als wäre es sein letztes. «Steht es nun? Kann es bestehen?» Ist das Werk «firma», dessen letztes Gedicht Klaus Merz mit seiner Unterschrift «gez. km» gleichsam bezeugt und beglaubigt, nun etwa endgültig das letzte? Seit einigen Jahren mache er jedenfalls nicht mehr so streng Notizen wie zuvor. «Vorab nehmen», sagt er. Was auf diese Weise noch kommt, dürfte Lyrik von der firmsten Sorte sein.

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