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Neues Album «Tumult»: Herbert Grönemeyer zeigt klare Kante

Herbert Grönemeyer: «Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit. Die grosse Mehrheit ist offen.»

Herbert Grönemeyer: «Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit. Die grosse Mehrheit ist offen.»

Herbert Grönemeyers fünfzehntes Album, «Tumult», ist stark von der politischen Lage geprägt. Und trotzdem ist es sehr unterhaltsam, poetisch und ergreifend.

«Die Zeiten sind nicht mehr danach, dass man auf dem Sofa sitzen bleibt», sagt Herbert Grönemeyer. «Jeder von uns ist gefragt und gefordert, sich zu engagieren und Gesicht zu zeigen. Wir trommeln jetzt alle so lange, bis wir den Rechten den Atem rauben.»

Albumpräsentationen mit Deutschlands erfolgreichstem Musiker haben etwas Rituelles. Die Plattenfirma lädt ein, dieses Mal in das Berliner Luxushotel «Das Stue». Gut hundert Medienvertreter hören die neuen Songs, anschliessend federt Herbert aus der Kulisse und lässt sich befragen. Er sitzt auf einem Barhocker und zischt ein Bierchen aus dem Schwarzwald. Seine Laune ist vorzüglich, die von der Moderatorin zugespielten Bälle zu seinem Tanzverhalten (eine Art Running Gag) versenkt er sicher im Netz.

Dennoch: Etwas ist anders an diesem Abend. Der Grundton der ganzen Veranstaltung, auch der Grundton des sechzehn Stücke langen «Tumult»-Albums, ist markant ernster als üblich. Die Gesellschaft ist verunsichert, schlingernd, fragil und in Aufruhr. Und ein Grönemeyer, stets nah dran an der Befindlichkeit seiner Mitmenschen, prescht inmitten dieses nervösen Grundgeraunes vehementer in politische Gefilde vor. «Die Frage ist: Wie zeigen wir den Rechten klare Kante? Wie schaffen wir es, uns zusammenzurotten, egal ob wir von der linksliberalen oder der wertkonservativen Seite kommen? Wir müssen alle näher zusammenrücken und fest zusammenstehen, das ist entscheidend.»

Der Hoffnungsträger

Grönemeyer, seiner 62 Jahre zum Trotz ganz in Schwarz und mit cooler Designerbrille («Die muss ich wirklich tragen») einer zeitlosen Erscheinung sehr nahekommend, will mit seiner Musik ein Hoffnungsträger sein. Die «#unteilbar»-Demo in Berlin mit 240 000 Teilnehmern, das «Festival für Demokratie und Toleranz» im mecklenburg-vorpommerschen Jamel, bei dem er auftrat, die nach wie vor zahllosen ehrenamtlichen Flüchtlingskümmerer, all das bewege ihn tief. «Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit. In Deutschland herrscht kein rechter Geist. Die grosse Mehrheit der Menschen ist offen, aufgeklärt und humanistisch.» Zugleich halte er den Rechtsschwenk für ein Problem, «das man nicht mit einem Mausklick» wegbekomme. «Das Thema wird uns die nächsten zehn Jahre begleiten.»

Nun kann man nicht behaupten, dass Grönemeyer die Politik plötzlich für sich entdeckt hat. «Mit Gott auf unserer Seite» vom Album «Ö» (1988) griff er damals den Selbstmord Uwe Barschels auf, «Die Härte» von 1993 brillierte mit der Zeile «Hart im Hirn, weich in der Birne», schon damals litt das frisch wiedervereinigte Land am Rechtsextremismus. Fakt ist freilich, dass die politischen Lieder auf dem neuen Album einerseits stärker in den Mittelpunkt gerückt sind, aber auch stärker wahrgenommen werden, die Ohren des Landes sind in diese Richtung einfach sehr gespitzt.

Und so erregt ein Lied wie «Doppelherz/Iki Gönlüm», auf dem Grönemeyer auch auf Türkisch darüber singt, wie gut sich das Reisen als Mittel gegen Engstirnigkeit eignet, eben stärker als in normalen Zeiten. «Ich finde es völlig in Ordnung, wenn die Leute meine Musik nicht mögen», so der Musiker. «Hass bin ich gewohnt.» Für ihn sei nur wichtig: «Ist es ein gutes oder ein schlechtes Lied? Groovt und steppt es?» Das tut es.

Beschwingt und leichtfüssig

Überhaupt ist Grönemeyers Auseinandersetzung mit dem Politischen auf «Tumult» eher «beschwingt und leichtfüssig», wie er selbst es beschreibt, als schwer und düster. Die aufrüttelnden Stücke wie «Bist du da» oder «Fall der Fälle» drängen musikalisch nach vorn, zählen zu den schmissigsten der wie immer von Alex Silva co-produzierten Platte, gar ein Chor kommt zum Einsatz.

Das aufmunternde, mutmachende «Taufrisch» (musikalisch ein klassischer Grönemeyer) taugt auch als Motivationssong vor der Alpenquerung («Warten bis der Tag bricht / und die Sonne sich regt / uns wiederbelebt / jetzt erst recht»). Das von Keyboards geprägte «Leichtsinn & Liebe» hebt die Laune mit grossem, melodisch eingängigem Pop.

Dass «Tumult» trotz der heiteren Momente, zu denen auch die Liebes- und Glückslieder «Sekundenglück» und «Mein Lebensstrahlen» zählen, insgesamt einen für Grönemeyer-Verhältnisse melancholischen und dunklen Eindruck hinterlässt, liegt gar nicht so sehr an den politischen, sondern an den persönlichen, selbstzweifelnden Songs. Auf «Warum» zum Beispiel thematisiert der Künstler, der in Deutschland alle zehn Alben seit «4630 Bochum» auf Platz Eins platzieren konnte, Angst und Selbstzweifel. «Manchmal ist der Druck fast unerträglich», sagt er.

Auch «Verwandt», ein Lied über eine Liebe, die nicht sein soll, berührt, bevor es am Ende doch noch mitreisst. Die Klavierballade «Wartezimmer der Welt» ist intensiv und hinterlässt den Hörer traurig, bevor Herbert mit dem popfeierlichen, festlichen, gar Gospel-nahen «Und immer» der Schwermut den Garaus macht.

Grönemeyer, der das Album an diesem Abend selbst zum ersten Mal «halbwegs entspannt» angehört haben will, habe zu den Liedern noch ein «vorsichtiges Verhältnis». Er sei da noch «etwas verkrampft». Muss er aber nicht. «Tumult» ist ein würdiges Mittelspätwerk, die Melodien solide bis richtig stark, die Texte tiefgründig, der Politikaspekt wird mit Zuversicht, aber ohne Blauäugigkeit behandelt.

Er küsst weiter

Dieser Mann, so mopsfidel und mit sich im Reinen, wie er mit seinem Bier an der Theke steht, ist noch längst nicht am Ende seiner Kunst. Mit dem Liederschreiben, sagt Grönemeyer und setzt seinen verschmitztesten Gesichtsausdruck auf, sei es wie mit dem Austausch zwischenmenschlicher Zärtlichkeiten. «Auch, wenn du schon 60 Jahre lang geküsst hast, hörst du nicht einfach damit auf.»

Er zumindest nicht. «Was das Küssen angeht, so bleibe ich dran.» Was die Musik angeht selbstverständlich auch. «Es treibt mich einfach weiter an, weil ich Musik machen will und muss. Ich werde so lange weitermachen, bis ich das Gefühl habe, jetzt bin ich nur noch peinlich. Ich stehe sehr gerne auf der Bühne und singe. Das ist das ultimative Glücksgefühl.» Und ausserdem: In welchem Beruf gebe es das schon, dass die Leute klatschen, wenn man zur Arbeit kommt?» Unter lang anhaltendem Beifall trinkt Herbert sein Bier aus und lächelt.

Herbert Grönemeyer «Tumult» (Universal Music). Ab 9. November.

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