Roman

Neuer Roman «Jenseits der Erwartungen» – die Geheimnisse der anderen

Das Cover von Russos neuem Roman.

Das Cover von Russos neuem Roman.

Mit seinem neuen Werk hat Richard Russo einen weiteren so tiefgründigen wie hoch unterhaltsamen Roman vorgelegt.

Eine Jungsgeschichte? Ein Männerroman? Wollte man das neue Buch des 71-jährigen amerikanischen Schriftstellers Richard Russo in eine Kategorie packen, dann könnte man es nach Lektüre der ersten Kapitel mit diesen probieren. Nur, dass man damit völlig falsch läge.

Das Männerwochenende, zu dem sich die drei Freunde Teddy, Mickey und Lincoln in Lincolns Sommerhaus auf Cape Cod treffen, irgendwann während der zweiten Amtszeit von Präsident Obama, stellt nur den erzählerischen Rahmen dar.

Von hier aus – dem Bier auf der Veranda, den angespannten Begegnungen mit dem rüpelhaften Nachbarn, den Spaziergängen ans Meer – geht es geradewegs in die Tiefe von Vergangenheit und Beziehungen.

Mehr als 40 Jahre ist das Wochenende her, das sie Anfang 20-jährig und als Abschluss ihrer Collegejahre am selben Ort in derselben Konstellation verbracht hatten– fast in derselben. Denn der «vierte Musketier» in dieser Freundesgruppe, die wunderbare wilde Jacy, in die sie alle drei verliebt waren, war damals dabei und blieb nach dem Wochenende spurlos verschwunden.

Genau hier schliessen sie nun an: Mickey, dem es damals nur um Rock ’n’ Roll ging und der die Einberufung in den Vietnamkrieg in der Tasche hatte. Lincoln, der seinem engstirnigen Vater entkommen war und seine Zukunft mit der Mitstudentin Anita plante.

Und Teddy, Einzelkind egozentrischer Eltern, dessen emotionale Vernachlässigung schon erste Schäden angerichtet hatte. Vor allem fürchtete er die Einsamkeit, in die er in der ungewissen Zukunft nach dem College wieder stürzen – und die sich nach dem kurzen zärtlichen Moment mit Jacy am Strand wohl eher zuspitzen würde.

Wo ist die wunderbare, wilde Jacy?

Denn wer war Jacy überhaupt? Wo ist sie heute, die so einfallsreich und verführerisch war, selbstbewusst und schlagfertig, liebevoll und fremd? Aus reichem Haus, lebte sie in einer anderen Welt als die drei, und dass nicht nur ihr Verschwinden, sondern auch diese Herkunft unabsehbare Geheimnisse barg, darauf stösst sie das Leben erst jetzt.

Denn sind nicht «gerade die Dinge, die wir geheim halten, oft Teil unseres Wesenskerns»? Teddy sinnt: «Wir lassen den anderen ihre Geheimnisse, bilden uns jedoch ein, die Menschen dennoch zu kennen. Jacy zum Beispiel. Wir waren alle in sie verliebt, aber was wussten wir wirklich über sie?»

Richard Russos grossartiger Roman geht weit über diesen kriminalistisch spannenden Plot hinaus; vielmehr nutzt er ihn, um die Frage nach dem Wesen von Beziehungen komplex in verschiedene Ebenen hinein zu entfalten. Was genau meinen wir, wenn wir jemanden lieben? Und wie viel spezifische, auf neurotische oder sogar traumatische Herkunftszusammenhänge zurückgehende Einsamkeit ist anderen überhaupt vermittelbar?

Was im persönlichen Kosmos einer Freundesgeschichte, unter Aufwendung von Wahrhaftigkeit, von Konfrontation und Selbstreflexion eingeholt werden kann – und auch das erst 40 Jahre später, – das, so entnimmt man es Richard Russo zwischen den Zeilen, bleibt gesamtgesellschaftlich wohl nur ein schöner Traum.

«Lincoln lächelte ... Von den vielen Hühnchen, die er mit Präsident Obama zu rupfen hatte, stand das ganz oben auf seiner Liste: Dieser Mann glaubte tatsächlich, die Welt sei ein rationaler Ort und die meisten Menschen seien vernunftbegabt und guten Willens.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1