Kultur

Neue Ausstellung im Aarauer Forum Schlossplatz: In 37 Schritten in die literarische Aare

Kuratorin Christa Baumberger kniet bei Ilma Rakusas «Wasserinventar».

Kuratorin Christa Baumberger kniet bei Ilma Rakusas «Wasserinventar».

Im Forum Schlossplatz murmelt, plätschert, wogt Literatur. Die Ausstellung «Im Fluss» öffnet fast alle Sinne für heimische Wasserliteratur von Paul Haller über Erika Burkart bis Hansjörg Schneider.

Was für ein schöner Empfang: Vom Schlossplatz her kommend, wird man gleich in Stimmung versetzt und in Schwung gebracht. Zwischen Gartentor und Hauseingang liegen 37 weisse, schmale Betonbalken auf dem Kiesweg. Ihr Abstand: Schrittlänge Schlendern. «Kinder dürfen da gerne Zickzack laufen», sagt Kuratorin Christa Baumberger. Ein beschwingter Empfang, das ist auch ihre erklärte Absicht. Auf jedem der Balken steht eine Zeile von Ilma Rakusas Gedicht «Wasserinventar», das mit «Fruchtwasser» beginnt und mit «Sprudelwasser» endet. Man darf also erfrischt in die altehrwürdige, vornehme Villa eintreten. Ob es drinnen auch so spielerisch und augenbetörend weitergeht?

Literatur in Bild, Ton und Kunst übersetzt

Im Foyer vernimmt man jedenfalls gleich mal ein dezentes Murmeln und Plätschern. Und beim Blick ins Nebenzimmer stechen Zitate ins Auge: «Bremgarten fällt beinahe ins Wasser» und «Die Strasse hat uns das Schlängeln vorgemacht». Aber halt: Das wäre vorgegriffen. Denn das Langgedicht von Zsuzsanna Gahse ist sozusagen das literarische Dessert im letzten Raum der Ausstellung.

Zuerst folgt man dem geheimnisvollen Murmeln aus dem Lautsprecher, eine Tonaufnahme vom Aare­grund, wo Kiesel strömungsbedingt übereinander purzeln. Am Ende des Korridors lockt eine grossflächige Videoprojektion, eine Unterwasseraufnahme, auf der einem Algen zuwinken und unbekümmerte Fische sich träge über dem sandigen Grund schweben lassen. Man ist mit den eigenen Erfahrungen gefordert: Glücklich schwebend oder ängstlich vor dem verschlingenden Bodenlosen?

Da ist schon klar: Hier reduziert sich Literatur nicht auf eine «Flachwarenausstellung». So nennt Kuratorin Christa Baumberger Ausstellungen, in denen Manuskripte in Vitrinen unter Glas bestaunt werden sollen. Sie war zwar jahrelang Kuratorin im Schweizerischen Literaturarchiv der Nationalbibliothek und sagt von sich selbst, sie sei eine «absolute Aficionada», also eine Liebhaberin solcher Archivalien. Aber für «Im Fluss» hatte sie sich zusammen mit dem Szenografen Simon Husslein die Frage gestellt: «Was kann eine Ausstellung leisten, das ein Buch nicht kann?» Die Antwort: Literarische Motive und Themen ins Bild übersetzen, mit Ton- und Videostationen Texte erlebbar machen, Autorinnen und Autoren von Paul Haller und Erika Burkart bis Silja Walter und Hansjörg Schneider kennen lernen – und nicht zuletzt Literatur mit Kunst in einen spielerischen Dialog bringen.

«Die Aare kann ich mir nicht männlich vorstellen»

Das gelingt hier auf eine wunderbar leichte Weise, abwechslungsreich, sinnlich und doch sehr informativ. Das leicht Geschwungene der Videoleinwand setzt sich in den weiteren Räumen fort als gewellte Wand. Man bleibt also lesend, hörend und Videos schauend in Bewegung. Die Ausstellung setzt bei Paracelsus und seinem «Buch von den Nymphen» aus dem Jahr 1590 an – und hüpft 400 Jahre weiter zu Hansjörg Schneiders mythologisch aufgeladenem Roman «Das Wasserzeichen» mit dem magischen Wassermenschen Moses Bins- wanger. «Die Aare kann ich mir nicht männlich vorstellen. Sie ist weiblich, eine Mutter», so ein Zitat an der Wand. In Videosequenzen kann man in die Theaterfassung aus dem Jahr 2009 eintauchen. Ein katastrophisches Verhältnis zum Wasser hat Christian Haller: Als ein Hochwasser sein Haus unterspülte, löste das einen Erinnerungsstrom aus, woraus eine autobiografische Romantrilogie entstand, worüber er in einem Fernsehgespräch Auskunft gibt.

Bei den weiteren Themen «Flusswandern», «Ufer und Übergänge» und «Schreibfluss» trifft man Roman Signers rotes Kajak und Markus Kirchhofers Kajak-Gedichte, Erika Burkarts Gedichte, die von der Frage handeln, was nach der «letzten Überfahrt» geschieht, und hört ein äusserst interessantes Radiogespräch zwischen den Geschwistern Silja und Otto F. Walter mit ihren gegensätzlichen Schreibstandpunkten: Sie im Kloster, er politisch engagiert.

Bei allen Themen sind Zitate, Kurzbiografien und Videostationen ergänzt mit Kunstwerken. Das Dessert: Zsuzsanna Gahses Text «Für» aus dem Jahr 2005, in welchem sie eine Fahrt durch den Aargau verarbeitet, liest man im abschliessenden Raum auf neun Tafeln vollständig. In der Remise vor dem Forum kann man die Antworten von neun Autorinnen und Autoren hören auf die Frage «Was löst in Ihnen den Schreibstrom aus?» Und wer sich von alledem zu einem eigenen Text angeregt fühlt, setzt sich im ersten Stock in die Abstellkammer, schaut durch das Fenster auf die Aare und schreibt seinen Wassertext.

Ausstellung «Im Fluss - »: Forum Schlossplatz Aarau, bis 10.1.2021. Vernissage morgen Donnerstag, 3.9., 18.30 Uhr, mit einer Wasserlesung von Klaus Merz. www.forumschlossplatz.ch

Autor

Hansruedi Kugler

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