Es ist himmeltraurig: Die eine, seit neun Monaten Mutter und Kontrollfreak, wartet vergeblich auf den ersehnten Heiratsantrag. Die zweite sehnt ihre baldmöglichste Scheidung herbei. Die dritte ist seit 30 Jahren mit Fritz verheiratet, dessen grösste Leidenschaft das Laubblasen ist. Und Nummer vier hat nebst einem Mordskater im Kopf lediglich die Erinnerung, in der Nacht zuvor, also vor ihrem Hochzeitstag, den besten Sex ihres Lebens gehabt zu haben; nicht erinnerlich ist ihr allerdings, mit wem.

Rotzfreche Dialoge

In «Heisse Zeiten» hatte das weitgehend namenlose Quartett, bestehend aus einer bodenständig-provinziellen «Hausfrau», einer frustrierten «Jungen», einer arroganten «Vornehmen» und einer lebenslustigen «Karrierefrau», sich zufällig an einem Flughafen kennen gelernt. Die Revue rund ums Thema Wechseljahre hatte nach ihrer Uraufführung in Hamburg über mehrere Spielzeiten in Deutschland und hierzulande für volle Theatersäle gesorgt. Jetzt treffen die vier, ein paar Jährchen älter, in der Hochzeitssuite eines Nobelhotels wieder zusammen. Die «Karrierefrau» hat die anderen drei als ihre Brautjungfern auserkoren. Allerdings trübt am Hochzeitsmorgen die Tatsache, dass der Bräutigam verschwunden ist, die Vorfreude ebenso wie der Zustand der Braut nach deren Polternacht.

3- bis 6-Tage-Bärte

Diese Umstände liefern den Stoff, das Für und Wider vom Heiraten facettenreich zu beleuchten. Die vier tun es vorwiegend spöttisch, sarkastisch, giftig, resigniert, aber durchaus auch versöhnlich und berührend. Rotzfrech sind die Dialoge und gespickt mit mitreissenden Pointen. Hemmungen waren gestern – heute gehts zur Sache. Verbal und gestisch auch mal unter die Gürtellinie – nicht nur haar-, nein voll scharf, aber nie peinlich.

Denn komödiantisch gekonnt überhöht, mit frechen Gags gesalzen, mit musikalischen Einlagen gepfeffert und hochprofessionell umgesetzt, bietet «Höchste Zeit» alles, was das Herz von einem höchst vergnüglichen Abend erwartet – inklusive Tränen. Solche, vor lauter Lachen vergossen, ruinieren das Augen-Make-up von gar so mancher Zuschauerin. Was macht das schon, wo die ironischen Feststellungen über Schlupflieder und Tränensäcke, Arthrose und Arteriosklerose einem so wunderbar die Gewissheit vermitteln, mit alledem nicht alleine dazustehen. Das Amüsement der im Publikum stark untervertretenen Männer mag naturgemäss geringer sein. Für unsereins aber ist die Revue Wellness fürs Gemüt, ein Befreiungsschlag wider lauernde Beziehungskrisen, ein herrlicher Muntermacher für gediegenes Älterwerden.

Ein Dankeschön hierfür geht, nebst dem hinreissenden Plot und den begeisternden Darstellerinnen, auch an die vier Zimmermädchen vom Nobelhotel: Unter den weissen Bob-Frisuren tragen sie 3- bis 6-Tage-Bärte. Mit den Händen bearbeiten sie Keyboard, Bass, Gitarre und Schlagzeug und geben der Braut und ihren Jungfern virtuos Schützenhilfe, wenn diese ihre textlichen Versionen von bekannten Songs mitreissend bravourös singen. Songs unter anderem von Cher, Aretha Franklin, der Piaf – und immer wieder von «Ti amo»-Howie. Denn in der Hochzeitssuite logieren die vier Frauen nicht «Tür an Tür mit Alice», sondern mit ... Howard Carpendale. Und das bringt ganz besonders die «Hausfrau» aus Pinneberg total aus dem Häuschen.

Sie (Sabine Urig) ist denn auch klar der grösste Sympathieträger, was aber die grossartigen Leistungen auch der anderen drei (Anna Bolk, Caroline Kiesewetter und Ines Martinez) in keiner Weise schmälert. Ob quasselnd, singend, tanzend oder stumm – jede für sich und alle zusammen sind sie umwerfend. Kurzum – es lohnt sehr, sich Zeit zu nehmen für «Höchste Zeit».

Höchste Zeit Vorstellungen:
bis 9. 9., Theater National Bern;
11. –  17. 9., Volkshaus Zürich;
19. – 25. 9., Musical Theater Basel.

www.hoechstezeit.com