Nachlass

Nach dem Tod droht vielen Künstlern und ihrem Werk das Vergessen

Was passiert mit dem Werk eines Künstlers nach dessen Tod? Eine neue Beratungsstelle bietet Hilfe an. Corbis/Getty Images

Was passiert mit dem Werk eines Künstlers nach dessen Tod? Eine neue Beratungsstelle bietet Hilfe an. Corbis/Getty Images

Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft baut eine Beratungsstelle für Künstlernachlässe auf. Diese soll praxisorientierte Informationen liefern. Zum Beispiel Anleitungen zum Verfassen von Werkverzeichnissen.

Es gibt sie, die Museen, die ihre Sammlung und Ausstellungen einem Künstler, seinen Nachfolgern und Wahlverwandten widmen. Schweizweit zu den grösseren unter ihnen zählt das Museum Jean Tinguely – ein Geschenk von Hoffmann La Roche an Basels Öffentlichkeit anlässlich des 100-Jahr-Firmenjubiläums.

Es gibt auch die glückliche Koalition zwischen Showroom, Werkstatt und Galerie wie beim Nachlass des Bildhauers Hans Josephson: Seine Plastiken sind in der Kunstgiesserei Sitterwerk St. Gallen restauratorisch aufgehoben, behalten durch Unternehmen und Galerie Hauser und Wirth Anschluss an den Kunstmarkt und locken Liebhaber des Werks in die Ostschweiz. Gemessen an der Gesamtheit von künstlerischen Hinterlassenschaften, bleibt solche Zuwendung die Ausnahme.

Weit häufiger sehen sich private Nachkommen und Nachlassverwalter mit Fragen konfrontiert, deren Antwort weder Museen noch Galerien an sich nehmen. Wer interessiert sich für die Bilder des verstorbenen Onkels? Wo sind die Grenzen eines Werks, wenn neben signierten Bildern auch Skizzen, Modelle, Schriftstücke, digitale Daten erhalten sind?

Künstlerische Nachlässe sind mehr als Ansammlungen von Werken, die der Kunstmarkt aufnimmt beziehungsweise als wenig wertvoll aberkennt. Sie treffen auf Erben als Speicher gelebten Lebens. Sie belegen ein Ringen um inhaltliche Präzision und formale Eigenständigkeit. Sie sind Zeugen von Errungenschaften und Verunsicherung. Wohin mit der Kunst?

Im Abseits des Markts

Die heutige Dynamik von Kunsthandel und Ausstellungsbetrieb verspricht Leitbilder der Wertschöpfung eher in der Gegenwart als im Aufarbeiten von Kunst, deren Urheber nicht mehr für sie sprechen können. Mancher Nachlass, der nach dem Tod eines Künstlers oder einer Künstlerin die Hand wechselt, hat darum einen schweren Stand. Nicht selten droht dem Œuvre mittelfristig das Vergessen.

Ungeordnet ist seine Vergleichbarkeit eingeschränkt und der Wert schwer einzuschätzen, die Einordnung in die regionale oder nationale Kunstgeschichte bleibt aus. Nicht nur für Künstlerinnen und Künstler der älteren Generation kann die Frage nach dem langfristigen Verbleib des eigenen Schaffens zu einer herausfordernden Schlüsselfrage werden.

Nun entwickelt das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft eine Beratungsstelle für Künstlernachlässe. Das SIK mit Hauptsitz in Zürich nimmt keine Schätzungen vor, sondern bündelt praxisorientierte Informationen im Umgang mit Kunst in ihren kulturell, ökonomisch, emotional und materiell komplexen Dimensionen.

Neben Anleitungen zum Verfassen von Werkverzeichnissen und Dokumentationen stellt es auch Informationen über rechtliche und steuerliche Belange in Aussicht. In Zusammenarbeit mit Berufsverbänden, Archiven und Museen werden Workshops für das Thema sensibilisieren. Adressiert sind neben Erben und Nachlassverwalter auch Kunstschaffende, die ihrem Tun langfristig Sichtbarkeit und allfällig eine Bearbeitung sichern möchten.

Vorarbeit und Modelle

Dabei kann sich das SIK auf eine Generation berufen, die sich bewusst dem Thema stellt. Künstlerinnen und Künstler publizieren auf professionellem Niveau und gehen Komplizenschaften ein mit Kuratorinnen, Schreibenden und Webdesignern. Angesichts der kontinuierlichen Selbstdokumentation auch von temporärer und ortspezifischer Kunst wird die digitale Spurensicherung in den nächsten Jahrzehnten an Bedeutung gewinnen.

Auch die Tendenz vom analogen Depot in die digitalen Speichergefässe ist beim Aufbau der Beratungsstelle Thema. Projektleiter Dr. Matthias Oberli geht denn auch gezielt Partnerschaften ein. So steht das SIK im Kontakt mit der Hochschule der Künste Bern, die seit Jahren die Konservierung digitaler Kunstwerke zum Thema hat. Oder mit der Szene der Schweizer Performancekunst, die etwa unter dem Label PANCH (Performance Art Network) als Veranstalterinnen und Förderer das Gespräch, die Kritik, die Überlieferung ihres Schaffens herausfordert.

Mittel- und längerfristig steht die Frage auf dem Spiel, ob und wie weit auch die öffentliche Hand ein Interesse, gar eine Verpflichtung hat, sich des Nachlasses von Künstlerinnen und Künstlern anzunehmen. Denn eine Förderung, die nicht auch das Geförderte im Auge behält, riskiert den Vorwurf kurzsichtigen Handelns. Vier privatrechtliche Förderer beteiligen sich an der Beratungsstelle.

Die Christoph-Merian-Stiftung, die Ernst-Göhner-Stiftung, die Sophie-und- Karl-Binding-Stiftung sowie die UBS-Kulturstiftung anerkennen, dass das, was sie über Jahrzehnte unterstützen, in der Nachwelt als kulturelles Erbe ein Echo behalten soll.

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