Würdigung

Nach 36 Jahren ist Schluss: Flamencos en route geht mit Wehklage und Lustschrei auf Abschiedstour

«feu sacré», eine Produktion der Tanzcompagnie Flamencos en route, im Kloster Fahr, Premiere 29. August 2019.

«feu sacré», eine Produktion der Tanzcompagnie Flamencos en route, im Kloster Fahr, Premiere 29. August 2019.

Brigitta Luisa Merki gründete 1984 die Tanzcompagnie Flamencos en route. Nach 36 Jahren heisst es Adieu: eine Würdigung zum Abschied.

Nach 36 Jahren verabschiedet sich die Badener Tanzcompagnie Flamencos en route mit der Produktion «Ay!» von ihrem Publikum, womit ein Stück nationaler und internationaler Tanzgeschichte beendet wird. Der titelgebende Aufschrei – ebenso Wehklage wie Lustschrei – ist in Federico Garcia Lorcas Poesie allgegenwärtig.

Nicht verwunderlich also, dass die von Gegensätzen lebende Choreografie das passende Adieu ist: Das Aargauer Kuratorium streicht dem Ensemble ab 2021 die regelmässigen Subventionen von 250000 Franken, weshalb die Truppe aufgelöst wird (wir berichteten).

Das Aus für die Flamencos, für die das Kurtheater stets ein Zuhause war, schmerzt. Doch es macht zugleich auch dankbar für die vielen Schöpfungen, die Brigitta Luisa Merki – künstlerische Leiterin, Tänzerin und Choreografin – geschaffen hat, um damit das Publikum für einen sich fern jeglicher Klischees bewegenden Nuevo Flamenco zu gewinnen.

1984 hat Brigitta Luisa Merki die Tanzcompagnie Flamencos en route gegründet und als künstlerische Leiterin die grosse Tänzerin, Lehrerin und Mentorin Susana gewonnen. Wie ist das bloss möglich, ging es einem durch den Kopf, als man die ersten Stücke sah und in «Obsesión» gespannt fünf Frauen bei der Selbstfindung im Tanz zusah; dem originalen Flamencogesang und der eigens für das Stück geschriebenen Musik des Hauskomponisten Antonio Robledo lauschte.

Lehrerin und Mentorin Susana, Choreografin und Tänzerin Brigitta Luisa Merki und der Komponist Antonio Robledo im Jahr 1994.

Lehrerin und Mentorin Susana, Choreografin und Tänzerin Brigitta Luisa Merki und der Komponist Antonio Robledo im Jahr 1994.

Wie aufregend war das; wie sinnlich, kraftvoll, zart. Das also vermag der Flamenco, staunte man und liess sich verführen, weil man wusste, was Brigitta Luisa Merki mit dem Tanz anstrebte: «Allgemeingültiges für den heutigen Menschen ausdrücken.»

Sie trotzte allen modischen Trends

Neugierig geworden, wollte man sehen, wie weit diese Künstlerin die Entwicklung des Flamenco, allen modischen Trends trotzend, konsequent vorantrieb: indem sie ihn mit zeitgenössischem Tanz mischte; indem sie der traditionellen auch klassische, später dann arabische Musik gegenüberstellte und indem sie bildende Kunst – etwa Gillian Whites Bühnenskulptur für das Solostück «afán» – sowie Lyrik immer stärker in ihre Werke einband: wie in «imírame!», wo sie ihre Suche nach einer Sprache jenseits der Wörter – eben der Sprache des Flamenco – fortsetzte.

Tänzer und Musiker malten hier flüchtige Liebesgedichte des Aargauer Schriftstellers Andreas Neeser auf den Boden; Künstler fanden sich zu spannungsgeladenen Formationen: mal gefangen im Bilderrahmen, mal als Projektionsfläche der eingeblendeten Gedichte – und im nächsten Moment als gestaltendes, erzählendes Subjekt.

Brigitta Luisa Merki tanzt im Stück «Afan» 2006.

Brigitta Luisa Merki tanzt im Stück «Afan» 2006.

Lässt man die vergangenen 36 Jahre Revue passieren, kommen einem die Sätze zweier Lyrikerinnen in den Sinn, die für Brigitta Luisa Merki Leitsterne sind: «Ich setzte den Fuss in die Luft, und sie trug» von Hilde Domin und «Vergiss deine Grenzen, wandere aus. Das Niemandsland, unendlich, nimmt dich auf» von Rose Ausländer.

Das Niemandsland verweist nicht nur auf eine Compagnie, die – en route – immer wieder an einem anderen Ort gastiert hat, sondern auch auf das, was in Domins Worten anklingt: Luft und Wolken als Hort für Visionen. Für Brigitta Luisa Merki haben sich die luftigen Gebilde als derart tragfähig erwiesen, dass ein singuläres Oeuvre entstanden ist.

2004 gibt es die höchste Ehrung im Schweizer Theaterschaffen

Für ihre Gesamtkunstwerke wird die Künstlerin 1999 mit dem Kulturpreis der AZ Medien und 2004 mit dem Hans-Reinhart-Ring, der höchsten Ehrung im Schweizer Theaterschaffen, ausgezeichnet.

Brigitta Luisa Merki erhält den Hans-Reinhart-Ring für das Jahr 2004. Reinhart-Ring-Träger Dimitri (rechts) sprach die Laudation.

Brigitta Luisa Merki erhält den Hans-Reinhart-Ring für das Jahr 2004. Reinhart-Ring-Träger Dimitri (rechts) sprach die Laudation.

Etwas Besonderes ist auch die Einladung ans Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg, das der Schweizer Martin Schläpfer als künstlerischer Direktor und Chefchoreograf verantwortet. «Man kann ihr Werk, ihre Leistung – künstlerisch wie organisatorisch – ihr Wissen, ihre Passion, ihren ‹Kampfeswillen› und ihre Radikalität gar nicht genug wertschätzen. Weit über den Flamenco hinaus ist sie für mich als Ballettdirektor ein grossartiges Gegenüber», sagt er.

Also treffen in Brigitta Luisa Merkis Choreografie «adónde vas, Siguiriya? – Capricho Flamenco» das Ballett am Rhein und die Tanzcompagnie Flamencos en route aufeinander – und begeistern das Publikum mit der Annäherung zweier gegensätzlicher Tanzstile.

Ihr Flamenco ist auch ein Nachdenken über den Flamenco

Für die deutsche Tanzkritikerin Angela Reinhardt wiederum ist Brigitta Luisa Merkis Flamenco stets auch «ein Nachdenken über den Flamenco. Wie nirgendwo anders erfährt man in ihren Werken vom grossen Reichtum der spanischen Kunst, der spanischen Geschichte». Beispielsweise im Werk «Ritual & Secreto», das Merki und die Flamencos auf dem Höhepunkt ihrer Kunst zeigt.

Einmal mehr bezieht sich die Choreografin hier auf einen grossen Spanier: den Maler Francisco de Zurbarán und dessen elegant-majestätische Darstellung dreier Märtyrerinnen, «Las Santas». Nach der Premiere wird man von den «meisterlichen Gesprächen einer Choreografin» sprechen.

Tanzcompagnie Flamencos en route auf Tournee mit der Produktion «Ritual & Secreto», Alte Reithalle, Aarau, 17. September 2016.

Tanzcompagnie Flamencos en route auf Tournee mit der Produktion «Ritual & Secreto», Alte Reithalle, Aarau, 17. September 2016.

Meisterschaft zeigt sich aber auch in der Verknappung des tänzerischen Vokabulars. Kleine Gesten (der Vergeblichkeit?), eine Drehung und eine kaum merkliche Änderung der Haltung, ein unverwandter Blick in die Augen des Gegenübers (die Sängerin Karima Nayt) lassen die Zuschauerin im Kloster Fahr erkennen: Das ist Brigitta Luisa Merkis Adieu. Ja, sie tanzt in der Klosterkirche noch einmal; nur eine kleine Szene zwar, die jedoch Quintessenz eines Lebenswerks ist und an den Beginn von Flamencos en route anknüpft.

In diesem Kloster hat Silja Walter als Nonne gelebt und Gedichte geschrieben, die für die Tänzerin Susana lebenswichtig waren. Hier haben sich die beiden freundschaftlich verbundenen Frauen getroffen; hier nimmt Brigitta Luisa Merki mit «Feu sacré» Besitz von Räumen, Garten und Kirche; lässt intime Szenen kammermusikalisch begleiten und räumt der Stille einen nie zuvor gekannten Platz ein.

«feu sacré» - Tanz im Kloster Fahr - ist eine tänzerisch-musikalische Inszenierung im Rahmen der Feierlichkeiten „100 Jahre Silja Walter" im Kloster Fahr. Eine Produktion der Tanzcompagnie Flamencos en route, Premiere 29. August 2019.

«feu sacré» - Tanz im Kloster Fahr - ist eine tänzerisch-musikalische Inszenierung im Rahmen der Feierlichkeiten „100 Jahre Silja Walter" im Kloster Fahr. Eine Produktion der Tanzcompagnie Flamencos en route, Premiere 29. August 2019.

Was wird nach der letzten Vorstellung der Flamencos bleiben? Schmerz. Erinnerungen. Dankbarkeit. Und gewiss die Vorfreude auf Brigitta Luisa Merkis künftige Choreografien – für Tanz & Kunst Königsfelden.

Abschiedsvorstellungen im Kurtheater Baden, 22., 23., 24. und 25. Oktober

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1