Korruptionshistoriker
Mythos einer sauberen Welt – «Es gibt keine totale Transparenz»

Korruptionshistoriker Jens Ivo Engels spricht im Interview über die Geschichte des Schmierens und den Mythos einer sauberen Welt. «Es wäre schön ohne Korruption, aber es geht fast gar nicht», sagt Engels.

Benno Tuchschmid
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Jens Ivo Engels, 1971 geboren, studierte in Freiburg Neuere und Neueste Geschichte, Osteuropäische Geschichte und Öffentliches Recht.

Jens Ivo Engels, 1971 geboren, studierte in Freiburg Neuere und Neueste Geschichte, Osteuropäische Geschichte und Öffentliches Recht.

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Herr Engels, Fifa-Präsident Blatter tritt zurück. Moral und Anstand haben gesiegt.

Jens Ivo Engels: Wenn Sie so wollen, hat die Moral gesiegt, ja. Bei der Debatte um Korruption geht es immer um Fragen der Moral, und die haben jetzt alles andere verdrängt.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass unsere Vorstellung von Korruption eine der letzten lebenden Mythen der Moderne ist. Was meinen Sie damit?

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Korruption gibt. Aber ein Mythos ist für mich eine grosse Erzählung, in der eine Gesellschaft etwas über sich selbst preisgibt. Was kommt in unserem Verständnis von Korruption zum Ausdruck? Wir versuchen, Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen zu ziehen. Aber das ist fast unmöglich.

Wieso?

Gerade in der Politik kommt es automatisch zu Übertretungen, zum Beispiel, weil jeder Politiker auch Privatperson ist. Das führt dazu, dass man jeden Politiker am einen oder anderen Punkt der Korruption bezichtigen kann. Das kann man am Beispiel des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff schön aufzeigen. Am Schluss ging es bei ihm noch um ein einziges Essen, das er als amtierender Ministerpräsident am Münchner Oktoberfest einnahm. Die Debatte tobte um die Frage, ob er es als Privatperson oder als öffentliche Person eingenommen hat. Wulff musste letztlich zurücktreten. Moderne Gesellschaften versuchen, bei der Korruption immer differenziertere und ausgeklügeltere Regeln aufzustellen, aber irgendwann kommen wir stets an einen Punkt, bei dem diese nicht mehr greifen.

Seit wann sprechen die Menschen eigentlich von Korruption?

Die erste grosse Korruptionsdebatte gab es um 1800, als das Ancien Régime durch die Moderne abgelöst wurde. Die neuen, oft bürgerlichen politischen Kräfte delegitimierten die alte Elite auch moralisch mit Korruptionsvorwürfen. Um 1900 erlebten Korruptionsvorwürfe einen erneuten Boom. In den nun von Parlamenten geprägten Systemen ging es darum, den politischen Gegner zu diskreditieren. Dann haben sich zunehmend rechts-autoritäre Kräfte diese Kritik zunutze gemacht.

Wie meinen Sie das?

Alle diktatorisch angehauchten Strömungen im frühen 20. Jahrhundert haben den Parlamentarismus als korrupt bezeichnet. Seien es die italienischen Faschisten oder die deutschen Nationalsozialisten. Die Absicht war immer dieselbe: Die Sehnsucht nach einem starken Führer wecken, der die Korruption ausmerzt und die Demokratie gleich mit.

Korruption gab es auch in der Fifa schon immer. Darüber gesprochen wird erst seit den 90er-Jahren. Wieso?

Das hat mehrere Gründe. Einerseits haben Organisationen wie Transparency International das Thema Korruption nach dem Fall des Eisernen Vorhangs stark in die Öffentlichkeit gerückt. Andererseits hat gerade Sepp Blatter eine Strategie verfolgt, die Fifa zu einer Organisation auszubauen, in der enorme Geldsummen umgesetzt werden. Diese Entwicklung geschah auch bei anderen internationalen Sportorganisationen. Daraus entstand eine Spannung zwischen der Selbstdarstellung und der öffentlichen Wahrnehmung dieser Vereine. Die Fifa stellt sich gerne als Non-Profit-Organisation im Dienste der Menschheit dar, ist aber in Realität ein potentes Unternehmen. Das kreierte Misstrauen und liess die Presse genauer hinschauen.

Und dann wirft Blatter diese Woche unerwartet das Handtuch. Weshalb brechen Systeme wie die Fifa ein?

Die Geschichte zeigt, dass es für solche Konstrukte immer dann problematisch wird, wenn wichtige Teilnehmer in einer Gruppe ausgeschlossen werden. Wir konnten ja bei der Fifa beobachten, dass zum Beispiel die Uefa immer kritischer wurde. Nicht, dass die Uefa als leuchtendes Vorbild taugt, aber sie entfremdete sich vom Weltfussballverband – vermutlich deshalb, weil sie im System Blatter zunehmend weniger profitierte als kleine Verbände. Natürlich haben wohl die Ermittlungen der Amerikaner den entscheidenden Ausschlag gegeben. Zu diesen Ermittlungen wäre es aber nicht gekommen, wenn es nicht Verlierer im System Blatter gegeben hätte, die nun gegen ihn aussagen.

Die Ursache für die Korruptionsanfälligkeit in der Fifa hat doch auch mit den vielen Vertretern armer Drittweltstaaten zu tun, die in den Gremien sitzen.

Das sind sehr alte Vorurteile, die sogar die Mediensprecher der Fifa reproduzieren. Sie entsprechen der alten kolonialen Auffassung, der Westen habe durch Modernisierung die Korruption überwunden, während die heutige Dritte Welt noch gefangen sei in der korrupten Vormoderne.

Ist es nicht so?

Begünstigung und Geschäfte auf Gegenseitigkeit geschehen in einigen Fifa-Mitgliedländern vielleicht offener als in anderen. Aber die Struktur politischen Handelns beruht auch bei uns auf Netzwerken und Begünstigung. Wissen Sie, der Westen hatte auch einmal eine andere Einstellung zur Korruption in Afrika.

Welche?

Es gab in den 1950er- und 1960er-Jahren eine Theorie, die lautete: In der Entwicklung hin zur Moderne wirkt Korruption auf dem afrikanischen Kontinent beschleunigend. Es galt deshalb als opportun, Genehmigungen für die Industrie zu erkaufen oder Stammesführer zu schmieren, weil es den Kontinent so schnell wie möglich in die Moderne zu katapultieren galt.

Heute sorgt die Organisation Transparency International dafür, dass korrupte Staaten an den Pranger gestellt werden.

Es steht ausser Frage, dass bei Transparency International viele engagierte und aufrichtige Menschen arbeiten. Nur muss man auch wissen, dass die Entstehungsgeschichte dieser Organisation stark beeinflusst ist von ökonomischen und neoliberalen Gedanken. Der Gründer ist der ehemalige Weltbankdirektor Peter Eigen. Ich bin überzeugt, dass die Motive der Gründerzeit Anfang der 1990er-Jahre heute noch immer gelten: Einerseits brauchte die Weltbank Antworten auf die Frage, wieso ihre Aufbauhilfen im postkommunistischen Ostblock nicht funktionierte. Eine Antwort hiess: Korruption. Zweitens ist Korruption für internationale Konzerne eine Zugangsbeschränkung zu Märkten. Je globaler ein Unternehmen ist, desto weniger kann es sich auf lokale Gegebenheiten einstellen. Weniger Korruption heisst besserer Zugang zu den globalen Märkten für westliche Firmen.

Die Vorstufe der Korruption ist die Intransparenz, die Classe politique, wie man sie hier nennt. Der Umkehrschluss lautet: Es braucht totale Transparenz!

Es gibt keine totale Transparenz. Natürlich muss man gegen übermässige Vernetzung vorgehen. Die Schweizer Politik verfolgt ein Konsensmodell, das ist zum einen sehr stabil, kann aber auch zu Trägheit und Filz führen. Wenn das System Fehler produziert, etwa weil keine neuen Ideen oder Kräfte mehr aufgenommen werden, ist es richtig, dagegen vorzugehen. Aber: Problematisch ist, wenn eine gewisse Intransparenz als Anlass genommen wird, um ein politisches System grundsätzlich zu diffamieren. Mehr Transparenz heisst nicht automatisch mehr Demokratie! Bei Korruptionsvorwürfen muss man immer genau schauen, welche politische Agenda sich dahinter verbirgt.

Haben Sie dafür Beispiele?

Nehmen wir Thailand. Dort bejubelte die westliche Presse 2006 und 2013/2014 Massenproteste, weil die Demonstranten der Regierung Korruption vorwarfen. In Wirklichkeit waren es aber von der alten Elite gesteuerte Aufstände einer Minderheit, die zu einem Militärputsch führten.

Zurück zur Fifa. Blatter sagt, er werde vor seinem Rücktritt Reformen implementieren. Wie müssen die aussehen?

Also erst mal muss man sehen, ob es überhaupt zu einem Schnitt kommt oder ob Blatter einfach Kosmetik betreibt und die heutigen Strukturen sogar noch zementiert. Die Fifa muss sich entscheiden, was sie sein will. Als gemeinnütziger Verein muss man anders handeln als ein gewinnbringendes Unternehmen. Erst wenn sie das geklärt hat, kann sie sich neu ausrichten.

Jens Ivo Engels Die Geschichte der Korruption: Von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert. Erschienen bei S. Fischer.

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