Interview

Musikmanager Martin Engstroem über die Zukunft seines Verbier Festivals: «Nun heisst es spielen oder sterben»

Martin Engstroem, 67, mischt seit fast 50 Jahren in der Klassikwelt mit.

Martin Engstroem, 67, mischt seit fast 50 Jahren in der Klassikwelt mit.

Letzte Chance: Wenn der Musikmanager Martin Engstroem sein Verbier Festival nächsten Sommer erneut absagen muss, ist es tot. Trotzdem glaubt er, dass Künstler in Europa besser dran sind als in Amerika.

Im März sagten Sie in dieser Zeitung «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich im Juli in einem Konzertsaal sitze» und sagten Ihr Verbier Festival ab. Besuchen Sie jetzt Konzerte?

Martin Engstroem: Nein, ich gehöre zur Risikogruppe, spüre keinen Drang, ein Konzert zu besuchen, jedenfalls keines mit 1000 Zuhörern – im kleinem Rahmen in einer Kirche aber durchaus.

Verspüren Sie den Drang, Konzerte zu organisieren?

Ja, für den Festivalsommer 2021 – sowohl in Verbier, als auch bei meinen neuen Festivals in Lettland und Georgien. Wir konnten ein Jahr aussetzen –mit dem vollen Verständnis des Publikums, der Musiker und der Geldgeber. Aber ein grösseres Festival kann nicht zwei Jahre fehlen. Dann verlieren wir die Sponsoren, vielleicht auch unseren Platz. Er herrscht grosse Konkurrenz auf dem Festivalmarkt.

Herrscher über die Klassik

Martin T:son Engstroem – Intendant Verbier FestivalEr wurde 1953 in Stockholm geboren, früh beginnt er Konzerte im Museum zu organisieren. 1972 wird er Künstleragent, vertritt u. a. Jessye Norman und Leonard Bernstein. 1987 heiratet er die Sopranistin Barbara Hendricks und arbeitet für EMI, später für die Deutsche Grammophon. 1994 gründet er das Verbier Festival, 2018 wird er Direktor der Festivals in Tsinandali und Riga/Jurmala. Er lebt mit seiner zweiten Frau bei Vevey. (bez)

Martin T:son Engstroem – Intendant Verbier Festival

Er wurde 1953 in Stockholm geboren, früh beginnt er Konzerte im Museum zu organisieren. 1972 wird er Künstleragent, vertritt u. a. Jessye Norman und Leonard Bernstein. 1987 heiratet er die Sopranistin Barbara Hendricks und arbeitet für EMI, später für die Deutsche Grammophon. 1994 gründet er das Verbier Festival, 2018 wird er Direktor der Festivals in Tsinandali und Riga/Jurmala. Er lebt mit seiner zweiten Frau bei Vevey. (bez)

Heisst es 2021 also für das Verbier Festival: Spielen oder sterben?

Ja, aber dank der Absage gehen wir immerhin schuldenfrei ins neue Jahr. Um das Überleben der Institution zu sichern, müssen wir 2021 ein Festival bieten. Ich habe meinen Stiftungsrat dazu gekriegt, dass wir ein volles Festival 2021 planen: Statt am 1. Dezember werden wir am 1. März kommunizieren, wir kaufen uns drei Monate Sicherheit.

Das Geld für 2021 erhalten Sie?

Es wird schwierig und ich glaube nicht, dass uns Gemeinde, Lotteriefonds und Kanton so gut wie 2020 helfen, falls es wieder eine Katastrophe gibt.

Und was, wenn das Publikum immer noch nur zögerlich kommt?

2,5 Millionen nehmen wir normalerweise durch die Karten ein, das sind 25 Prozent des Budgets. Verkaufen wir nur 2/3 der Tickets, fehlt fast eine Million: Dieses Risiko müssen wir eingehen.

2020 gingen Sie es nicht ein.

Als wir im März absagten, hatte ich viele Informationen von Peter Brabeck-­Letmathe, Ex-Nestlé-VR-Präsident, und Neurowissenschaftler Patrick Aebischer, die beide in unserem Stiftungsrat sitzen. Sie sagten mir: «Es gibt keine Alternative zur Absage. Du hast im Juli keine Chance.»

Das waren noch bessere Zeiten: 2019 konnten Künstler am Festival vor eindrücklicher Kulisse spielen.

Das waren noch bessere Zeiten: 2019 konnten Künstler am Festival vor eindrücklicher Kulisse spielen.

Jedenfalls nicht so, wie geplant. Haben Sie die Absage nie bereut?

Nein… (zögerlich). Wir haben keinen festen Konzertsaal. Unser Zelt aufzustellen, kostet jeweils über eine Million Franken. Und bei steigenden Ansteckungszahlen wäre vielleicht plötzlich alles aus gewesen. Oder hätten wir nur auf Kammermusik in der Kirche setzen sollen? Zwei Drittel unseres Geldes machen wir mit den Konzerten im Zelt.

Sind der Zeltaufbau und die Kartenkäufer 2021 das einzige Risiko?

Nein, es gibt 2021 noch ein grosses Fragezeichen. 2020 sagten die Künstler: «Du hast abgesagt, ich habe kein Geld gekriegt: Ok, 2020 machte ich das mit. 2021 aber steht im Vertrag das Wort ‹Covid› drin.» Verstehen Sie: Covid ist nun keine höhere Gewalt mehr.

Ein Risiko für den Veranstalter!

Ein sehr grosses sogar. Die jungen Künstler haben keine Wahl: «Friss oder stirb.» Aber die Stars, die Kaufmanns der Welt, sagen: «Wenn du mich einlädst, ist es Dein Risiko, nicht meines.» Wir werden die Gagen bezahlen müssen, falls wir nicht spielen können.

So viele Kaufmanns gibt es nicht.

Es gibt einige: Netrebko, Mutter, Wang, Trifonow, Argerich, Sokolov, grosse Dirigenten. Ich denke viel darüber nach: Wie kann man das Risiko teilen?

Wer ist am längeren Hebel: der Veranstalter oder Netrebko?

Geld ist eine Sache, das andere diese persönlichen Beziehungen und das Prestige des Festivals: Die Künstler brauchen uns genauso wie wir sie. Anna Netrebko hat in dieser Zeit nicht sehr gelitten, sang viel in der Provinz, hatte keine Neuproduktionen an den grossen Häusern oder Festivals. Früher brauchte sie das. Es ist immer eine Balance: Das grosse Geld kommt von den Galakonzerten, 200 000 Euro, in der Oper gibt es vielleicht 25 000 Euro. Aber die Karriere macht man in den berühmten Opernhäusern – in Salzburg, Wien und London. Da gibt es Aufmerksamkeit, Presse und Kontakte zu den Grosssponsoren. Dank Salzburg kriegt Netrebko dann eine Arena voll.

Opernstar Anna Netrebko ist eine der bekanntesten Sopranistinnen der Welt.

Opernstar Anna Netrebko ist eine der bekanntesten Sopranistinnen der Welt.

Salzburg zieht gerade seine modifizierten Festspiele durch, spielt 30 Abende lang.

Es ist gut, wenn es nun wieder Aktivitäten gibt. Aber ich bin sehr gespannt: 1000 Leute pro Abend ist ein Risiko. Entweder es passiert nichts – oder dann geht die Hölle los. Dann haben wir alle ein Problem. Die ganze Musikwelt drückt Salzburg die Daumen.

Jedes Land kämpft gegen Corona für sich, die Klassikwelt ist aber sehr vernetzt. Was heisst das?

Die Lage ist in den unterschiedlichen Ländern sehr verschieden. In New York ist man dabei, die Saison 2020/2021 zu streichen. Das Orchester der Metropolitan Opera ist aufgelöst. Immerhin werden den Musikern die Versicherungskosten bezahlt, das ist nicht wenig, aber sie erhalten kein Gehalt. Ich kenne Musiker, die wohnen jetzt wieder bei den Eltern, gewisse versuchen, bei Schweizer oder europäischen Orchestern unterzukommen, andere fahren Uber-Taxis. In Europa haben wir diese Probleme nicht.

Ungewohnter Anblick: Diesen April mussten die Musiker des Orchesters der Metropolitan Opera von Zuhause aus spielen.

Ungewohnter Anblick: Diesen April mussten die Musiker des Orchesters der Metropolitan Opera von Zuhause aus spielen.

Jedenfalls nicht bei den städtisch subventionierten Orchestern. Aber was macht ein Kammerorchester, das Konzerte verkaufen und Tourneen machen muss, damit Geld reinkommt?

Solche Orchester müssen sich etwas einfallen lassen: In kleineren Besetzungen antreten, vielleicht weniger Auftrittsgage wie bis anhin verlangen, hochkarätige Solisten als Magnet reinbringen.

Aber dann holt der Orchestermanager weniger für einen Auftritt heraus. Zahlt er demnach den Orchestermusikern weniger?

Freie Musiker werden nach Projekt beziehungsweise nach Tourneen bezahlt. Noch gleicht die Kurzarbeit vieles aus, aber bald gibt es weniger zu tun – und wahrscheinlich weniger Geld. Es tut allen weh, aber wir in Europa kämpfen nicht um unsere Existenz wie die Amerikaner. Es ist für einen Musiker in Amerika sehr gut möglich, dass er gestern auf der grössten Bühne und heute auf der Strasse sitzt. Wer in der Schweiz und in vielen Ländern Europas seine Arbeit verliert, erhält für zwei Jahre Arbeitslosenunterstützung, das soziale Netzwerk hält.

Ich bin dennoch skeptisch für die Zukunft der Klassik.

Es ist eine schwierige Situation, aber ich glaube und hoffe fest, dass alles gut kommt. Wir in Verbier haben dank einiger unserer privaten Sponsoren einen Fonds für unsere Festivalfamilie gründen können: für Musiker aber auch für technische Mitarbeiter. Wir haben im Nothilfefonds 560 000 Franken zusammen und ein jeder konnte zwischen 1500 und 5000 Franken erhalten. Wir konnten etwa 250 Musikern und Technikern helfen.

Wird es in Europa dennoch Einschnitte geben?

Die europäische Kulturtradition ist in uns allen tief verankert. Orchester und Opernhäuser werden diese Krise überleben, aber alles wird etwas runtergefahren – wie weit, weiss ich nicht. Entscheidend ist, wann das Publikum wieder zu 100 Prozent in einen Saal geht. Die Veranstalter müssen jetzt jedenfalls so schnell wie möglich das volle Programm präsentieren. Wir müssen spielen, ob vor 100 oder 1000 Leuten.

Können Sie verstehen, dass in Salzburg und beim Lucerne Festival ein kurzes Konzert oder eine gekürzte Oper gleichviel wie früher kostete, in Luzern bis 290 Franken, in Salzburg bis 445 Euro?

Der Welt geht es schlecht, die Aktien von Louis Vuitton und Richmond hingegen steigen. Ich glaube deswegen auch nicht, dass das System «klassische Musik» auf die Länge gestört wird. Jedenfalls nicht in Europa. Beim Verbier Festival verkaufen wir die teuersten Karten jeweils immer zuerst.

Trotz der hohen Preise nimmt Luzern halb so viel ein, da nur 900 Leute im KKL sitzen. Kriegt dann eine Cecilia Bartoli bloss die Hälfte der Gage?

Nein. Alle Haefligers, Pereiras und Engstroems sitzen im selben Boot: Es geht alles über die persönliche Beziehung zu den Künstlerinnen und Künstlern, es geht ums Vertrauen, das man über die Jahre aufgebaut hat. Wenn ich ein grosses Problem habe, gehe ich zum Künstler, sage es ihm und frage: «Können wir einen Zwei- oder Dreijahresvertrag machen? Nächstes Jahr wird es besser, übernächstes sowieso. Wenn es Dir recht ist: dieses Jahr etwas piano.»

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

Meistgesehen

Artboard 1