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Zurück in die Zukunft: Der Rap besinnt sich auf die glorreichen 90er-Jahre

Im Rap findet derzeit eine Rückbesinnung auf die Ursprünge der Kultur statt. Auf die goldene Ära des Hip-Hop Mitte der 90er-Jahre. Davon kann sich jeder selbst überzeugen: Heute beginnt die Saison der Hip-Hop-Festivals.

Rap hat gottlose Zeiten hinter sich. Zeiten des kommerziellen Erfolgs zwar: Der ehemalige New Yorker Drogendealer Jay-Z ist einer der einflussreichsten Männer der globalen Musikindustrie. Der Ex-Gangster-Rapper Dr. Dre hat eine Kopfhörer-Firma für 3,2 Milliarden Dollar an Apple verkauft. Aber Hip-Hop ist eine eigenartige Kultur. Sie hat Züge eines religiösen Kults, deren Mitglieder sich auf einer nie endenden inneren Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit befinden. Die Währung für Qualität lautet im Rap-Slang «realness». Dass Hip-Hop heute Massen erreicht und Milliarden umsetzt, sorgt bei viele Anhängern für Skepsis. Rap-Fans sind sich in wenig einig, ausser darin, dass die Kultur nicht mehr ist, was sie einmal war.

Rapper Grégoire Vuilleumier alias Greis sagt: «Hip-Hop hat äusserst konservative Tendenzen.»

Doch die Erlösung scheint nah. Im Rap findet derzeit eine Rückbesinnung auf die Ursprünge der Kultur statt. Auf die goldene Ära des Hip-Hop Mitte der 90er-Jahre. Die Zeit, in der viele wegweisende Alben berühmter Künstler erschienen, die bis heute als Referenz gelten: «36 Chambers (1993) von Wu Tang Clan, «Resurrection» (1994) von Common, «Illmatic» (1994) von Nas, «Ready to die» (1994) von The Notorious B.I.G. Diese Götter des Sprechgesangs erleben eine Renaissance. Doch es ist nicht eine blosse Retro-Bewegung, die stattfindet. Denn ihnen folgen nun neue Künstler, die den reduzierten, druckvollen Klang der 90er-Jahre in die Zukunft rücken. Eine Entwicklung, die sich in den Programmen der grossen Schweizer Hip-Hop-Festivals zeigt.

«Es gibt in jedem Musikstil Traditionalisten und Avantgardisten», sagt Greis. «Doch das Aufregende an der Gegenwart im Rap besteht darin, dass eine ganze Generation von Künstlern Tradition und Avantgarde zu etwas Neuem vereinen.»

«Evangelist des Black Power»

Am eindrücklichsten tut dies Kendrick Lamar. Die «New York Times» nennt den 28-jährigen Rapper aus Compton, Kalifornien, einen «Evangelisten des Black Power». Die Texte des Ausnahme-Lyrikers drehen sich um die grossen Themen des Schwarzen Amerikas: Rassismus, Armut und Gewalt. Diesen explosiven Cocktail mischt Lamar mit einem Sound, der seine Wurzeln im Funk und dem daraus abgeleiteten Westküsten-Rap-Genre G-Funk hat. Lamar steht für eine Renaissance der tiefgründigen Wortgewalt. «Juwelen, Klamotten, Schuhe: Das ist Teil der Hip-Hop-Kultur. Aber an irgendeinem Punkt waren alle übersättigt davon. Der Punkt, an dem man die Kunst vergisst. Leute wie ich versuchen das wieder zu entschlacken», sagt er gegenüber dem «Spiegel». Lamar verzichtet auch auf das sonst Genre-typische Tragen von Goldketten und Diamanten. Am 11. Juli tritt der wohl wichtigste Rapper der Gegenwart in Frauenfeld auf. In seiner Bugwelle folgen Künstler wie Joey Badass und Action Bronson, die sich ebenfalls stark auf Inhalte und Form konzentrieren.

Es ist diese Befreiung vom Ballast, von Glitzer und Protz, die für eine neue Zeit im Hip-Hop steht. Die Rückbesinnung auf Wort und Beat manifestiert sich auch in der Schweiz. Das Rap-Kollektiv Eldorado FM baute seine Popularität mit schnell produzierten Online-Veröffentlichungen auf, der modernen Form des Mix-Tapes. Für ihre rohen Songs verwendeten sie oft instrumentale Versionen alter Rap-Klassiker. Die Texte der Künstler Tommy Vercetti, Dezmond Dez, Manillio und CBN sind sozialkritisch, ohne nach Sozialarbeit zu klingen («De Gessler isch ned geschter / de Tell wird usglachet und d’Herrschaft erhertet / d’Fessle wärde fescht»). Damit haben die Berner Erfolg: Ihr im März veröffentlichtes Album «Luke mir si di Vater» erreichte in den Schweizer-Album-Charts Platz zwei.

Noch besser lief es den Berner Rap-Legenden «Chlyklass», zu denen auch Greis gehört. Ihr Album stieg Anfang Mai gar auf Platz 1 ein. Die Schweizer-Supergruppe um die Künstler Greis, Baze und Wurzel 5 stehen für den ersten Boom des Mundart-Raps um die Jahrhundertwende. Eldorado FM und Chlyklass spielen unter anderem am Royal-Arena-Festival in Biel.

«An unseren Konzerten rappen junge Kids unsere alten Texte von vor 13 Jahren auswendig mit», sagt Greis. Der 37-Jährige beobachtete Ähnliches in New York. Teenager würden da die alten New-York-Klassiker, wie Mobb Deep oder Foxy Brown «abartig feiern», so Greis. Beide werden dieses Wochenende am «Touch the Air» in Wohlen spielen.

Die Renaissance des klassischen Hip-Hop zeigt sich nicht nur am musikalischen Erfolg alter Ikonen und daran, dass sich die Programme der Schweizer Festivals wie Werkkataloge des US-Raps um die Jahrtausendwende lesen. Er zeigt sich auch in der Mode. Teenager tragen wieder amerikanische Basketball-Trainer-Jacken, Retro-Turnschuhe und Baseball-Kappen aus den 90er-Jahren. Hippe Clubs in Zürich organisieren Hip-Hop-Partys – nachdem sich diese während Jahren vom Genre abgewandt hatten. Die goldene Ära scheint zurück. Aber wie lautet doch einer der berühmtesten Songs der Gruppe Public Enemy. «Don’t believe the Hype». Zu deutsch: Trau dem Rummel nicht.

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