Madonna mag es nicht, wenn sie die Kontrolle verliert. Für ihre Karriere lieferte sie das Drehbuch, war Regisseurin und Hauptdarstellerin zugleich. Während dreier Dekaden zog sie die Fäden und überliess nichts dem Zufall. Die Queen of Pop regierte unwidersprochen, uneingeschränkt und absolut. Madonna, die Perfektionistin. Madonna, der Kontrollfreak. 

Doch diese absolute Macht ist ihr entglitten, als ein Hacker sechs Songs aus Madonnas neuem Album «Rebel Heart» ins Netz stellte. Der Hacker wurde gefasst, doch inzwischen sind alle 25 Songs illegal im World Wide Web aufgetaucht. Madonna hat resigniert und veröffentlichte auf Instagram ein Foto, auf dem sie die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. «So geht es mir gerade. Ich kann nur noch den Kopf schütteln. Wir leben in einer verrückten Welt», schrieb sie. Das Internet hat der Queen die Grenzen ihrer Macht aufgezeigt. 

Nicht mehr relevant

Der Vorfall kann deshalb als Sinnbild für den Machtverlust der Pop-Queen gedeutet werden. Und dann stürzt sie bei den Brit Awards auch noch von der Bühne. Für den Boulevard ein gefundenes Fressen. Die Luft auf dem Thron wird dünner und die Konkurrentinnen holen auf. Madonna wird angezählt. Geht das Madonna-Zeitalter zu Ende? 

Brit Awards: Madonnas Sturz von der Bühne.

Brit Awards: Madonnas Sturz von der Bühne.

Dieser Meinung ist auch das renommierte BBC Radio, das Madonnas neue Single «Living For Love» in den zweiten Radiokanal für die mittlere Altersgeneration verbannte. Mit der Begründung, die 56-jährige Sängerin sei für die Hörer von Radio One nicht mehr relevant genug. Eine Majestätsbeleidigung, die die Königin auf ihrem Album nicht unwidersprochen auf sich sitzen lässt. «Who Do You Think You Are?», fragt sie auf «Bitch I’m Madonna» trotzig. Das Popgeschäft ist gnadenlos und ungerecht.

Dabei hat Madonna auf «Rebel Heart» wie schon bei den letzten Alben eine Reihe der hippsten und angesagtesten Produzenten, DJs und Komponisten um sich geschart. Diesmal waren es unter vielen anderen der gefragte Amerikaner Diplo, der schon mit Stars wie Britney Spears, Beyoncé, No Doubt, Justin Bieber, Usher und Skrillex gearbeitet hat, der schwedische Chart-Stürmer Avicii sowie Kanye West («Illuminati»). Madonna ist dabei getrieben vom Ehrgeiz, auch mit 56 auf der Höhe der Zeit zu sein. Sie, die über Jahre die Pop-Trends selbst gesetzt hat, will immer noch Avantgarde sein und ganz vorne mitmischen.

Sounds wirken aufgesetzt

Aber genau das ist das Problem. Die aus den Clubs entlehnten, blubbernden, peitschenden und knarrenden Beats und Sounds wirkten bei Madonna schon auf dem Vorgängeralbum «MDNA» aufgesetzt und unglaubwürdig. Das bestätigt sich nun auch auf «Rebel Heart». Doch glücklicherweise ist das Album nicht aus einem Guss. Es ist sogar sehr heterogen und eklektisch. House, Hip-Hop, Reggae und Folk erklingen. Wie wenn sie sich selbst nicht so sicher wäre, welches für sie der richtige Weg ist. Und neben den zeitgenössischen Sounds und Beats greift Madonna auch wieder auf ganz normale Popsongs und Pop-Balladen zurück. Die sind zwar nicht besonders hip, passen dafür umso besser. Am besten wirkt Madonna bei den konventionell gestrickten, melodiösen Popsongs wie etwa der Powerballade «Ghosttown», dem vergleichsweise altmodischen Folk-Pop-Song «Joan Of Arc», dem klavierlastigen Drama «Heartbreak City», dem Ethno-Song «Body Shop», der bittersüssen Ballade «Messiah» sowie dem poppigen Titelsong «Rebel Heart».

So lange wie Madonna hat sich noch keine Pop-Sängerin an der Spitze halten können. Sie hat entscheidend zur Emanzipation der Frau im männerdominierten Pop-Geschäft beigetragen und die Rollen der Frau im Showbiz massgebend geprägt. Das ist ihr grosses Verdienst. Doch sie hat es immer noch nicht geschafft, einen Masterplan für alternde Divas ab 50 zu erstellen.

Wer krampfhaft der verlorenen Jugend hinterherhechelt, hat schon verloren. Überhaupt wird die jugendliche Energie als Nährboden des Pop überschätzt. Eine gesunde Portion königliche Souveränität würde der Pop-Queen gut anstehen. Relax, Madonna, entspann dich! Entscheidend ist und bleiben eine knackige Melodie, ein bewegender Text und eine tolle Stimme. Berry Gordy, der Motown-Chef und Entdecker von Stevie Wonder und Michael Jackson, brachte es schon vor Jahren auf den Punkt: «It’s the Song, stupid.»