Klassik

Zürcher überrascht mit barocken Blockflöten-Klängen

..

Der Zürcher Blockflötist Maurice Steger widmet sich der Musik Neapels von 1725. Der 41-Jährige taucht mit seiner neuen CD noch tiefer als bisher ein in die verborgenen Welten der barocken Blockflötenmusik.

Kaum ist die schönste Flötenphrase verklungen, überrascht ein effektvoll schönes «Kratzen». Die Begleitinstrumente begehren auf, als soll die Flötenschönheit gestört werden, ihr etwa Neues beigebracht werden. Kein Problem: Dieses Instrumentchen scheint gelehrig, trumpft alsbald ganz gross auf. Und immer wieder diese Girlanden, dieses Flehen, dieses Geniessen der Trauer – unendlich könnte das weitergehen.

Vom Komponisten des Concerto11 in a-Moll haben wir noch nie etwas gehört. Domenico Sarro heisst er – ist im kleinen apulischen Städtchen Trani bei Bari 1679 geboren, im grossen Napoli 1744 gestorben. Hier spielte die Musik am Anfang des 18. Jahrhunderts, nach Napoli führen auch alle Spuren dieser aussergewöhnlichen CD: «Una follia di Napoli» lautet schliesslich ihr Titel.

Mit dem «Wahnsinn aus Neapel» taucht der 41-jährige Zürcher Blockflötist Maurice Steger noch tiefer als bisher ein in die verborgenen Welten der barocken Blockflötenmusik. Auf der CD zu hören ist Musik, die in und aus Neapel rund ums Jahr 1725 entstand. Viele der Werke stammen aus der Handschrift «24 Concerti per Flauto, due violini e basso continuo»: Hier stösst man auf die bekannteren und die kaum je gehörten Namen neapolitanischer Meister. Naturgemäss Alessandro und Domenico Scarlatti, dann aber auch Leonardo Leo, Nicola Fiorenza oder Francesco Mancini.

Menschliche Dramen

Für Opernfreunde sind diese Komponisten nicht mehr völlig unbekannt. In den letzten Jahren haben sich im Schlepptau von Opernstar Cecilia Bartoli zahlreiche Mezzosopranistinnen und Countertenöre in die Archive gewagt, und dort Arie um Arie rausgefischt, gemerkt, dass hier Musik völlig zu Unrecht vergessen gegangen war. Musik auch, die keine geeigneten Interpreten mehr hatte – keine geeigneten Sänger. Alle diese Komponisten waren nämlich Opernkomponisten, schrieben ihre Werke den Kastraten in den Hals, durch sie entfachte sich ein zweites Drama.

Und dieses heisse Opernblut fliesst auch in die vermeintlich hübschen Flötenwerke: Da gibt es dramatische Effekte, überraschende Wendungen von Hell ins Dunkel, Regungen, wie sie nur menschlichen Dramen auslösen können. Dass die Flöte, diese Verlängerung des Atems, diese Vorstufe – oder Weiterführung? – des Gesangs diese Regungen bewältigen kann, überrascht. Doch Steger meistert diese Werke nicht einfach nur technisch. Er schenkt bisweilen den Tönen eine Schönheit, ein warmes Leben, dass man nur noch gerührt staunen kann.

Maurice Steger «Una Follia di Napoli»

Hier wird nichts dem Zufall überlassen, Steger braucht nicht weniger als sechs verschiedene Flöten, und erfüllt so seine Klangidee der Werke: Und diese Ideen sind bestaunenswert: die Intensität, die Geschmeidigkeit – und die lebendige Schönheit jedes Tons.

Handverlesen ausgesucht sind die Begleitinstrumente, da ist der auf dem Instrument jubilierende Steger ganz der sachliche Projektleiter, der dirigierende Solist: Neben der kleinen italienischen Streichergruppe überraschen in der Bassgruppe Laute, Erzlaute, Barock-Gitarre und das Psalterion, eine barocke Form des Hackbretts – und am Cembalo beziehungsweise an der Orgel sitzt der bei uns bestens bekannte Naoki Kitaya.

Verrückte Neapolitaner

Alle zusammen verstärken mit ihrer artikulatorischen Kunst, aber auch mit ihrem Hang zum Elegischen die prächtige Wunderlichkeit dieser Musik. Am wildesten kommen diese Züge in Alessandro Scarlattis Improvisation über das Thema «Follia di Spagna» hervor. Aber eben: Die anderen Neapolitaner waren auch ganz schön verrückt. Ein gewisser Francesco Barbella etwa, 1692 in Napoli geboren, 1732 ebendort gestorben. Napoli sehen und sterben? Ganz gewiss nicht, hier heissts: Napoli hören und staunen.

CD: Una Follia di Napoli, Concerti & Sinfonie per flauto, Maurice Steger, Solist und Dirigent, harmonia mundi 2012. HHHHH

Konzert: 23. 10., 19.30 Uhr, Tonhalle Zürich, Steger/Zürcher Kammerorchester.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1