Saisonende? Sowas gibts nicht, in der grössten Konzertfabrik der Nordwestschweiz, dem Prattler Z7. Da geht es immer weiter. Was bringt der Sommer 2017 - und wie hat man den letztjährigen verdaut? Immerhin haben sich manche Expansionspläne zerschlagen. Ein Gespräch mit den Programmchefs Norbert und Steven Mandel.

Im vergangenen Sommer haben Sie sich in den Open-Air-Markt begeben, die River Nights Rheinfelden wurden dann aber ins Z7 verlegt. Ein Reinfall?

Norbert Mandel: Eine schmerzhafte Erfahrung. Wir laufen immer auf Hochtouren im Z7, ohne Pause. Das gibt irgendwie so’n Gefühl, dass man unsterblich ist. Im Sommer 2016 haben wir gemerkt, dass wir nicht unsterblich sind.

Was heisst das in Zahlen ausgedrückt?

Wir haben ungefähr ’ne halbe Kiste an die Wand gefahren. Dass wir Lehrgeld zahlen müssen, wenn wir ein neues Open Air lancieren, das war uns klar. Aber gleich soviel, hat uns dann doch erstaunt. Ehrlich gesagt kann ich mir immer noch nicht ganz erklären, warum die Halle fast leer war, als Ronan Keating auftrat. Der läuft ja ständig am Radio. Scheint aber, als gingen seine Fans nicht an Konzerte …

Sie gingen erst im Frühjahr 2016 an die Öffentlichkeit mit der Idee eines Open Airs in Rheinfelden. Hätte man die Idee nicht länger reifen lassen und abklären müssen?

Steven Mandel: Vermutlich schon, ja. Wir haben einige Fehler gemacht: So mussten wir feststellen, dass viele zugkräftige Künstler bereits vergeben waren, als wir im Februar mit dem Booking begannen. Uns gefiel das Line-Up, aber für ein komplettes Festivalprogramm kamen wir zu spät: Der Open-Air-Markt ist unglaublich umkämpft, das ist eine der wichtigen Erfahrungen, die wir gemacht haben.

Aber lag das Problem am Line-Up?

Sicher nicht nur. Es spielten viele Faktoren mit. Das Augustwochenende war nicht günstig, viele Leute waren da noch in den Sommerferien. Und mit Rheinfelden bespielten wir einen unbekannten Fleck auf der Festivalkarte.

Das Z7 steht für einen Club mit treuen Fans, viel Sympathien. Mit dem misslungenen Versuch der River Nights haben Sie erstmals Leute enttäuscht.

Norbert Mandel: Ja, es war eine Enttäuschung auf der ganzen Linie, für die Fans im Fricktal, für uns selber ebenfalls. Und dann kam ja dazu, dass Rheinfelden mit diesem Vorhaben auch über sich selber stolperte, mit all den Bewilligungen und Sicherheitaspekten. Am Ende ging es uns einfach darum, aus der misslichen Lage was positives und sinnvolles zu machen. So haben wir das Festival nach Pratteln verlegt und die River Nights mit dem Einsatz unserer bewährten Infrastruktur und einer kleineren Open Air Bühne mit Anstand über die Bühnen gebracht.

Warum wagen Sie keinen zweiten Versuch mit den River Nights?

Steven Mandel: Wir bräuchten zehn Acts die ordentlich ziehen, aber das ist schwer, zumal es genügend Festivals mit attraktiven Künstlern gibt. Daher setzen wir nun auf mehrere Open-Air-Konzerte im Juli und August, vor unserer Haustüre mitten im Grünen. Bei uns hat der Fan noch Augenkontakt zu den Musikern auf der Bühne. Und so entsteht auch schneller ein anhaltenes Gänsehautfeeling..

Sie setzen auf einzelne Konzerte.

Norbert Mandel: Ja. Aber dieses Konzept ist natürlich auch nicht durchdacht und geplant, sondern einfach so entstanden. Man kann uns das vorwerfen, aber der Erfolg des Z7 beruht darauf, dass wir immer wieder einfach machen. So ist es auch mit der Open-Air-Situation vor unserem Haus, auf der Kraftwerkstrasse. Die hat sich so entwickelt: Bühne aufbauen und nutzen. Wie geil das sein kann, zeigte sich bei Billy Idol vor drei Jahren. Da hat Pratteln gebebt vor Freude.

Was Sie 2017 wieder organisieren: Freiluftkonzerte in Augusta Raurica.

Norbert Mandel: Ja, obschon das finanziell offen gesagt ebenfalls ein Flop war. Wir legten auch hier eine sechsstellige Summe drauf. Aber Augusta Raurica hat in unseren Augen Zukunft. Es braucht einfach Zeit, den Leuten diesen Ort näherzubringen. Vor drei Jahren machten wir da eine Pink-Floyd-Show an zwei Abenden, beide im Nu ausverkauft. Das gab uns den falschen Eindruck, dass Augusta einfach zu bespielen sei. Denn im letzten Jahr sahen wir, dass der Ort, dieses römische Theater, beim Rockpublikum nicht bekannt ist.

Dabei schreiben Sie ja in der Ankündigung selber, dass die Augster Augusta Raurica als Konzertort eine grosse Tradition hat, die auf die 70er-und 80er-Jahre zurückgeht.

Na, da habe ich vielleicht ein wenig übertrieben, so viel lief da ja doch nicht.

Oder meinten Sie die 70er nach Christi Geburt?

(lacht) Ja, da ging sicher sehr viel an diesem tollen Ort. Und darum geht es uns und dem geilen Team von Augusta mit Dani Suter und Esther Roth vom Kulturamt. Die sind total scharf drauf, dass da mehr läuft und das ist ansteckend und schön, wenn man am gleichen Strick ziehen kann. Abgesehen vom Finanziellen war es im letzten Jahr ja auch magisch, Konzerte wie Fish, Ten Years After oder Tangerine Dream waren Gänsehaut pur, auch wenn es sich insgesamt noch nicht rechnete.

2017 bringen Sie mit Nena, Mike & The Mechanics oder Barclay James Harvest alte Bekannte, mit Johnossi oder Jack Slamer auch neuere Indierock-Bands nach Augst. Funktioniert das?

Augst ist im September, da sind viele Open-Air-Acts wieder zu Hause und nicht mehr zu bekommen. Es ist daher nicht so einfach, Künstler zu kriegen. Aber wir können jetzt schon sagen, dass wir dieses Jahr erfolgreicher sein werden. Mike and The Mechanics spielen exklusiv bei uns in der Schweiz, das merkt man auch im Vorverkauf.

Was wollen Sie mit Augusta Raurica erreichen?

Steven Mandel: Einzigartigkeit. Nur Avenches bietet in der Schweiz eine vergleichbare Atmosphäre. Wir haben uns fest vorgenommen, für die deutsche Schweiz in Augst etwas aufzubauen, das landesweit zum Begriff wird. Eine hohe Exklusivität ist sicher eines der Ziele, damit wir das erreichen können. Das gelingt uns ja auch bei manchen der Summer Nights. Joss Stone spielt diesen Sommer nur zwei, drei Shows in Europa, darunter eine in der Schweiz, vor dem Z7.

Das Engagement von Joss Stone steht für eine neue Handschrift im Programm – die Handschrift des Nachwuchses, den Vater Norbert immer stärker ins Geschäft integriert?

Norbert Mandel: Ja. Von Joss Stone hat mir meine Tochter immer vorgeschwärmt. Und mit ihr verbindet uns auch eine lustige Geschichte: Vor ein paar Jahren kreuzte ein Tourbus auf, der Fahrer fragte, ob er bei uns drei Tage lang halten und Strom und Wasser haben könne. Das passiert öfter, wir sind eine Art Tankstelle für Tourbusse. Selbstverständlich halfen wir dem Kollegen. Als ich ihn fragte, mit wem er denn auf Tour sei, sagte er: Joss Stone, die fliege von Spanien in die Schweiz, weil sie am Montag am Gurten Festival auftrete, wo er sie abholen würde. Dass sie am Montag spielen würde auf dem Gurten konnte ich nicht glauben, also fragte ich beim Festival nach, es gab ein Riesen-Tohuwabohu, denn offenbar handelte es sich um ein Missverständnis bei Joss Stones Agentur. Jedenfalls spielte sie am Wochenende, die Band musste alle Flüge umbuchen und so…

… hat das Z7 den Joss-Stone-Gig auf dem Gurten gerettet?

Ja, kann man so sagen, die ist uns also noch was schuldig (lacht). Jedenfalls kannte ich sie dadurch. Als das Tourangebot reinkam, haben wir sie gleich gebucht.

Joss Stone tritt draussen auf, unter freiem Himmel. Eine Woche davor, am 13. Juli, ist die Blues-Sängerin Beth Hart angekündigt, aber Indoor. Wie erklärt sich das? Warum finden nicht alle Konzerte im Juli und August draussen statt?

Weil nicht alle die gleichen Kapazitäten brauchen und wir mit acht Freiluftkonzerten ganz gut bedient sind. Bei Beth Hart wars so, dass wir sie eigentlich mit Jeff Beck am selben Abend nach Pratteln bringen wollten, Beck war aber eine Planungsleiche, Beth Hart blieb übrig. Die Freiluft-Kapazität schien uns für sie allein zu gross, also machen wir sie Indoor, da können wir den Raum auch kleiner machen, wenn jemand keine 1500 Leute zieht.

Welche Kapazität haben Sie denn draussen, vor der Halle?

2’800 Besucher.

Soul ist nicht das Ende des Spektrums, nach Public Enemy bringen Sie auch wieder Hip-Hop nach Pratteln: Sido kommt. Ganz nach dem Geschmack von Norbert Mandel?

(lacht) Ich dachte ja, KIZ sei die Schmerzgrenze, dann habe ich diese Jungs kennengelernt und gemerkt, dass die mit ihren Texten provozieren wollen und ihnen das ganz gut gelingt. Und weil Provokation ja auch Rock’n’Roll ist, konnte ich dann doch was damit anfangen und dahinter stehen. Jetzt schauen wir mal, was ich von Sido halten werde.

Die Programmerweiterung kündigte sich vor einigen Tagen schon an: Damian Marley, einer von Bob’s Söhnen, spielte im Z7.

Steven Mandel: Seit einer Ewigkeit mal wieder eine Reggaeband…

Norbert Mandel: … und es war musikalisch voll geil.

Will sich das Z7 also ganz bewusst stilistisch öffnen, soll das Programm breiter werden?

Es muss. Wir können in zehn Jahren nicht mehr von Uriah Heep leben, die werden älter wie ich selber ja auch.

Steven Mandel: Bei Damian Marley kannten 99 Prozent der Besucher das Z7 nicht, das äusserte sich in ihrer Kleidung, die viel bunter war als bei unserem Stammpublikum, das in der Regel schwarz trägt. Und das zeigte sich auch beim Einlass, dass sie unser Haus nicht kannten.

Ein Erfolg?

Ja, auch wenn es mit 750 Leuten nicht ganz voll war. Die Stimmung war super und das Konzert genauso. Es ist erfreulich, dass unsere Aufbauarbeit in anderen Bereichen allmählich Früchte trägt. Im Herbst bringen wir noch Orishas aus Kuba, ebenfalls eine neue Art von Sound fürs Z7. Zudem beginnen wir eine Partnerschaft mit dem Atlantis, für Clubkonzerte. Wir sind zuversichtlich, dass wir so die Weichen für die Zukunft stellen können.

Und wieviel Schnauf haben Sie für diese Aufbauarbeit? Haben Sie die Verluste nicht fast zerrissen?

Norbert Mandel: Im Team schon, ja. Wir sind da nicht immer einer Meinung, manche Leute der Crew fanden es völlig daneben, dass wir nun auch Pop programmiert haben. Aber, auch wenn wir natürlich die Metal-Fans lieben und das unser grosses Standbein bleiben wird: Wir sind, der Name sagt es, ’ne Konzertfabrik. Da hats Platz für viele Stile.