Es war eine radikale Reduziertheit, die nur mit der Hilfe eines Computers zur Perfektion getrimmt werden konnte. Ein wildes Wirrwarr aus Samples, Beats und Stimme dominierte die 13 Songs auf dem Young-Gods-Debüt im Jahr 1987: geniale Songideenund Rohdiamanten von Sänger Franz Treichler und seinen Mitstreitern. Auch heute, 23 Jahre nach dem Debüt, ist die Musik der Young Gods ein aufwühlendes Ding, das sich bis auf den Überbegriff «elektronische Musik» in keine Schublade zwängen lässt. Das neuste Werk, «Everybody Knows», besteht einerseits aus glasklaren Drumbeats, die eine klangliche Dichte suggerieren. Darüber und darunter kreischen Soundscapes und wummern Bässe. «Blooming», das wohl intensivste Stück des Albums, klingt dabei wie eine Aneinanderreihung mystischer Klangflächen. «Ein neues Album ist wie eine Polaroid-Aufnahme der letzten Jahre», sagt Franz Treichler. «Durch unsere Akustiktour beschäftigten wir uns wieder intensiver mit minimalen Songstrukturen, aus denen die neuen Ideen entstanden.»

Lucidogen von «The Young Gods»

Video The Young Gods

Das letzte Young-Gods-Album, «Super Ready / Fragmenté», aus dem Jahr 2007 war eher mit einer Soundwand zu vergleichen. Man türmte Gitarrenriffs und Soundscapes aufeinander. «Wir waren immer eine Rockband, die elektronische Elemente benutzt», sagt Treichler. Auf dem letzten Album sei dies sehr offensichtlich in die Musik eingeflossen. «Everybody Knows» sei in dieser Hinsicht wieder einiges reduzierter, «näher an dem Sound unserer Anfangstage», wie Treichler meint. «Unsere Musik war aber auch immer inspiriert vom psychedelischen Sound der Sechzigerjahre, das zeigen wir heute mehr den je.»

Berühmte Fans

Obwohl die Young Gods mit ihrem Sound nie die grossen Massen erreichten, haben sie im Laufe ihrer Karriere zahlreiche grosse Namen der Post-Industrial- und Rockszene beeinflusst. Mike Patton, Sänger von Faith No More oder auch Trent Raznor, der mit seinem Musikprojekt Nine Inch Nails die Szene in den Neunzigern dominierte, zählen zu den Fans. Nicht zuletzt ist auch der Industrial-Metal von Marilyn Manson eine Art Weiterentwicklung der Musik, wie sie die Young Gods erfanden. Franz Treichler: «Ich glaube, wir haben die Szene vor allem deshalb beeinflusst, weil wir den elektronischen Sound so radikal benutzt haben.» Die Power einer Rockband – als was sich Treichler und seine Kumpane auch heute noch sehen – transkribierten sie damals einfach in die elektronische Welt.

«Ich bin ab und zu in Kontakt mit Mike Patton oder auch Al Jourgensen von Ministry», sagt Treichler. Zum Beispiel habe man das neue Material an Pattons Label Ipecac Recordings geschickt und wollte eine Zusammenarbeit anstreben. «Er fand das Material gut. Wollte es aber nicht unter seinem Label veröffentlichen, wegen der schwierigen Situation, in der die Plattenindustrie steckt», sagt Treichler. Fügt aber auch an: «Wenn es ihn wirklich aus den Socken gehauen hätte, wäre er das Risiko bestimmt eingegangen.» Das ist eine weitere Stärke der Young Gods: Auch wenn um sie herum nicht immer alle begeistert sind von ihrer Musik, gehen sie doch stolz ihren Weg und glauben an das eigene Talent. «Everybody Knows» ist der geniale Beweis dafür, dass sie damit richtig liegen. Kein Wunder, wollte Mike Patton zu Zeiten seines Crossover-Projekts Fantomas Franz Treichler in seiner Band haben. Damals scheiterte es am Terminkalender des Westschweizers. «Trotzdem hoffe ich, dass wir irgendwann einmal ein gemeinsames Projekt in Angriff nehmen», meint Treichler abschliessend. «Das würde mich doch sehr reizen.»

Young Gods Everybody Knows. Two Gentlemen. Ab Fr, 5.11., im Handel