Von wo aus telefonieren Sie mit uns?

Stephan Eicher: Ich bin mit meinen Musikern im Studio in der Camargue, wo wir neue Lieder, neue Musik aufnehmen. Mein letztes Album «L’Envolée» haben wir auch hier aufgenommen. 

Können Sie uns mehr davon erzählen?

Wir Musiker und Künstler tun oft so, wie wenn unser kreatives Schaffen frei wäre von vorgegebenen Formen und Rahmenbedingungen. Das stimmt oft nicht. In der Musikgeschichte hat die Technik immer eine zentrale Rolle gespielt. Die Vinyl-Schallplatte hat zum Beispiel die Länge der Songs bestimmt. Ein Song hatte zwischen drei und vier Minuten zu sein, sonst hatte er gar keinen Platz auf einer 45-Touren-Single. Mit der CD ist das Albumwerk als Ganzes wichtiger geworden. Aber auch da gab es eine zeitliche Begrenzung.

Und heute?

Wir Musiker jammern gerne über den Tod der physischen Tonträger. Ja, das Geschäftsmodell der Musikindustrie ist tot. Wir müssen das akzeptieren. Die Situation bietet aber gerade auf der kreativen Ebene viele Möglichkeiten. Ich habe jetzt inspirierte Musiker zusammengetrommelt, um Musik zu machen. Ohne konkreten Plan. Wir sind völlig frei von zeitlichen oder strukturellen Vorgaben, und können dabei ohne festen Rahmen Musik zu machen. Ein Lied muss nicht mehr radiotaugliche drei Minuten lang sein. Es muss nicht zwingend aus Strophe und Refrain bestehen. Man höre sich dazu auch wieder einmal Schubert- oder Schumann-Lieder an. Die neue Situation sollte für uns Künstler auch eine befreiende Wirkung haben. Wir sind hier auf der Suche vom Album nach dem Album.

Dann wird die neue Musik nicht auf Tonträger erscheinen?

Mein Label Universal möchte natürlich trotzdem einen Tonträger machen. Aber Plattenfirma, Rechtsabteilungen, Googleplay, Youtube, Tidal, Apple Music, Spotify, das ist nicht der Garten, in dem ich wirklich arbeite. Mein Job ist es, Musik, Songs zu machen, nicht deren Verwertbarkeit. Das Musikbusiness kommt mir vor wie die «Costa Concordia». Das Kreuzfahrtschiff, das aus eitlen Gründen auf Grund gelaufen ist. Und ich spiele auf dem Schiff mit meiner Kapelle zum Tanz auf. Doch ich denke, wir Musiker sollten uns nicht an das untergehende Schiff klammern, sonst gehen wir mit ihm unter.

Sie machten schon Andeutungen, dass «L’Envolée» Ihr letztes Album sein könnte. Hatten Sie eine Vorahnung?

Bei «L’Envolée» stellte ich mir vor, ein Hufschmid zu sein, der versucht, das denkbar beste Hufeisen zu schmieden, während draussen vor dem Fenster, da, wo gerade noch die Pferde aufgezäumt wurden, eine vierspurige Autobahn eröffnet wird. Ich kam mir nach dem Album etwas verloren vor. Doch diese etwas «depressive» Stimmung ist jetzt im Studio mit meinen Musikern total verflogen. Einer der neuen Songs geht nur gerade 50 Sekunden. Ich habe keine Ahnung, ob oder wie man das verkaufen kann. Aber wenn es den Leuten gefällt, kann man ihn ja zwei, drei Mal hintereinander anhören.

Wie klingen die neuen Songs?

Ich nenne sie Homeless Songs. Es sind 28 Lieder, die nicht wissen, wohin sie gehören. Ich arbeite auch nicht mit einer fixen Band, es soll keine Bandsituation, keine Routine aufkommen. Es sind einfach inspirierende Musiker, Martin Gallop, ein kanadischer Singersongwriter, Reyn Ouwehand, ein holländisches Wunderkind, und Gildas Boclé, ein französischer Jazz-Kontrabassist.

Gehen Sie mit diesen Musikern auch auf Tournee?

Nein, ein Konzert, eine Tournee, sollte nach meiner Meinung etwas ganz anderes sein. Das eine entsteht in einem Raum ohne Zeugen, im Wissen, dass man manipulieren kann und darf, ist ein langwieriger, kreativer Prozess. Ein Konzert hat, im besten Sinne des Wortes etwas Einmaliges.

Haben Sie wieder Texte von Philippe Djian und Martin Suter verarbeitet?

Sie haben in ihren Elfenbeintürmen nichts von der Krise mitbekommen (lacht . . .) und haben mich einfach weiter mit Texten versorgt. Ich sagte: Es ist vorbei, es gibt keine Platte mehr. Doch dann habe ich diese wundervollen Texte angeschaut und mich inspirieren lassen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den beiden Star-Schriftstellern?

Beide wären vielleicht auch gerne Musiker geworden. In mir haben sie eine Stimme gefunden. Das heisst: Sie nehmen sich Zeit, denken sich in meine Stimme und schreiben Liedtexte. Ich bin nie dabei. Sie sind einsame Wölfe und man darf sie in diesem Prozess ja nicht stören. Aber wir ergrauenden Männer sind Freunde und sprechen viel miteinander über die Welt und uns mitten drin im Schlamassel. Daraus ergibt sich einiges.

Wann kann man diese Musik hören?

Es ist ein Sommeralbum, pardon Sommermusik. Eine Sammlung von Liedern mit hoffentlich viel Licht und Sonne, mit einem leichten Gefühl des Sommers,
vielleicht auch etwas melancholisch, im Wissen um die Vergänglichkeit dieser langen, berauschenden Tage. Sie sollten also im September parat sein, bevor ich wieder mit meinen Automaten auf Tournee gehe.

Zuerst spielen Sie aber noch an Sommerfestivals, am Festival St. Peter at Sunset in Kestenholz.

Ja, genau. Ein wunderbares Festival, eines der schönsten und liebevollsten der Schweiz. Ich habe dort schon mal gespielt und es war ein sehr berührender Abend. Ein sympathisches Festival mit sympathischen Veranstaltern und einem aufmerksamen Publikum, ich freue mich sehr.

Was können wir dort erwarten?

Ich spiele dort Solo mit meinen Musik-Automaten und möchte beweisen, dass dieses Projekt auch openair funktioniert. Ich hoffe auf eine sternenklare Nacht und darauf, dass meine Automaten, die wie Sternschnuppen wirken, etwas zu einer zauberhaften Nacht beitragen können.

Wie geht das mit den Automaten?

Auch wenn es abgedroschen klingt: Man muss sie gesehen haben, um es zu verstehen. Vielleicht haben Sie in Western-Filmen schon Klaviere gesehen, die von alleine spielen. Die Idee, Klaviere zu automatisieren, stammt aus den 20er-Jahren und ist in Deutschland, Holland und Belgien im sogenannten Orchestrion weiter entwickelt worden. Ein automatisiertes Orchester mit Schlagzeug, Geigen und Trompeten. Das tönt wie Chilbi-Musik. Ich selbst wollte mit den Automaten den Bogen zum Beginn meiner Karriere schlagen, als ich selbst mit automatisierten Synthesizern und Schlagzeugmaschinen gearbeitet habe. Also weniger Zirkus und Polka, als elektro-akustische Musik von mir.

Wie steuern Sie die Automaten?

Mit den Füssen. Es ist Präzisionsarbeit. Im Aufwand, meine bislang teuerste Produktion. Ich habe die Automaten für diese Tour, mit einer belgischen Firma entwickelt.

Was haben Ihre Automaten mit dem Erfinder Nikola Tesla zu tun?

Seine Erfindung war, dass Strom nicht durch Kabel laufen muss, sondern durch die Luft. Er hat Wi-fi und drahtlose Telefone vorweggenommen. Auf meiner Suche nach elektromechanischer Musik bin ich auf ein Tesla-Gerät gestossen, das Strom durch Blitze entlädt und dabei Töne erzeugt.

Tönt gefährlich?

Nur für mich, nicht für die Zuschauer (lacht . . .). Das Tesla-Gerät ist der Störfaktor im Konzert. Es bringt etwas Unberechenbares, Gefährliches ins Konzert. So passieren skurrile Dinge. Lampen beginnen zu leuchten, ohne dass sie am Stromnetz angeschlossen sind. Oder meine sensiblen Automaten drehen durch. Das ist lustig. Ich will die Automation nicht glorifizieren, sondern sie als problematisch darstellen.

Pat Metheny hat auch mit einem Orchestrion gearbeitet. Kennen Sie das?

Ich bin auf seine beeindruckende Arbeit gestossen, als ich meine Automaten entwickeln wollte und rumgehört habe, was möglich ist. Unterschied unserer Arbeit ist, dass Metheny das Orchestrion und seine Nostalgie wieder aufleben lässt und bei mir eher dieser damalige Traum einer Science Fiction-Zukunft die Richtung angibt.

Sie sind 55 Jahre alt . . .

(fällt ins Wort) es wird immer schlimmer. Die Augenringe werden grösser, die Haare werden weiss. Deshalb: Geniesse jeden Tag, es wird nicht besser. Was ab 50 passiert, stand auf der Geburtsurkunde nur im Kleingedruckten. Und es sieht so aus, als würde die Jugend immer wieder an die gerade übelste Generation verschwendet (lacht).

Ich wollte eigentlich fragen, wie Ihre Karriere weitergehen soll.

Die Musik hat mir so viele schöne Momente geschenkt, ich kann mir nichts anderes vorstellen, als Musik zu machen. Ohne Musik wäre ich unglücklich.