«Gölä als Popstudent? Äuä! Undenkbar!» «Pop passt nicht in einen akademischen Lehrgang!» «Kreativität kann man nicht studieren!» «Die Verschulung von Pop führt zu einer Nivellierung und untergräbt die individuellen Eigenheiten!» Und überhaupt: «Brauchen wir so was wie Eidg. dipl. Popmusiker?»

Die Skepsis war gross und weit verbreitet, als die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) 2006 erstmals ein Popstudium anbot und fünf auserwählte Poptalente ihr Studium aufnahmen. Zehn Jahre danach ist es Zeit für eine Bilanz.

Heiko Freund (48), der Leiter der Popabteilung, räumt zuerst mit einem Irrtum auf: «Wir machen keine Popstars», sagt er «das überlassen wir den Castingshows. Vielmehr geht es darum, die Poptalente auf eine ökonomische Lebensfähigkeit vorzubereiten».

Zu diesem Zweck richtet sich die Popabteilung nach den Bedürfnissen der Schweizer Musikszene. Pop-Professor Freund geht von einem diversifizierten Berufsbild aus. Das heisst: Wer in der Schweiz als Popmusiker leben will, muss mehrere Standbeine haben und in den verschiedensten Bereichen tätig sein: Auf der Bühne, im Studio sowie als Lehrer im Musikzimmer einer Musikschule. Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt also nicht nur auf dem Instrument oder dem Gesang, wie bei der klassischen Musik und im Jazz.

Die Studenten werden auch im Songschreiben, der Produktion/Technik sowie in Pädagogik unterrichtet. Dazu werden sie in die Mechanismen der Musikindustrie eingeführt. Die Popabteilung richtet sich also weniger nach den akademischen Vorgaben als an der gelebten Realität eines Schweizer Popmusikers. «Es ist eine gute, solide, umfassende und typisch schweizerische Ausbildung», ist Freund überzeugt.

Pro Jahr werden fünf Talente aufgenommen, die in der Regel eine klassische Band bilden können: Also je ein Sänger, ein Gitarrist, ein Bassist, ein Schlagzeuger und ein Keyboarder. «Dabei wollen wir im Popstudium keinen spezifischen Sound kultivieren», sagt Freund. Heterogenität und Stilvielfalt ist erwünscht. «Wir wollen den Studenten helfen, ihr eigenes Ding zu machen,» sagt er weiter. Auf ihrem Weg sollen sie professionell unterstützt werden.

Freund betont, dass es eine Form der professionellen Unterstützung in der Popmusik immer gegeben hat und nennt als Beispiel den fünften Beatle, den legendären Musikproduzenten George Martin, der die kreativen Ideen der «Fab Four» umgesetzt und in Geniestreiche verwandelt hat. Und überhaupt: Selbst Selfmademan Gölä ist im Laufe seiner Karriere immer wieder von hochkarätigen und ausgebildeten Profimusikern wie dem Gitarristen Slädu unterstützt worden.

Die Aushängeschilder

Welche Spuren hat die Zürcher Popabteilung in der Szene hinterlassen? Wo sind die Abgänger heute? Sechs Jahrgänge und 30 eidgenössisch diplomierte Popmusiker und Popmusikerinnen haben das Studium bisher abgeschlossen. Gemäss Freund sind heute alle in irgendeiner Form in der Szene der Schweizer Popmusik tätig.

Zu den Aushängeschildern gehören etwa James Gruntz (28), Anna Kaenzig (32), Gabriel Spahni (28, Bassist und Komponist von Pegasus) sowie die Pop-Rock-Band Baba Shrimps, deren Kern sich an der ZHdK kennen gelernt hat. Der Keyboarder Marvin Trummer (28), der heute bei Lina Button, Patric Scott und anderen spielt sowie Jonas Wolf (25), Gitarrist bei The Bianca Story, ZIBBZ, John Gailo und neuerdings bei der Folk-Metalband Eluveitie. Dazu die vielversprechenden Singer/Songwriter Tobias Carshey (33), Allen Finch (23) und Frank Powers (24).

Ein Netzwerk schaffen

Die Popabteilung will alles zusammen bringen, eine Szene und eine künstlerische Brutstätte schaffen, die in der Schweiz überlebensfähig ist. «Ich konnte mir im Studium ein Netzwerk aus Musikern und allen möglichen interessanten Leuten bilden», sagt Gabriel Spahni, «in diesem Business ist das sehr viel wert. Ich kann dieses Studium mit seinem vielseitigen Angebot deshalb nur empfehlen». «Das Studium ist ein Spielplatz, auf dem man wüten und Musik aller Art ausprobieren kann», sagt Frank Powers, «hier lernt man das Pop-Handwerk und die richtige Kommunikation». «Das Popstudium ist nicht für alle geeignet», meint Tobias Carshey, «aber es hilft jenen, die am Anfang ihrer Karriere stehen und den Weg noch finden müssen.»

«Es funktioniert», bilanziert der Leiter der Popabteilung Heiko Freund und strahlt, «ich habe es immer gewusst.» Natürlich gibt es «immer noch Zweifler», aber immer weniger. Die Popabteilung ist im Laufe der Jahre zu einem Gütesiegel der Popmusik in der Deutschschweiz geworden. Und Zürich ist nicht mehr allein. Seit diesem Jahr kann man auch an der Musikhochschule in Lausanne Popmusik (musique actuelles) studieren. Das eröffnet neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit über den Röschtigraben. Die Pionierarbeit in Zürich hat sich gelohnt.