Argovia Philharmonic
Willkommen auf der Erde, Argovia Philhamonic!

Das Argovia Philharmonic wagt im 4. Sinfoniekonzert mit Johannes Brahms’ 2. Klavierkonzert etwas gar viel.

Christian Berzins
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Priska Ketterer

Über Musikinterpretation zu reden, heisst auch, den Vergleich zu wagen. Konzertbesucher und Musiker dürfen sich nicht damit begnügen, was da auf dem Podium ist und klingt, sondern sollen daran denken, was da im Ohr sein könnte.

Des ringenden Gedankens kurzer Sinn: Es ist ein Zufall, dass wir am Sonntag vor zwei Wochen ausgerechnet im Wiener Musikverein, im Goldenen Saal, das 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms hörten. Und vorgestern, da wurde dieses urwienerische Werk in Saal 1 im Aarauer Kultur- und Kongresshaus, im KuK, erneut gespielt: am 8. 3. die Wiener Philharmoniker, Dirigent Zubin Mehta und Pianist Rudolf Buchbinder; am 22. 3. das Argovia Philharmonic, Douglas Bostock und die 32-jährige Pianistin Varvara: hier legendäre Wiener Traditionen hoch drei, da ein junger, bunter Nationenmix.

Wie also sollten wir dieses Werk hören? Als in Wien das erste Hornmotiv erklang, öffnet sich das Tor zum Paradies. Am Sonntag in Aarau verhiess der Ruf hingegen ein: «Willkommen auf der Erde.»

Ach, dieser Brahms und sein heimtückisches Klavierkonzert ... Unheimlich schwierig ist es, diese flüchtigen Figuren, das Sperrige und dieses Suchen in einen Sog zu bringen. Heikel ist es, die Balance zwischen Orchester und Klavier aufrechtzuerhalten. Wenn man sich nicht gut kennt, wird dieses Unterfangen unmöglich.

Wir reden um den heissen Brei herum: Die Aarauer Aufführung war Durchschnitt, aber sie verdient viel Respekt.

Hätte das Argovia Philharmonic früher – sagen wir vor mehr als zehn Jahren – Brahms’ 2. Klavierkonzert überhaupt zu spielen gewagt? Wir sind nicht sicher, wissen aber, dass man es damals nicht so gut gemacht hätte wie jetzt.

Am Sonntag spielte man sehr konzentriert, auch mit der nötigen Entschlossenheit: Trotz ein paar Unsauberkeiten war da grosser Gestaltungswille auszumachen. Aber diese orchestrale Entschlossenheit wurde bei Solistin Varvara immer wieder zur Fahrigkeit. Im 2. Satz etwa, wo die Pianistin ganz besonders gefordert ist, erschienen uns etwa die Bläserfiguren überaus klar, die «Antworten» der Pianistin hingegen eher zerfahren. Und gewiss ist das himmlische Cello-Solo im 3. Satz immer wunderschön zu hören. Am Sonntag aber war es geradezu der Höhepunkt des Konzertes: Martin Merker übertrieb es nicht mit dem Wohllaut, aber erreichte einen ungemein intensiv hymnischen Ton. Varvara, die wir als Mozart-Spielerin beim Gewinn des Zürcher Geza-Anda-Wettbewerbs 2012 bewunderten, hatte diesem Klangsinn wenig entgegenzuhalten.

Im Klang-Meer von Sibelius

Da in dieser Saison ein musikalischer Akzent auf nordische Klänge liegt, gabs noch vor der Pause die 7. Sinfonie des Finnen Jean Sibelius zu hören. Chefdirigent Douglas Bostock liegt diese Klangwelt am Herzen, diese Ozean-Musik: mal wild, mal schläfrig, vermeintlich ohne Ziel. Dank Bostocks klarer Hand erkennen wir hier aber so manchen neuen Weg. Doch ein Sibelius-Orchesterklang, der schwebt und steigt, wird das Argovia Philharmonic im Aarauer KuK nie erreichen. Kein Orchester der Welt wird hier, in dieser nüchternen Akustik, mit Sibelius triumphieren.

Und so hatte man denn das eigentliche Prunkstück des Abends schon ganz zu Beginn gehört: die 3. Leonoren-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven. Hier zeigte sich wohl am besten, wie weit das Argovia Philharmonic in den letzten Jahren gekommen ist. Unmöglich, dass man vor zehn Jahren zum Konzertbeginn dieses anspruchsvolle, vielgespielte Werk so locker in den Saal geknallt hätte. Damals gabs sowieso eher die Ouvertüre «Die Weihe des Hauses» zu hören.

Wie nun aber in «Leonore 3» die Holzbläser beim ersten Einsatz mit aller Zartheit Raum gewannen, wie klar die Streicher sich ihren Weg zur Freiheit suchten, wie die Steigerungsbögen gezogen und ausgekostet werden konnten, war eindrücklich. Und alles war ohne falsches Pathos, sondern mit kühn entschlossenem Zug gespielt. Ein moderner Beethoven, der Vergleiche zu vielen anderen Interpretationen zulässt. Der Abendprogrammtitel «kolossal» wurde hier eingelöst.

Wiederholung: 24.3., 19.30 Uhr, Aarau und Fr, 27. 3., 19.30 Uhr, Baden. Zudem Do, 26. 3., Villmergen (hier anstelle von Brahms ein Flötenkonzert von Mozart).