Stolze 12 Millionen Franken hat Stockholm investiert, um sich am Finale des Eurovision Song Contest (ESC) von seiner besten Seite zu zeigen. Schweden gehört seit je zu den Ländern mit der grössten Begeisterung für den europäischen Gesangswettbewerb. Das Eurovisions-Fieber hat aber längst auch die mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder erfasst. Sie scheuen trotz angeschlagener finanzieller Situation keinen Aufwand, um sich auf der Bühne im besten Licht zu präsentieren. Nach einer Auszeit sind Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kroatien und die Ukraine wieder in den Schoss der Eurovisions-Familie zurückgekehrt. Die Ukraine blieb dem Wettbewerb im letzten Jahr aus politischen Gründen fern, ist nun aber zurück mit der Sängerin Jamal – einer Krimtatarin! Die Showbühne als Ersatz für das Schlachtfeld. Über Politik zu singen, ist verboten. Doch der ESC ist längst auch eine hochpolitische Veranstaltung.

43 Länder sind in Stockholm dabei. Zum zweiten Mal auch das ESC-begeisterte Australien, das sich mit Dami Im und dem Song «Sound Of Silence» sogar Siegchancen ausrechnen darf. Der Eurovision Song Contest sprengt längst die europäischen Grenzen. China weitet seine Berichterstattung aus und erstmals wird der Liederwettbewerb auch in den USA ausgestrahlt. Die renommierte «New York Times» erklärte ihren Lesern die Regeln, Präsident Barack Obama würdigte den Contest als «europäische Institution» und der amerikanische Superstar Justin Timberlake ist für das Finale am Samstag als Gaststar gemeldet. Er nutzt die einmalige Plattform, um seinen Song «Can’t Stop The Feeling» zu präsentieren. Aus dem einst belächelten, biederen Schlager-Wettkampf ist ein globales Ereignis geworden.

Unschweizerischer Anlass?

Nur in der Schweiz ist von einer euphorischen Stimmung nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Schweizer Ausscheidung ist medial kaum zur Kenntnis genommen worden. Und statt die Schweizer Kandidatin Rykka zu feiern, werden lieber die Flops und Null-Nummern der letzten Jahre noch einmal aufgelistet. Mit Genuss. Es ist die Chronik der nationalen Schande. Und die bedauernswerte Rykka scheint schon verloren zu haben, bevor ihr ESC-Abenteuer am heutigen Halbfinal begonnen hat.

Den Gipfel der Arroganz bildet in diesem Jahr die «NZZ am Sonntag». In der Einleitung zum Artikel «Sofort alle verhaften» heisst es: «Unser Kritiker hat sich in heldenhafter Selbstaufopferung alle 43 Beiträge schon angesehen … Damit Sie sich den Anlass ersparen können».

Rykka - The Last Of Our Kind (Switzerland) 2016 National Final Performance

Rykka - The Last Of Our Kind (Switzerland) 2016 National Final Performance

Rykka singt für die Schweiz am Eurovision Song Contest

Typisch Schweiz! «Unsere kulturellen Leistungen werden generell nicht vom grossen Stolz der Bevölkerung getragen», sagt Christoph Trummer, der Präsident der Schweizer Musikschaffenden. Noch pointierter äussert sich Nik Thomi von Radio Energy: «Der ESC ist durch und durch unschweizerisch und wird bei uns nie Begeisterung auslösen. Der schillernde, bunte, extravagante und schrille Anlass passt schlicht nicht zu uns Schweizern. Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, dass er nur in der Schweizer Gay-Community gefeiert wird. Wir Schweizer strahlen eine uns eigene Biederkeit aus, die nicht mit diesem Anlass vereinbar ist. Wir sind zu wenig laut, tragen den Nationalstolz nicht mit solcher Vehemenz in die Welt wie andere europäische Länder. Wir sind zurückhaltend, bescheiden – aber halt auch etwas langweilig. Ein Adjektiv, das wohl nirgends weniger zitiert werden darf als am ESC. Es ist nicht so, dass wir von Europa keine Punkte erhalten, weil der Song schlecht ist oder uns alle hassen. Wir sind in unserem Wesen halt einfach viel zu unscheinbar, um irgendwie auf uns aufmerksam …»

… Einspruch! Das Schweizer Leiden am Eurovision Song Contest ist weniger eine Frage der Mentalität, es ist vor allem selbstverschuldet.

Professioneller Show-Wettbewerb

Der Wettbewerb hat sich gerade in den letzten Jahren stark gewandelt. Er ist – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr die exotische Freakshow mit Klamaukpotenzial. «Der ESC hat sich vom Song Contest zum hochprofessionellen Show Contest mit grossartigen Performances entwickelt», sagt Heiko Freund, der Leiter der Popabteilung der Hochschule der Künste in Zürich (HdKZ). «Was andere Länder auf der Bühne aufführen, ist ganz grosses Kino», sagt er weiter. Der diesjährige russische Beitrag «You Are The Only One» von Sergey Lazarev liefert besten Anschauungsunterricht: Ein guter Song und eine gute Interpretation allein genügen heute nicht mehr. Es ist nur die Basis, die Voraussetzung. Für den Erfolg braucht es mehr. Gefragt ist heute eine Idee zum Song, eine Botschaft, eine Vision, eine durchgestylte Choreografie, originelle Videoeinspielungen, starke Bilder, Tricks und überraschende Effekte. Ein akustisches und visuelles Gesamtkunstwerk.

Diese Entwicklung hat die Schweiz verschlafen. Oder sie konnte schlicht nicht Schritt halten. «Die ESC-Sendungen sind sehr günstige Ko-Produktionen», heisst es beim SRF auf Anfrage, «die Sendungen sind um ein Vielfaches günstiger als eigenproduzierte Hauptabendsendungen». Den bescheidenen 184 000 Franken für den ESC stehen 549 000 Franken pro Folge für Unterhaltungsshows wie «Die grössten Schweizer Talente», «Happy Day», «Donnschtig-Jass» oder «SRF bi de Lüt – Live» gegenüber. Noch grösser sind die Kosten für einmalige Showevents wie «Viva Volksmusik», «SwissAward», «Kilchspergers Jass-Show», «100% Schweizer Musik», «Jetzt oder nie – Lebe deinen Traum». Sie liegen im Schnitt bei 597 000 Franken. Mit anderen Worten: SRF hat andere Prioritäten als den ESC. Und: Am Leutschenbach regiert das Sparen. Man ist stolz darauf, dass der ESC nicht mehr kostet. Für die Inszenierung einer Show am ESC bleibt da nicht viel übrig. Die Folge: Die Schweiz reist ohne Vision zur Eurovision.

Pipilotti Rist an den ESC

Mit halbherzigem Engagement gibt es am ESC aber keinen Blumentopf zu gewinnen. Nur Nullnummern. Es ist keine Frage der Mentalität und des Könnens, es ist eine Frage des Willens. Denn die Schweiz hätte erstklassige und extravagante Trümpfe im Köcher: Zum Beispiel Dieter Meier. Der Musiker und Künstler hat im Bereich der Videokunst Bahnbrechendes geleistet, und gerade der russische Beitrag erinnert stark an das Video «Touch Yello» von 2009. Oder Pipilotti Rist. Ein gefeierter Weltstar, von dem sich sogar Beyoncé in ihrem aktuellen Video-Film offensichtlich inspirieren liess. Introvertierte, uncoole, unbeachtete, biedere Schweizer? Bah! Wieso nicht den einen oder die andere mit einem visuellen Konzept für einen Schweizer Beitrag beauftragen? Die Russen machens vor. Sie müssen das Finale nicht gewinnen, sie haben schon gewonnen.

Yello - Touch Yello (The Virtual Concert) Feat. Till Brönner

Yello - Touch Yello (The Virtual Concert) Feat. Till Brönner

Oder dann gäbe es noch die Hochschule der Künste in Zürich. Die Studenten der Popabteilung stehen dem Eurovision Song Contest unvoreingenommen gegenüber, wie der Leiter Heiko Freund betont. Der Schlagzeuger und der Keyboarder von Rykkas Band haben in Zürich soeben ihren Abschluss gemacht. «Einen solchen Songbeitrag würden wir gern komponieren und designen», sagt Freund. Als Gesamtkunstwerk mit allen akustischen und visuellen Konsequenzen. Na also, da sind die Visionen.

Zweites Halbfinale mit dem Schweizer Beitrag von Rykka. Heute SRF2 ab 21 Uhr. Finale: Sa 14. Mai, SRF1 ab 21 Uhr.