Weltgeschichte schrieb Luther, der 1507 zum Priester geweiht wurde und mit seinen 95 «Thesen» 1517 den Anstoss zur Reformation gab.

Als in Theorie und Praxis ausgebildeter Musiker und Philosoph war Luther an der Erneuerung der Kirchenmusik interessiert. Von der Überzeugung getragen, dass die Musik Teufel und Traurigkeit vertreibe und die Christengemeinde zusammenschweisse, schuf der Sänger und Lautenist eine neue kirchliche Musikpraxis.

Der Meister diktiert

Ganz allein war Luther darin nicht. 1524 weilten zwei Kirchenmusiker aus Thüringen, Conrad Rupff und Johann Walter, drei Wochen lang bei ihm. In dieser «Kantorei im Hause» entstanden zahlreiche Kirchenlieder. «Wäre ich nicht Theolog', würd' ich am liebsten Musiker geworden sein», bekannte Luther in einem Brief an den «Urkantor» Johann Walter in Torgau.

Gegen vierzig Lieder tragen die Handschrift Martin Luthers, zum Beispiel «Nun komm, der Heiden Heiland», «Gelobet seist du, Jesu Christ», «Ein feste Burg ist unser Gott» - und «Vom Himmel hoch, da komm ich her». Möglicherweise schrieb Luther dieses Weihnachtslied 1535 für den Hausgebrauch, für seine Familie. Sicherlich aber auch mit Blick auf die Gottesdienste. 1535 wurde es erstmals im «Wittenberger Gesangbuch» gedruckt - ob mit oder ohne Luthers Zustimmung, ist unbekannt.

Nicht alle seine Lieder hat Luther selbst komponiert. So ist die Melodie des Weihnachtsliedes «Vom Himmel hoch ...» eine Abwandlung des weltlichen Bänkellieds «Ich kumm aus frembden landen her» - ein Spielmanns- oder Rätsellied mit klar weltlichem Hintergrund, das in geselligem Kreis gesungen wurde. Der Bänkelsänger tritt in den Kreis und überbringt Nachrichten aus fremden Ländern. Noch 1541 vertonte Ludwig Senfl das Lied mit dem Titel «Mit Lust tritt ich an diesen Tanz». 1555 erschien das Lutherlied mit dem Weihnachtstext im «Schlesischen Singebüchlein» mit dem Vermerk: «Auf die Noten: Aus frembden Landen kom ich her». Der weltliche Ursprung war allgemein bekannt, das ursprüngliche Tanzlied lebte parallel zum geistlichen Lied weiter.

Der Text ändert, die Melodie bleibt

Das Verfahren der «Vergeistlichung» weltlicher Lieder («Kontrafaktur») war in jener Zeit verbreitet. So entstand das Kirchenlied «O Welt, ich muss dich lassen» aus dem weltlichen «Innsbruck, ich muss dich lassen» von Heinrich Isaac. Solche Umwidmungen funktionieren nur, wenn der Gehalt, der Affekt und der Gestus des geistlichen Liedes mit dem des weltlichen übereinstimmen, wenn - theologisch gesprochen - der «Scopus» derselbe ist. Voraussetzung ist weiter, wie Luthers Freund Johann Walter formulierte, dass «alle Noten auf den Text nach dem rechten Accent und Concent gerichtet würden».

Das ist zweifellos bei «Vom Himmel hoch ...» der Fall. In beiden Liedern, dem weltlichen und dem geistlichen, sind Versmass und Silbenzahl identisch. In beiden geht es um ein Hereinkommen von aussen - im ursprünglichen Liedtext aus der Fremde, im Lutherlied um die Landung der himmlischen Heerscharen auf Erden. In beiden Fällen spricht ein «Ich», einmal ein profanes und einmal ein metaphysisches, der Engel. Beider Grundstimmung ist positiv. In der wissenschaftlichen Ausgabe der Lutherlieder liest man über den Vorgang der Kontrafaktur: «So, wie dieser Bursche in der Rolle des Bänkelsängers beim Abendtanz unter der Dorflinde in den Kreis tritt, so kommt der Engel in der Christnacht zu den Hirten.»

Musikalisch gehört das Lied wie viele Lutherlieder dem ionischen Melodietypus an, ist also modern ausgedrückt in Dur gehalten. Charakteristisch für die Melodie ist der absteigende Duktus, der in immer wieder anderer Gestalt erscheint: erst als Tonleiter, dann die Dreiklangtöne abwärts schreitend. Man kann in dieser Übereinstimmung von Form und Inhalt ein Erfolgsgeheimnis des Liedes sehen und es als eines der Wunder der Musikgeschichte ansehen, dass der «neue», geistliche Text im Grunde besser zur Melodie passt als der ursprüngliche, weltliche Text - der Fremde kommt ja nicht wie der Engel von oben.

Bereits 1539 erschienen Text und Musik in ihrer heute noch bekannten Gestalt. 15 Strophen umfasst Luthers Text, von denen nur die ersten noch geläufig sind. Auffällig ist der Wechsel des logischen Subjekts. Nach fünf Strophen, in denen der Engel spricht, ergreifen die Hirten stellvertretend für das gläubige Kollektiv das Wort. Danach spricht das «lyrische Ich» in einer Selbstreflexion: «Merk auf, mein Herz, und sieh dorthin!»

Diesen Rollentausch musste man verstehen, um das Lied zu verstehen. 1555 schrieb ein Dichter mit dem schönen Namen Valentin Triller als Verständnishilfe zum Lutherlied eine Art Vorvers, der die Botschaft der Engel («Ich bring euch gute neue Mär») dramaturgisch erklärt: «Es kam ein Engel hell und klar / Von Gott aufs Feld zur Hirtenschar».

Verweis auf «Susani», Kindelwiegen

Vor dem Schlussvers («Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron») schob Luther den Vers ein: «Davon ich allzeit fröhlich sei, / Zu springen, singen immer frei / Das rechte Susaninne schon / Mit Herzenslust den süssen Ton.» Das Wort «Susaninne» verweist auf das «Kindelwiegen», die symbolische Aufnahme des Jesuskindes in die feiernde Gemeinde.

Der Rollenwechsel im Liedtext - bald spricht der Engel, bald das Hirtenvolk - entspricht der Struktur eines Krippenspiels mit verteilten Rollen. Das Kirchenlied ist im Grunde ein Dramentext geblieben, hat eine wesentliche Eigenschaft vom «Kränzelsingen» bewahrt. Es ist möglich, aber nicht belegt, dass Luther an eine dramatische Aufführung des Liedes dachte.

Damit hätte eine «katholische» Tradition überlebt, was Luther zwangsläufig in einen Konflikt brachte. «Derartige Inszenierungen», schreibt der Kulturwissenschafter Lars Winterberg, «waren im sakralen Raum des 15. Jahrhunderts weit verbreitet, wurden jedoch aufgrund populärer Überformungen sowie ihres Ursprungs in Frauenklöstern schon bald als ‹Papstkirchensitte› von Luther abgelehnt.» Vom selben, der die Worte gedichtet hatte!

Bach war am gelehrtesten

Vielleicht liegt gerade in diesem volkstümlichen Zug ein Grund für die erfolgreiche Karriere des Weihnachtslieds «Vom Himmel hoch ...». Diese begann früh und hielt lange an. Nachdem das Lied in Liederbüchern abgedruckt worden war, entstanden im 16. Jahrhundert mehrstimmige Chorfassungen. Danach tauchte das Lied in Oratorien der Leipziger Thomaskantoren Sebastian Knüpfer (1633-1676) und Johann Sebastian Bach (1685-1750) sowie des Hamburger Musikdirektors Johann Mattheson (1681-1764) auf. Den kreativsten Umgang mit dem Lutherlied bewies Bach.

Zwar hat er keine Kantate mit dem Titel «Vom Himmel hoch ...» geschrieben. Aber für drei Choräle in seinem «Weihnachtsoratorium» benutzte er die Melodie. Ausserdem kommt sie in einer Verarbeitung im «Orgelbüchlein» vor. Am Ende seiner Laufbahn hat ihr Bach 1748 eines seiner kunstvollsten Werke gewidmet, die mit dem «Musikalischen Opfer» und der «Kunst der Fuge» in einem Atemzug zu nennen sind: die «Kanonischen Veränderungen» für Orgel BWV 769.

Die romanische Welt passte


In der Romantik hat Felix Mendelssohn Bartholdy das Lied gleich dreimal verarbeitet: 1831 in seiner Choralkantate «Vom Himmel hoch» und zehn Jahre später im Dezember-Stück seines Klavierzyklus «Das Jahr». Ein drittes Mal erscheint es in seiner Schauspielmusik zu Racines «Athalie». Die Anregung für den aus dem Judentum stammenden Mendelssohn war eine doppelte: Einerseits hatte ihm jemand vor seiner Abreise nach Italien 1830 eine Ausgabe der Lutherchoräle geschenkt, andererseits war dies ein Reflex auf seine Wiederaufführung der «Matthäus-Passion» von Bach 1829.

Zur gleichen Zeit widmete Otto Nicolai dem Lied seine «Weihnachtsouvertüre» für Orchester. Nach der Romantik war die Karriere von «Vom Himmel hoch» noch lange nicht vorbei. Max Reger, Sigfrid Karg-Elert, Ernst Pepping und Hugo Distler vertonten das Lied. In der romanischen Welt und ausserhalb des deutschen Sprachraums fand es kaum Verbreitung. So lässt der schweizerisch-französische Komponist Arthur Honegger im vielsprachigen Weihnachtslieder-Potpourri seiner «Cantate de Noël» zwar die Engel vom Himmel herabsteigen, aber mit einem andern, ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert stammenden Lied: «Vom Himmel hoch, ihr Engelein kommt» - mitsamt «Susani»-Wiegen.