Klassik

Wie im Rausch

Philosophieren über den Ragtime? Nein, der Boswiler Sommer lässt ihn lieber spielen.

Ein Abenteuer unterm Titel «Ragtime» verspricht der Boswiler Sommer. Ragtime = Scott Joplin = «The Entertainer» (der zum Welthit wurde)? So einfach verhält es sich mit dem Ragtime nicht. Was daraus erwachsen kann, ist an einem eigenwillig programmierten Abend zu erleben. Das Kaleidoscope String Quartet (Simon Heggendorn, Ronny Spiegel, David Schnee, Sebastian Braun) erobert sich in seinen Kompositionen den nie als explizit deklarierten Ragtime suchend, gleichsam aus der Improvisation heraus; John Novacek hat sich diesen derart anverwandelt, dass er ihn hinreissend in die Gegenwart führt; das Duo Matthias Bartolomey (Violoncello) und Klemens Bittmann (Violine, Mandola) wiederum mischt Rock- mit Jazzelementen und – improvisiert.

Eines ist sicher: Wer Ragtime spielen will, muss sich wappnen. Die vertrackten Rhythmen sind eine Herausforderung, zumal wenn sie im Verbund mit virtuosen Raffinessen nicht einfach gespielt, sondern «serviert» werden wollen. Die Chaarts (Bratschistin Sylvia Zucker, Kontrabassist Peter Schlier, Pianist Nicholas Rimmer und Geiger Jonian Elias Kadesha) sind hierfür die Richtigen. Man muss schon gehört haben, wie Kadesha/Rimmer sich in «Intoxication» rauschhaft steigern; in «Full Stride Ahead» ein Feuerwerk abbrennen oder in «4th Street Drag» eine Salonatmosphäre erstehen lassen, die leicht parfümiert ist – wie geschaffen für den Auftritt einer Diva.

Grösser hätte der Kontrast zum zweiten Teil mit BartolomeyBittmann nicht sein können. Auch diese Musiker, deren Instrumente verstärkt sind, reissen mit – aber anders. Beide setzen auf ein physisches Spiel; entlocken ihren Instrumenten raue, aber auch zarte und dumpf pochende Klänge. Mögen ihre Stücke auch anders heissen, aber auch BartolomeyBittmann wissen, was Novacek mit Intoxication meint: Rausch.

Boswiler Sommer, Alte Kirche bis 8. 7.

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