Was bedeutet es heute, Musiker in der Schweiz zu sein? Wie wichtig ist die lokale Verankerung? Der Berner Musiker und Labelbetreiber Reverend Beat-Man beantwortet diese Fragen so: «Wir Schweizer sind ein raues Bergvolk. Und wir müssen sehr gut sein, um die Leute dort unten in den Städten zu beeindrucken. Diesen Kampfinstinkt habe ich in mir: Ich komme aus einer kleinen Stadt und werde euch etwas zeigen, das ihr noch nie gehört habt,» so der «Voodoo-Rhythm»-Trash-Blueser.

Beat-Man ist einer von rund 40 Porträtierten, die im Projekt «Sonic Traces: From Switzerland» des in Bern stationierten Musik- und Kulturvermittlungsnetzwerks Norient zu Worte kommen. Die «akustischen Loipen der Schweiz» führten den Musikethnologen Thomas Burkhalter, den Videokünstler Michael Spahr und den Musikproduzenten Simon Grab zurück in ihre Heimat – nachdem sie in ihrem Projekt «Sonic Traces: From the Arab World» nach neuer Musik im Nahen Osten geforscht und Musiker zu ihrer Verfassung in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung befragt haben. «Jetzt übertragen wir diese Fragestellung auf die Schweiz,» so Burkhalter.

Sonic Traces: So tönt die Schweiz

Sonic Traces: So tönt die Schweiz

In Performances vermengen die drei Norient-Netzwerker die Fülle an Interviews, Sounds, Filmaufnahmen und Visuals jeden Abend neu live zu einer audio-visuellen Fallstudie: «Das Resultat ist eine Art Live-Dokumentarfilm,» umschreibt es Grab. Die Performances sind jedoch nur ein Teil des interdisziplinären Projekts. Online soll fortlaufend ein Katalog von Porträts Schweizer Musiker entstehen.

Verschwitzte Clubs und Jodlerfest

Auf ihrer Reise durch den Schweizer Musikdschungel besuchten Burkhalter, Spahr und Grab verschwitzte Clubs genauso wie das Eidgenössische Jodlerfest in Interlaken oder die Zürcher Tonhalle. Und holten neben Bit-Tuner und Tim & Puma Mimi auch den Komponisten Ruedi Häusermann oder Webstuhl-Musikerin Stini Arn vor die Kamera. «Bei der Auswahl der porträtierten Musiker und ihrer Musik haben wir versucht, Perlen aus allen Genres der letzten zehn Jahre herauszupicken,» sagt Burkhalter. Diskutiert wurde unter anderem über Produktionsbedingungen, Vertriebskanäle, Förderung und Einflüsse. Ein facettenreicher Einblick in die Befindlichkeit Schweizer Musikschaffender: Der experimentelle Appenzeller Jodler Noldi Alder befürchtet eine «Touristisierung» der Volksmusik, der Zürcher Soundtüftler und Schlagzeuger Simon Berz empört sich über die ungerechte Verteilung der Fördergelder – «Was das Opernhaus für Förderung erhält und was experimentelle Musik erhält, steht in keinem Verhältnis» – während Cyrill Schläpfer, Regisseur des Musikfilms «UR-Musig», den Klang einer Kuhglocke in den Bergen jederzeit einem künstlich fabrizierten Klang vorzieht.

«Fragen zur schweizerischen Identität als Musiker wurden nicht selten erst mal energisch abgelehnt,» so Burkhalter: «Die meisten Musiker sehen sich in erster Linie als Musiker und nicht als Schweizer Musiker. Und das Ziel ist, so oder so auch international erfolgreich zu sein.» – «Unsere Exkursionen stecken voller Überraschungen: Dann sitzt man plötzlich in der Agglo beim zehnten Kafi Fertig mit dem Schwyzerörgeliquartett Mosibuebä», erinnert sich Videokünstler Spahr. «Volksmusik war mir lange fremd. Ich fühlte mich manchem Musiker aus dem arabischen Raum näher als einem Jodler aus der Schweiz.»

Live-Daten www.norient.com