Klassik

Was macht ein Dirigent? Lucerne Festival bietet Anschauungs-Unterricht

Andris Nelsons fleht um Klang und Ausdruck – und erhält vom Lucerne Festival Orchestra die schönsten Grossartigkeiten.

Andris Nelsons fleht um Klang und Ausdruck – und erhält vom Lucerne Festival Orchestra die schönsten Grossartigkeiten.

Der Dirigent Andris Nelsons ringt mit sich, mit Gustav Mahler und der Welt. Und zeigt gleichzeitig, was ein Dirigent eigentlich macht.

Was macht eigentlich der Dirigent? Die scheinbar sehr dumme Frage war in dieser Woche am Lucerne Festival durchaus aktuell. Man konnte nämlich das Glück haben, innerhalb von fünf Tagen dasselbe Orchester mit zwei verschiedenen Orchesterleitern zu hören. Das Resultat war atemberaubend verschieden – genauso wie die Meinungen über das Gehörte.

Als Versuchskaninchen agierte grosszügigerweise das Lucerne Festival Orchestra (LFO): Jene adhoc-Luxusgemeinschaft, die vor zwölf Jahren von Claudio Abbado gegründet wurde und nur in Luzern aufspielt – ab 2016 unter der Leitung von Riccardo Chailly. Diese Woche aber standen dem LFO noch der 36-jährige Andris Nelsons und der 86-jährige Bernard Haitink vor. 

Claudio Abbado dirigiert Mahlers 5. Symphonie am Lucerne Festival

Claudio Abbado dirigiert Mahlers 5. Symphonie am Lucerne Festival

Mit Haitink erlebte man beim Eröffnungskonzert am Freitag in Mahlers 4. Sinfonie eine Feier der Schönheit. Nelsons hingegen wählte am Mittwoch den viel riskanteren Weg, versuchte Mahler zu durchdringen. Im einem Interview sagte er vor kurzem bezeichnenderweise: «Bei Mahler ist jede Note wie ‹Sein oder Nichtsein›.» Wer das Durchsetzen will, braucht das bedingungslose Mitgehen des Orchesters: Wenn das ihm nur zu zwei Dritteln folgt, scheitert der Dirigent famos.

Rauschhafter Ausdruckswahn

Bei allem gestischen Nachdruck Nelsons: Die Trompetenfanfaren zu Beginn erklangen mit erstaunlich hellem Zug, ja, der «Trauermarsch» wurde nicht bedeutungsschwer geschritten, sondern da war durchaus die Idee des Gehens. Und doch lädt Nelsons jeden Geigenstrich, jedes kleinste Solo auf, macht dieses sinfonische Ungetüm durch seinen Durchdringungsversuch zu einem Seelenaufwühlen, das keine Erlösung zu kennen scheint.

Und selbst wenn nach 50 Minuten des Auf und Abs das berühmt-berüchtigte «Adagietto» anklingt, triumphiert der rauschhafte Ausdruckswahn. Das «Adagietto» will hier kein schwebendes Gegenstück zu den anderen Sätzen sein. Nelsons bleibt der Dramatiker, lässt den Satz aus dem Streicherflüstern entstehen, gestaltet ihn durch, spitzt jedes Details bis zum letzten Harfenzupferchen zu. Hier wurde Überwältigungsmusik von einem Überwältigungsmusiker so heftig ausgereizt, dass zarte Seelen verstört zurückblieben. Doch das Grossartige an Nelsons Zugang: Das Festspielorchester folgte dem Letten. Bezeichnenderweise fragte uns danach ein Amerikaner: «Wer hat das denen gelehrt?» Und unsicher antworteten wir, «Abbado», setzen aber ein Fragezeichen hinter die Antwort. 

Obwohl mit Nelsons ein Dirigent vor dem LFO stand, der gestenreich zu verstehen gibt, wo es langgehen soll, war er es, der den ureigenen Klang aus dem Orchester hervorzauberte, den man in den Abbado-Jahren lieben gelernt hatte. Von den traumhaften Spielchen zwischen den einzelnen Solisten ganz zu schweigen,
so etwa wenn Flötist Jacques Zoon am Schluss des 1. Satzes atemgleich das Thema von Trompeter Reinhold Friedrich aufnimmt. Aber im Idealfall atmen eben nicht nur diese berühmten Musikerköpfe gleich, sondern das ganze Lucerne Festival Orchestra bis zum hintersten Streicher. Zusammen mit dem Dirigenten. Und zu Beginn des Abends war da noch einer, dessen Atem man aufnahm: jenen von Matthias Goerne.

Der deutsche Bariton sang Lieder aus des «Knaben Wunderhorn». Die lyrischen mit einer beglückenden Sinnlichkeit, die forscheren mit etwas weniger Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. Aber zum Glück stand da im Hintergrund mit Nelsons der wahre Geschichtenerzähler, der etwa das Verstummen des Orchesters im «Urlicht» zu einem Klangsterben machte.

Sportlicher Humanismus

Der Montag war anderer Natur. Daniel Barenboim dirigierte sein West Eastern Divan Orchestra sportiv. Es war aber eindrücklich zu hören, welche verschworene Gemeinschaft der Dirigent aus diesen jüdischen und arabischen Musikern geformt hat. Prächtig, dieser frühlingshaft duftende Schwung in Beethovens Trippel-Konzert.

Ganz aus dem Geist der völkerverbindenden Idee war die Wahl der drei Solisten: Mit Kian Soltani ein in Österreich geborener Iraner, ihm zur Seite der jüdische Geiger Guy Braunstein. Und diese zwei Streicher spielten sich die Bälle so packend zu, dass der Dritte im Solistenbunde zum staunenden Bewunderer degradiert wurde, zumal er vor allem nur Lautes entgegenzusetzen hatte: Dieser Dritte war Daniel Barenboim – als Pianist. Nach der Pause zeigte das Orchester in Schönbergs «Pelleas et Melisande» seine breite Klangpalette. Barenboim, als Dirigent, stand nicht im Wege, wenn es darum ging, das sehr kraftvoll zu zeigen.

Nelsons dirigiert diese Tage noch zwei Mal in Luzern, es wird hoch spannend, tut er es doch mit seinem eigenen Orchester aus Boston. Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage wären.

Nelsons in Luzern 30./31. August, KKL.

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