Die Hintergrundmusik in der Hotellobby ist laut, Dirigent Paavo Järvi (55) soeben in Zürich gelandet, nach dem Interview will er ins Konzert. Selber tourt er gerade mit dem Estonian Festival Orchestra durch Europa. Stress? Scheint für der Esten ein Fremdwort.

Paavo Järvi, auf Ihrem aktuellen Album und Ihrer Europatour spielen Sie Musik aus Ihrer Heimat Estland und aus der Sowjetunion. Was ist das Besondere an dieser Musik?

Paavo Järvi: Besonders ist vor allem das Estonian Festival Orchestra, das wir am Festival in Pärnu gründeten. Gemeinsam möchten wir estnische und nordische Musik einem breiten Publikum näher bringen.

Was sonst wollen Sie nach Zürich bringen, wenn Sie 2019 Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters werden?

Um in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu funktionieren, darf ein Orchester sich nicht auf etwas spezialisieren. Früher war das anders. Wer Karajan hören ging, wusste: Er wird Brahms oder Strauss dirigieren. Sogar herausragende Orchester verfügten über ein kleines Repertoire. Seither hat sich die Welt verändert, das Publikum ist offener geworden. Etwas davon möchte ich nach Zürich mitbringen.

Hat Ihr Vater Neeme Järvi Ihnen Tipps gegeben im Umgang mit den Schweizern? Immerhin war er Chefdirigent des Orchestre de la Suisse romande.

(lacht) Nein. Aber ich habe sehr viel von ihm gelernt. Als ich jünger war, rief ich ihn oft an. Oder er telefonierte und sagte: Pass auf bei dieser Stelle da – die ist heikel.

Ihr Bruder ist auch Dirigent, Ihre Schwester Flötistin.

In unserer Familie gibt es 25 Musiker – und viele spielen im Estonian Festival Orchestra. Mein Vater ist das Zentrum. Er ist sehr stolz auf uns.

Sie haben in der «NZZ am Sonntag» gesagt, Sie kämen nicht mit dem Slogan: «Make the Tonhalle great again». Hat das Orchester an Qualität verloren, seit Chefdirigent Zinman gegangen ist?

(vehement) Nein. Das Orchester ist wundervoll. Und es hat nicht an Qualität verloren. Allerdings könnte es sichtbarer werden in Zukunft.

Müssen Orchester sich heute auch präsentieren?

In der heutigen Welt herrscht so viel Betrieb. Überall ist etwas los, und ständig strömen Informationen auf uns ein.

Was wollen Sie dem entgegenhalten?

Man braucht eine klare Identität und Sichtbarkeit. Man muss für etwas stehen.

Wie erreicht ein Orchester das?

Wichtig sind Alben und zu touren. Auch dass man visuelle Medien so oft wie möglich nutzt. Die Tonhalle bietet Streams an, aber es könnten mehr sein. Da nicht die ganze Welt nach Zürich kommen wird, müssen wir unseren Weg in die Welt finden.

Das klingt nach einem neuen Zeitabschnitt bei der Tonhalle. David Zinman war ein väterlicher Dirigent, der amtierende Chef Lionel Bringuier ist ein leidenschaftlicher Junger. Welche Art von Dirigent werden Sie sein?

Ich kann nur sein, was ich bin. Meine Aufgabe ist sehr klar: Mit anderen Musik zu machen und den Hörern die bestmögliche Musik bieten – und alles andere vergessen.

Präsentieren und Musik machen geschehen also nicht gleichzeitig?

Manchmal überrascht mich, wie andere mich wahrnehmen. In Frankreich steht in jeder Kritik: Er hat eine eiserne Faust in einem Samthandschuh. Ich finde nicht, dass ich das habe. Ja ich weiss nicht einmal, was das heissen soll.

Wie würden Sie sich denn beschreiben?

Das ist eine sehr schwierige Frage für mich: Ich bin Musiker. Ich bin Este. Ich lebe überall und nirgends. Und ich bin sehr glücklich.

Was macht Sie glücklich?

Ich lebe nahe am Idealzustand, habe ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern. Ich freue mich jeden Morgen, aufzustehen und Musik zu machen. Ich kann meine Rechnungen bezahlen. Und manchmal liegen sogar ein Glas oder eine Flasche Champagner drin. Alles läuft reibungslos und erlaubt mir, Musik zu machen.

Sie haben Dirigieren und Schlagzeug studiert. Über Schlagzeuger machen andere Musiker gerne Witze.

Sie werden staunen, aber viele Dirigenten haben Schlagzeug studiert: Simon Rattle, mein Vater Neeme Järvi, Fritz Reiner. Schlagzeug spielen hat den Vorteil, dass man früh in Orchestern aushelfen kann. Man erhält Gelegenheit, die komplizierte Chemie zwischen Musikern und Dirigent von Grund auf zu lernen: Was einen Dirigenten sympathisch macht und warum man anderen nur schwer folgen kann. Man lernt, wie man um etwas bitten und wie man etwas fordern muss. Es ist eine richtige Schule.

Ihr Dirigierlehrer war Leonard Bernstein, der mit einem Bein in der Klassik stand und dem anderen am Broadway. Wollen Sie auch die Grenzen lockern? In Bremen haben Sie mit Popmusikern zusammengespannt.

Ich wollte eine Brücke bauen zu uns, weil es mich schockiert hat zu hören, wie viele Kinder noch nie in einem klassischen Konzert waren. Tatsächlich gelingen aber nur sehr wenige Versuche, die Genres zu kreuzen. Einer verliert immer.

Warum?

Die Ziele von leichter Musik und von Kunstmusik sind unterschiedlich. Die eine will unterhalten, die andere zum Denken anregen. Zudem ist Pop, hinsichtlich der Medien, Choreografie oder der visuellen Effekte durchorganisiert. Er ist grösser und lauter.

Kann klassische Musik nicht auch gross und laut sein?

Doch. Die Sinfonien von Mahler wurden komponiert, um gross zu sein. Aber für eine Haydn-Sinfonie ist das völlig der falsche Weg. (verbeisst sich ein Gähnen) Entschuldigung, ich komme direkt aus den USA und kämpfe mit der Zeitverschiebung. Eigentlich bin ich permanent jetlagged.

Stichwort Erholung: Geigerin Viktoria Mullova, die mit Ihnen tourt, sagt: «Stärke wächst aus Stille.» Wo holen Sie sich Stille?

Ich bin ganz ehrlich: Ich habe viel zu wenig Stille. Was mir am meisten fehlt, ist Zeit. Ich bin nie allein. Andererseits, wenn man sich permanent in diesem Kreislauf von Musikmachen bewegt, ist man jederzeit fit zum Auftreten.

Ist Musik für Sie eine Obsession?

Es ist vor allem das Adrenalin. Würde ich zwei Wochen Ferien machen – was mir nie passiert –, wäre ich komplett verloren. Ein Gefühl wie … auf Englisch gibt es den Ausdruck: Ein Fisch im Wasser, ein Fisch an Land. Als Fisch im Wasser weiss ich, was ich zu tun habe.

Sie sind Chefdirigent in Tokio und Bremen, Ihre Familie lebt in den USA, werden Sie 2019 nach Zürich ziehen?

Ich werde hierherziehen. Aber so, wie ich eben an einen Ort ziehe. Wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, weiss ich die Antwort darauf nicht. Die meiste Zeit verbringe ich unterwegs von einem Konzert zum nächsten.