Frank Peter Zimmermann

«Warum sollte ich eine Homepage haben?»

Der Deutsche Geiger Frank Peter Zimmermann.

Der Deutsche Geiger Frank Peter Zimmermann.

Der Deutsche Geiger Frank Peter Zimmermann ist in der Saison 2013/2014 Artist in Residence beim Tonhalle-Orchester Zürich. Ein erstaunlicher Künstler.

Frank Peter Zimmermann, warum bewegen Geiger die Welt? Heutiger gesprochen: Warum verkaufen sich nur noch Sänger so gut wie Geiger?

Frank Peter Zimmermann: Die Geige wird nicht zufällig Königin der Instrumente genannt. Wenn man uns mit den anderen Streichern vergleicht, sind wir Geiger repertoiremässig sehr reich beschenkt – darunter sind auch wahre Schlachtrösser von Werken. Die Geige kann sich nun mal alleine von der Tonhöhe her besser über einem Orchester absetzen als eine Bratsche.

Sie erklären den Geigenzauber rational?

Ja. Und wegen dieser Gründe gab es auch immer wieder grosse, faszinierende Geigerpersönlichkeiten: von der Primadonna bis zum stillen Kammermusiker: Jascha Heifetz, der Urvirtuose, oder Arthur Grumiaux, der als Kammermusiker kommend mit Bach und Mozart Karriere machte.

Die Steigerung des Virtuosen ist der Teufelsgeiger. Hebt nicht dieser Zauberer die Geige weit über die anderen Instrumente hinaus?

In Europa fällt mir das nicht so auf, aber in China und in den USA schon. Dort spüre ich auf dem Podium einen Druck: Die wollen nur Artistik sehen. Bachs Sonaten würde ich niemals nach China bringen.

Es gibt nicht nur Teufelsgeiger, sondern auch weltberühmte Schnulzengeiger wie Helmut Zacharias, Andre Rieu oder David Garrett. Die Geige sowohl elitär als auch volksnah. Taugt sie gar zum Schindluder?

Sie taugt zu allem! Schauen Sie die unterschiedlichen Bauarten in Norwegen oder in Schottland an! Die Geige ist auch ein Instrument, das man sehr einfach mit sich tragen kann, es strahlt eine Intimität aus.

Sie sind erst 48, aber ein alter Hase in der Klassikszene: mehr als 30 Jahre auf der Bühne. Was hat sich dort zum Guten verändert?

Es wird nicht leichter. Ich muss mehr arbeiten, denn ich werde auch kritischer und setze die Messlatte höher. Aber ich erhalte dafür auch eine andere Art von Anerkennung. Leute, die mich kritisch beäugten, akzeptieren mich jetzt, freuen sich gar, wenn ich wiederkomme. Da kann man ganz anders arbeiten, auch mit den Orchestern. Ich sage den Musikern heute viele Dinge, um noch besser zu den Details zu gelangen. Das tat ich früher nicht. Da hätten die gesagt: Was will der eigentlich?

Sagen Sie denn heute auch öfters Nein? Einst liessen Sie verlauten, man müsse halt vieles mitmachen, um dabei zu bleiben.

Das wurde falsch verstanden. Ich habe mich nie zwingen lassen, etwas zu tun. So habe ich mir auch in jungen Jahren Manager ausgesucht, die vielleicht nicht so einflussreich wie gewisse Kaliber in Amerika oder England waren, aber die begriffen, was ich wollte. Ich wollte selbst mitentscheiden, auch wenn ich drei Umwege gehen musste. Ich wollte jene Werke dort spielen, wo ich mich hingezogen fühlte. Niemand musste mir etwas sagen. Diese Selbstbestimmung ist neben der Stille der grösste Luxus in meinem Leben.

Sie fingen an, mit fünf Jahren Geige zu spielen – und zwar zu Hause. Ein guter Entscheid Ihrer Eltern?

Es war ein grosses Glück, das Geigenspiel mit meinen Eltern, die keine Solisten, aber gute Musiker waren, zu lernen. Zusammen mit den Orchesterkollegen meines Vaters spielten wir viel Kammermusik. Ich wurde damit gross. Hinter dem Spiel war immer eine grosse Freude – das war fast ein Lebensausgleich. Alles verlief spielerisch.

Ist die Art der Ausbildung in den ersten Jahren eigentlich entscheidend für die Karriere?

Sehr! Ich sehe es in Asien. Wenn dort Kinder geradezu gedrillt werden, woran haben die dann mit 25 noch Freude? Mit 20 Jahren können sie schon alles spielen, haben alle Wettbewerbe gewonnen – denn man kann mit Üben viel erreichen. Aber der Background? Mit fünf Jahren spielt man voller Freude ein Trio von Ignaz Josef Pleyel und paukt nicht Etüden. Das kam bei mir ab 10 Jahren, sonst hätte ich nicht mit 19 Jahren die Capricen von Paganini gespielt.

Ich habe mal über Sie geschrieben: «Er ist so gut, weil er einfach nur das macht, was er am besten von allen kann: Geige spielen.» Offenbart der Satz auch Ihre Schwäche?

Ja, in gewisser Weise schon. Ich verkaufe mich wohl zu schlecht. Dieses ganze Drumherum mache ich halt nicht mit, ich gehe auch nicht an die Sponsorenevents bei Festivals. Aber schauen Sie: Meine grossen Vorbilder am Klavier, Arturo Benedetti Michelangeli und Sviatoslav Richter – Wenn ich mich mit denen vergleiche, dann bin ich ja ziemlich normal (lacht). Ich erinnere mich an Michelangelis letztes Konzert in München: Kaum war der letzte Ton verhallt, setzte ein Toben ein – das dauerte 15 Minuten an. Aber da war er schon lange weg. Er kam nicht einmal mehr auf die Bühne, um sich zu verbeugen.

Da sind Sie ja schon ein halber David Garrett dagegen. Aber es gibt nicht einmal eine Homepage von Ihnen!

Nein, warum sollte es eine geben? Viele Leute drängten mich, auch die Bank, die mir meine Geige ausgeliehen hat, wollte das. Sie wollten es sogar bezahlen. Aber ich wollte nicht.

Frank Peter Zimmermann ist einer der besten und konsequentesten Geiger der Welt. Er wurde 1965 in Duisburg geboren. Mit elf Jahren gewann er den Wettbewerb «Jugend musiziert». Seit dem Ende seiner Studien 1985 spielt er weltweit. Früh nahm er für EMI die Standardwerke auf, später bei Sony, heute bei BIS. 2007 gründete er das Trio Zimmermann zusammen mit Antoine Tamestit (Viola) und Christian Poltéra (Cello). Zimmermann spielt derzeit die einst Fritz Kreisler gehörende Stradivari «Lady Inchiquin» von 1711. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Köln. Sein 1991 geborener Sohn Serge Zimmermann ist auch Geiger.

Tonhalle-Residenz: Mi, 16. 10.; Do, 17. 10.; Fr, 18. 10., 19.30 Uhr, Tonhalle-Orchester, Zinman (u. a. Brahms’ Violinkonzert)

Mo, 7. 4. 2014, 19.30 Uhr, Kammermusik-Soiree, Trio Zimmermann: Beethoven, Webern, Mozart.

Do, 8. 5.2014; Fr, 9. 5., 19.30 Uhr, Tonhalle-Orchester, von Dohnányi, (u. a. Bartóks Violinkonzert Nr. 1)

CD: Hindemith: Violinkonzert und Violinsonaten, Bis 2013.

Bach: Sonaten für Violine und Klavier BWV 1014–1019, Sony 2007.

Szymanowski: Violinkonzert 1+2 und Britten: Violinkonzert, Sony 2009.

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