Die Schlagzeilen waren süffig formulier: «Kauft Putin eine Villa am Vierwaldstättersee?» hiess es. Oder hat er sie gar schon gekauft? Auslöser der Wirbels ist der Pianist Dennis Matsuev. Der Virtuose richtete vor kurzem einen flammenden Appell an die russische Regierung, eine Villa in Hertenstein bei Weggis, wo Komponist und Pianist Sergej Rachmaninow (1873–1943) einst gelebt hatte, zu kaufen, um sie «der Immobilienspekulation zu entziehen und die Fortschreibung einer musikalischen Nutzung zu gewährleisten.»

Matsuev hat zur Villa eine spezielle Beziehung, spielte der heute 38-jährige Pianist dort auf Rachmaninows Flügel im Jahr 2007 die Sony-CD «Unknown Rachmaninow» ein.

Vorausschauender Hausherr

Rachmaninows Enkel Alexander Rachmaninow höchstpersönlich hatte damals bestimmt, dass Matsuev in der Villa Senar unbekannte Stücke seines Grossvaters auf dessen Steinway aufnehmen sollte. 2008 machte der Rachmaninow-Enkel den jungen Matsuev alsbald auch zum Künstlerischen Leiter der Rachmaninow-Stiftung, die das Anwesen des Komponisten verwaltet und sich weltweit mit der Organisation von Rachmaninow-Konzerten für Rachmaninows künstlerisches Vermächtnis einsetzt.

Doch als der russische Pianist Andrej Gawrilow letzte Woche in einem offenen Brief verkündete, ein Wunder sei geschehen, Vladimir Putin habe die Villa gekauft, stellte Matsuev in einem Antwortbrief, der der «Nordwestschweiz» vorliegt, klar, dass dies noch nicht geschehen sei: «Es ist bekannt, dass ich die Nutzungsfrage der Villa Senar in einer Sitzung des Kulturbeirates in Gegenwart von Präsident Putin am 2. Oktober 2013 im Kreml zur Sprache brachte. Der Präsident hörte mir sehr aufmerksam zu. Er übergab dem russischen Kultusminister, Vladimir Medinsky, den Vorgang mit der Bitte, mögliche rechtliche Varianten des Ankaufs zu prüfen und eine gütliche Lösung herbeizuführen. Es ist selbstverständlich, dass die notarielle Abwicklung einige Zeit in Anspruch nehmen wird, besonders, wenn es um Fragen des kulturellen Erbes Russlands im Ausland geht. Ich bin fest davon überzeugt, dass der öffentliche Ankauf der Villa durch den russischen Staat der beste Weg für die Zukunft des Rachmaninow-Anwesens ist, und werde mich persönlich für diesen Weg weiter einsetzen.»

Gemäss den russischen Medienberichten hat Präsident Putin – offenbar nach dem Gespräch mit Matsuev – das Kulturministerium angewiesen, sich um den Kauf der Villa zu kümmern. Wie weit man ist, bleibt etwas rätselhaft, denn schon letzte Woche behauptete France Musique, Putin habe die Villa bereits gekauft. Ihr Preis: 18,5 Millionen Franken. Der «Neuen Luzerner Zeitung» bestätigte hingegen die russische Botschaft in Bern bloss, dass der Kauf der Villa durch Russland und deren künftige Nutzung als Museum Gegenstand von Verhandlungen sei.

Die Museums-Idee ist nicht neu. Als Alexander Rachmaninow am 1. November 2012 starb, vermachte er die Villa samt Inventar – auch Noten Tagebücher und andere Dokumente – seiner Stiftung. Diese wird heute von Alexander Rachmaninows Frau Natalja geführt. Fraglich ist, ob die Witwe die Umnutzung der Villa als Museum plante oder ob sie einen Verkauf in Erwägung zog.

Russische Funktionäre in Meggen?

Antoine F. Goetschel, Zürcher Anwalt und Willensvollstrecker von Alexander Rachmaninow, kann sich vorstellen, dass als mögliche Variante dereinst russische Funktionäre, zum Beispiel aus dem Kulturministerium, mit Fachleuten aus der Region eine Trägerstiftung bilden, welche für den Betrieb der Villa verantwortlich zeichnet. «Alexander Rachmaninow selbst hat den Wunsch geäussert, die Villa zumindest teilweise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen», sagt Goetschel der «NLZ». Goetschel ist übrigens ein Urgrossneffe von Sergej Rachmaninow.

Besuch in der Traumvilla

Es scheint, dass es genügend wichtige Russen gibt, damit die Villa von Russland gekauft wird. Ob sie der Öffentlichkeit dann zugänglich wird, weiss keiner. Zu wünschen wäre es. Denn wer die Villa Senar in Hertenstein bezaubernd nennt, untertreibt. Sergej Rachmaninow (1873–1943) hatte sich in den späten 1920er-Jahren rund 20 000 Quadratmeter traumhaftes Land ausgesucht und 1929 gekauft. Das topmoderne Haus mit Seeanstoss, das ihm die Schweizer Architekten Alfred Möri und Karl-Friedrich Krebs darauf bauten, verdient die Bezeichnung Traumvilla. 1934 zogen Rachmaninow und seine Frau dort ein – fünf Jahre später reiste er in die USA aus.

Dass Senar viele Jahre nach dem Krieg geradezu mystisch erschien, dafür trug Rachmaninows Enkel Alexander bei: Der Gründer und Präsident der Rachmaninow-Stiftung residierte in der Villa und wollte, dass die ganze Welt das Haus kennt, aber er öffnete es keinen Spalt.

1998 wars, als wir das Heiligtum dennoch betreten durften – nicht ohne vorher vorgewarnt zu werden, dass der Hausherr etwas eigenartig sei. Auch das eine Untertreibung.

Die Möglichkeit zum Besuch hatte sich ergeben, da der russische Pianist Mikhail Pletnev für die Deutsche Grammophon in der Villa die CD «Hommage à Rachmaninov» eingespielt hatte, natürlich auf dem in den 90er-Jahren restaurierten Flügel aus dem Jahre 1933: dem Instrument Rachmaninows. «Darauf zu spielen, ist genau so, wie mit der Feder Shakespeares zu schreiben», sagte er uns damals. Zehn Jahre später sollte Pianist Dennis Matsuev von diesem Flügel verzaubert werden. Nachhaltig.