Analyse

Warum der Schweizer Pop in einem erbärmlichen Zustand ist

Polo Hofer auf seiner "Aendspurt"-Tour im vergangenen Jahr in Solothurn.

Polo Hofer auf seiner "Aendspurt"-Tour im vergangenen Jahr in Solothurn.

Die Mundart-Musikszene hat sich geändert. Die Texte nähern sich einer gefährlichen Schlagerseligkeit an. Jetzt tritt Polo Hofer ab und hinterlässt eine grosse Lücke. Eine Analyse zum halben Rücktritt des Prototyps aller Mundart-Popsänger.

Nein, Polo Hofer hat den Mundart-Song nicht erfunden. Da waren vor ihm die Geschwister Schmid mit Liedern wie «Stägeli uf, Stägeli ab» (1943), die Boss Buebe mit «Träumli» (1958). Später die Minstrels mit «Grüezi Wohl, Frau Stirnima» (1969) und das Trio Eugster ab 1970. Da waren ab Mitte der 60er-Jahre auch die Berner Troubadouren um Mani Matter.

Und nicht zu vergessen der Liedermacher Toni Vescoli, der mit «Dä Wilhelm Täll» schon 1971 einen Mundart-Popsong kreierte. Aber Polo Hofer und seine Rumpelstilz waren die ersten, die Mundart in einen rockigen Sound verpackten.

Mundart verlieh den Amerika-orientierten Musiker Eigenständigkeit. «Warehuus-Blues» war 1973 der erste Mundart-Rocksong. Seine historische Bedeutung aber grösser ist grösser als der damalige Erfolg. Der «Urknall des Mundart-Rock» erfolgte erst 1975 mit ihrem Debütalbum «Vogelfuetter».

Der Unterschied zu den früheren Mundart-Songs war nicht nur musikalischer Natur. Rumpelstilz brachte den Rock’n’Roll-Geist von Woodstock in die Songs. Polo wollte etwas vermitteln, er hatte eine Botschaft.

Das war die Initialzündung zum «Warehuus-Blues», in der Polo die Konsumgesellschaft kritisierte. Und Polo war schon damals politisch: Die sogenannte Schwarzenbach-Initiative gegen die Überfremdung war Inspiration für den Song «El Trabajador» in «Vogelfuetter».

Das war neu. Bisher waren populäre Mundartlieder lustige Lumpeliedli oder brave Bluemetrögli-Schlager, die den Landi-Geist atmeten. Eine andere Welt. Aber auch mit den Berner Troubadours hatte Polo nichts am Hut.

Sie bezogen sich auf den französischen Chanson und verkörperten das Bildungsbürgertum. Es war der Sound der Lehrer. Im Gegensatz dazu vermittelte Polo Hofer ein Lebensgefühl mit identitätsstiftender Wirkung für eine ganze Generation. Er lieferte den Pop-Kontext. Mundart-Pop war geboren.

Die meisten flüchten sich ins Englisch. Und die anderen? Kinderlyrik

Und heute? Kuno, Büne und Endo sind immer noch da und immer noch die Besten. Fast unangefochten. Denn gemessen am gesellschaftskritischen Gehalt ist der Schweizer Pop in einem erbärmlichen Zustand. Die meisten flüchten sich ins unverbindliche Englisch. Und die anderen? «Kinderlyrik», nennt das Polo Hofer.

Wir stellen immerhin fest, dass sich die Texte einer gefährlichen Schlagerseligkeit annähern. Austauschbar und beliebig. Oder dass sie im Swissness-Rausch eine Art Landigeist wiederbeleben.

Traurig. Der Pionier, der Prototyp aller Mundart-Popsänger tritt ab und hinterlässt eine grosse Lücke. Keiner der vielen jungen Popsänger will in seine Fussstapfen treten und am Establishment rütteln.

Polo selbst begründet diese gesellschaftskritische Abstinenz mit Ignoranz und Desinteresse. Wir vermuten auch Angst, sich zu exponieren sowie kommerzielle Überlegungen.

«Zu politischen und gesellschaftspolitischen Fragen geben wir grundsätzlich keine Auskunft», lautet heute die Standardantwort. Damit geben die Drückeberger nicht nur einen Joker aus der Hand, sie verkennen auch, dass Pop und Rock schon immer mehr war als Musik. Pop definiert sich durch den Kontext. Wer sich dem verweigert wird irrelevant. Schlager eben!

Und es gibt doch Ausnahmen und Lichtblicke. Im Schweizer Hip-Hop finden wir heute jenes Rebellische, Aufrührerische, das wir bei vielen Schweizer Musikern vermissen. Greis, Chlyklass, Manillio, Glanton Gang, Eldorado FM, aber auch Zen und Mimiks.

Vielleicht sind die Schweizer Rapper Polos wahren Enkel. Ihre Reime sind oft schonungslos direkt, wie selbstverständlich politisch, gesellschaftskritisch, erfrischend unverfroren und identitätsstiftend. Sie atmen den Geist der Zeit, den Geist einer aufmüpfigen Generation, die sich nicht alles gefallen lässt.

Das Problem: Ihnen fehlt der Pop-Appeal. Den Nischengeruch konnten bisher selbst die erfolgreichsten wie Greis nie ganz abstreifen. Wo beginnt der Ausverkauf, wo die Anbiederung, die Selbstverleugnung? Es ist eine Gratwanderung. Das weiss niemand so gut wie Polo Hofer. Und nur Lo&Leduc haben sie bisher geschafft. «Zucker fürs Volk» war das erfolgreichste Schweizer Album 2015. Das Berner Duo ist bei einem breiten Publikum populär und trotzdem in der Szene akzeptiert. Sie sind zwar nicht politisch. Mit ihrem Sprachwitz haben sie wie Patent Ochsner, Züri West und Stiller Has aber eine eigene Sprache gefunden. Immerhin.

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