Nachruf
War der Genialste auch der Beste?

Mit Lorin Maazel verliert die Musikwelt einen der besten, aber auch umstrittensten Dirigenten.

Christian Berzins
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Bestimmte jeden Takt: Lorin Maazel (1930–2014).Kai Foersterling/EPA/Keystone

Bestimmte jeden Takt: Lorin Maazel (1930–2014).Kai Foersterling/EPA/Keystone

Musikliebhaber konnten Lorin Maazel genauso bewundern wie seinen im Januar verstorbenen Antipoden Claudio Abbado. Für Orchestermusiker war das offenbar schwieriger. Reinhold Friedrich, Abbados famoser Trompeter im Lucerne Festival Orchestra, sagte einst, Maazel inspiriere ihn so wenig wie ein Buchhalter. Nach einer Probe würden keine Fragen offenbleiben, wo ein Orchester nicht mittue, werde es von Maazel abgewatscht. Takt für Takt.

Uns egal. Wenn Lorin Maazel in den Konzertsaal trat, war klar: Jetzt gilts ernst – und jetzt kommts gut. Noch letzten September zeigte er am Lucerne Festival mit Anton Bruckners 8. Sinfonie seine Kunst, 2012 mit Mahlers Neunter. Damals schritt der 82-Jährige energisch aufs Podium, vor dem Münchner Orchester gab er sich gelassen überlegen, ganz nach seinem Motto: Wer schwitzt, inszeniert sich selbst.

Maazel blieb auf dem Podium immer ruhig, ja fast gelangweilt. Und doch war es wunderbar, ihm zuzusehen, und zu erkennen, wie hinreissend er seine Kunst beherrschte.

«Jetzt könnt Ihr applaudieren!»

Kaum einer konnte so präzis führen und die Sinfonien dennoch zu unendlichem Gesang führen. Sentimentalitäten waren aber nicht sein Ding: Die «ewige» Stille nach der 9. Sinfonie Mahlers, wie sie bei Abbado zelebriert wurde, wollte Maazel nicht haben. Fünf Sekunden nach Verhallen des letzten Tones stieg er damals vom Podium und gab gelöst zu verstehen: «Jetzt könnt Ihr applaudieren!» Verächtlich hatte er 30 Minuten vorher ins Parkett geschaut, als es in der Pause zwischen dem 2. und 3. Satz nicht schnell genug still war im Saal.

Mit seiner Arroganz und Selbstsicherheit eckte Maazel an. Er konnte es sich leisten: Er war schlicht zu gut. Er kannte nichts anderes, war immer das Genie gewesen: 1930 bei Paris geboren und in Los Angeles aufgewachsen, zeigte er sich schon früh als Wunderkind: dirigierend und geigend. In seiner 75-jährigen Karriere dirigierte er mehr als 150 Ensembles in 5000 Opern und Konzerte, 300 Aufnahmen kamen hinzu.

Wie faszinierend dieser Mensch ausserhalb des Konzertsaales war, erlebte ich vor 13 Jahren, als ich ihn in München interviewen durfte. Aber, ganz ehrlich gesagt: Ich hatte Angst vor ihm. Umso erstaunter war ich, als er von der Probe aus ins Hotel anrufen liess, um mitzuteilen, dass er 15 Minuten später dort sein werde. Als er mir alsbald im Lift gegenüberstand, musste ich dummerweise an Anthony Hopkins in der Rolle als Hannibal Lecter denken.

Für Nackte in den Nachtklub

Maazel war müde, dennoch sagte er Grossartigkeiten wie: «Ich habe keine Lust mehr, zwei Monate einer Neuinszenierung zu widmen und die Schreie eines verrückten Regisseurs Tag und Nacht zu hören.» Mit modernen Regisseuren konnte er, wie fast alle grossen Dirigenten, nichts anfangen. Wolle er nackte Frauen sehen, gehe er in einen Nachtklub, aber nicht in ein Opernhaus.

Man durfte ihm übrigens widersprechen – ja, er hatte sogar Freude daran, reizte es heraus. Aber man konnte seine Meinung auch einfach stehen lassen, denn die war gut. So war es auch mit seinen Dirigaten.

Wenn ihm Orchester wie die Münchner oder Wiener Philharmoniker wirklich dienten, wurde es grossartig. Zugeständnisse an Zeiterscheinungen brauchte Maazel keine. Die historisch informierte Aufführungspraxis interessierte ihn gar nicht: «Wenn man Leben in unserer Musik findet, dann ist das Einzige und wirklich Entscheidende erreicht. Jeder Versuch nachzumachen, was in der Vergangenheit gemacht wurde, ist von vornherein völlig hoffnungslos. Dem Musikliebhaber ist es völlig egal, ob da mit drei oder zwei Kontrabässen gespielt wird. Man muss die Musik mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf angehen: nur so kann man sie wieder zum Leben bringen.» Er bestand auf eine Philosophie der Gefühle und sagte. «Wenn man von Inspiration redet, gucken dich die Leute an, als ob man von irgendeinem Planeten kommt, der nicht mehr existiert.» Seine Meinung bezeichnete er offenherzig als altmodisch, fügte dann aber mit süffisanter Gelassenheit an: «Solange ich noch Kraft habe, werde ich in diesem Sinne musizieren.»

2013 hatte er noch Kraft für 100 Konzerte, im Frühjahr nahm sie ab, am Sonntag ist Maazel 84-jährig in Castleton im US-Staat Virginia gestorben.

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