Rock-’n’-Roll

Walty Anselmo ist ein Rockstar aus einer anderen Zeit – Jimi Hendrix nannte ihn «Bruder»

Walty Anselmo, durfte 1968 beim Monsterkonzert mit Jimi Hendrix auftreten, Zürich, 12. Juni 2018. Alex Spichale

Walty Anselmo, durfte 1968 beim Monsterkonzert mit Jimi Hendrix auftreten, Zürich, 12. Juni 2018. Alex Spichale

Walty Anselmo (72) spielte als einer der Ersten in der Schweiz eine Rock-’n’-Roll-Gitarre.

Manchmal spürte er eine fremde Hand in seinen langen Haaren, als wollte sie ihn in die Hölle zerren. Manchmal spuckten sie ihn auch an, wenn er durch die Stadt ging. Und einmal wurde er von einem Dutzend Schwingern verprügelt. Weil er lange Haare hatte und «Negermusik» machte. Es gab Beizen in der Stadt, die «dieses Pack» mit einem Schild warnte: «Wir bedienen keine langhaarigen Sauhunde.» Und ständig die Sittenwächter auf den Fersen. Knutscht er in einem Hauseingang? Was raucht er? Liegt er mit einer Frau im Bett? Die braven Bürger ekeln sich vor ihren eigenen Kindern. Und einige Kinder fassen den Mut, sich gegen Staatsautorität und Patriarchat aufzulehnen. Passiert vor 50 Jahren, im Sommer 1968, in Zürich.

Dabei ist Walty Anselmo ungefährlich wie ein Pudel. Er träumt von einer besseren, friedlicheren, toleranteren Welt. Und manchmal tut er dies auf einer Bühne vor Gleichgesinnten öffentlich kund. Aber weh tut er damit niemandem. Und ein Giftmischer oder Revoluzzer ist er erst recht nicht. Weder wirft er Drogen ein, noch vertickt er sie. Und politisch beschränkt er sich auf die Rolle des Sympathisanten. Steine werfen die anderen. Anselmo selbst will nur spielen – Gitarre. «Ich hatte die Illusion, dass Musik stark genug ist, um eine Veränderung bei den Menschen herbeizuführen.»

In Rüschlikon wächst Anselmo auf. Und weil der Name italienisch klingt, bemüht sich der Vater vielleicht noch stärker, dass die Familie anständig und angepasst ist. Als Anselmo beim Nachbarn erstmals Jazz hört, pfeift er auf die Etikette. Er ist besessen davon, selber auf der Gitarre zu spielen. Aber nicht olle Kamellen. Nein, das neue Zeug, die fremden Klänge, nach denen er auf seinem Radio jeweils sucht. Elvis findet er, klingt cool. Mit 14 kauft er sich mit dem zusammengesparten Geld eine Gitarre. Das kommt in einem Haus, in dem das höchste der Gefühle Marschmusik ist, nicht gut an. Die Mutter hatte zwar Verständnis, geht mit ihm sogar einmal in einen Beatles-Film. Aber dem Vater ist all das äusserst suspekt. Und er ärgert sich, dass ausgerechnet sein Sohn ein Aussenseiter werden musste. Irgendwann glaubt er, dass der Walty noch oben im Burghölzli, in der Klapsmühle, lande. Jahre später, als Anselmo beim legendären Monsterkonzert im Mai 1968 als einziger Schweizer das Hallenstadion rocken darf, hat der Vater immerhin den Gedanken an die Irrenanstalt verworfen. Vielleicht ist er sogar ein bisschen stolz, auch wenn er nicht versteht, was die jungen Leute da machen.

Natürlich muss er möglichst schnell raus aus diesem Kaff. Die Reise ist aber kurz, endet in Zürich. Damals ein konservatives Nest. Aber im Unterschied zu Rüschlikon ist Anselmo hier nicht der einzige Aussenseiter. Die Langhaarigen treffen sich im «Schwarzen Ring», ein verrufener Spunten an der Kruggasse im Niederdorf, weil die Zeitungen immer wieder von knutschenden Pärchen berichten. Einige von ihnen sind später zu Ruhm und Geld gekommen. Wie Dieter Meier, Alien-Erfinder HR Giger oder Verleger Jürg Marquard. Der «Schwarze Ring» ist der Gebärsaal der 68er-Bewegung in Zürich. Hier werden die Pläne geschmiedet für das erste Hippie-Happening der Schweiz. «Wir fuhren mit etwas über 20 geschmückten Autos vom Zürcher Zoo nach Hütten oberhalb von Samstagern», erzählt Anselmo. «Am dritten oder vierten Morgen haben uns 25 Detektive der Sittenpolizei aus dem Schlaf gerissen. Sie stürmten herein, untersuchten die Betten auf der Suche nach Spuren, die auf Sex hindeuten.»

Die schicksalhafteste Begegnung im «Schwarzen Ring» macht Anselmo mit Hans-Ruedi Jaggi. Der Mann ist nur 1,60 m gross, aber gerissen und schlau wie kaum ein anderer in der Stadt. Ein geselliges Schlitzohr, mit Kontakten in alle Milieus der Stadt. Jaggi serviert als Erster, was die «langhaarigen Wilden» wollen: laute Rockmusik. Er ist es, der 1967 die Rolling Stones fürs Hallenstadion bucht. Und im Jahr darauf das Monsterkonzert organisiert, welches später als Initialzündung für die Globuskrawalle herhalten muss. «Jaggi hat meine Musik mit grossem Interesse verfolgt. Und er hat mir auch hin und wieder ausgeholfen, wenn ich knapp bei Kasse war. Oder er hat mir gesagt, wo ich gratis Znacht essen könne. Jedenfalls waren wir wie Freunde. Als er das Monsterkonzert plante, kam er zu mir und sagte, er hätte genug von den Schweizer Gruppen. Er wolle nur mich und meine Band: Anselmo Trend.» Warum? «Vielleicht, weil ich anders war. Ich habe immer gegen den sogenannten Zeitgeist gearbeitet.» Das passt. Denn Jaggis Plan ist kompromisslos: Monsterkonzert – zwei Abende für die Schweizer Rockgeschichte.

Im Schlaf Englisch gelernt

Anselmo erhielt neben dem Auftritt als Einheizer noch einen weiteren Auftrag von Jaggi. Er solle mit Jaggis Frau im Bentley zum Flughafen hinausfahren, um Hendrix abzuholen. Er habe keinen sonst, der gut genug Englisch könne. Er selbst sei verhindert, weil er mit dem Charter doch Eric Burdon und all die anderen Engländer abholen müsse. Mit einer abgeschlossenen Lehre als Tiefdruckretuscheur zählt Anselmo nicht zu den Intellektuellen unter den Blumenkindern. Wie also hat er Englisch gelernt? «Im Schlaf», erzählt er. «Ich habe als Teenager zum Einschlafen englisches Radio gehört und wurde damit die ganze Nacht berieselt.»

Da steht er also zusammen mit Jaggis Frau am Flughafen. Hinter der Scheibe schreiten die ersten Passagiere aus New York zum Gepäckband. Das ach so steife Bürgertum im Gänsemarsch, denkt Anselmo. Und dann, mit einiger Verspätung, weil er bis auf die Unterhose gefilzt wird, erscheint: Jimi Hendrix, Gitarrengott. Wie ein bunter Ausserirdischer unter lauter grauen Zombies. «Wir hatten kein Namensschild dabei, und Jimi kannte mich nicht. Er kam durch die Tür, schaute sich um, ging schnurstracks auf mich zu und sagte: ‹Hallo, Bruder›. Bis heute der eindrücklichste Moment meines Lebens.»

Hendrix ist müde – Jetlag. Und er erzählt etwas von einem 25-Stunden-Prozess, den er eben hinter sich hat. Aber seine Sorge ist eine andere: der Verstärker. Er habe gelesen, dass wir in der Schweiz 220 Volt haben. Sein Verstärker laufe aber auf 110 Volt. «Ich sagte ihm, dass wir das hinkriegen. Und er war beruhigt.»

Gefilzt am Flughafen, am ersten Abend bleibt die Halle halb leer und als nachts die anderen Musiker in einer Bar mit Hendrix einen heben wollen, warten sie vergebens. Der Gitarrengott wird vom Türsteher zum Teufel geschickt, weil er schwarz ist. «Traurig», resümiert Anselmo. «Die Schweiz war noch nicht bereit für diesen Ausnahmekönner. Die Rockmusik war in diesem Land noch ein zartes Pflänzchen.» Zwei Jahre später stirbt Hendrix mit 27 an einer Überdosis Schlaftabletten.

Obwohl Hendrix von Journalisten, Managern und anderen Geschäftemachern in Beschlag genommen wird, bietet sich Anselmo die Möglichkeit eines ungestörten Gesprächs in der Garderobe des Hallenstadions. «Er erzählte mir von seinem Studio in New York und fand die Bühne und das Publikum in Zürich ziemlich okay. Aber das unverhältnismässig grosse Polizeiaufgebot machte ihn fertig. Ich konnte es ihm nicht erklären, weil ich selber schockiert war. Die Polizisten warteten unter der Bühne hinter einem Bretterbeschlag nur darauf, dass ein Stuhl flog, damit sie auf die Leute einprügeln konnten. Als ich aus Hendrix’ Garderobe kam, verfolgten mich die Polizisten. Sie dachten wohl, ich sei Engländer, beleidigten mich als schwule Sau und versuchten, an meinen Haaren zu zerren. Danach getraute ich mich nicht mehr in den Garderobengang.»

Würde Hendrix noch heute Musik machen? «Garantiert. Musik war sein Lebenselixier. Er konnte seine Energie direkt auf die Gitarre transferieren. Er hat die Gitarre behandelt, wie sie vorher und nachher nie behandelt worden ist. Er hat Dinge herausgeholt, die nicht mit Technik allein erklärbar sind. Deshalb ist er der grösste Gitarrist, den diese Welt je gesehen hat.»

Während sich der drogensüchtige Hendrix sukzessive zugrunde richtete, startet Anselmo durch. Auch er kommt nicht rauschfrei durchs Leben. Im Gegenteil. Er leidet an Morbus Bechterew. Eine besonders fiese Form von Rheuma. Für Anselmo wird jedes Aufwachen zur Qual. Der Körper schmerzt, er kann sich kaum bewegen. Die Medikamente zeitigen bei ihm grauenhafte Nebenwirkungen. Irgendwann merkt er, dass zwei «Kafi Doppelluz» und eine halbe Flasche Rotwein Linderung bringen. Für viele Jahre bleibt das sein Frühstück. Und irgendwann kommt auch später am Tag noch jede Menge Alkohol dazu.

1969 gründet er «Krokodil»

Immerhin: Musikalisch läuft es. Zusammen mit Hardy Hepp und Düde Dürst gründet er 1969 «Krokodil». In Deutschland kommen sie gross raus. Gelten als die «frechen Schweizer, die ihr Ding durchziehen». Aber kommerziell sind «Krokodil» ein Desaster. «Im ersten Jahr haben wir etwas verdient. Danach nicht mehr, obwohl die Konzerte gut besucht waren und die Platten verkauft wurden.» Nach fünf Jahren macht Anselmo einen Schlussstrich. Er ist ausgebrannt, hat keine Ideen mehr. Und wenn er durch Zürich geht, begegnet er immer häufiger Menschen, denen er noch etwas schuldet. Damit kann er nicht umgehen. Man könnte auch sagen: Der Rockstar in ihm stirbt 1974.

Wir sitzen im Nebenzimmer des Bonsai-und-Kakteen-Shops in Zürich, den seine Frau seit 1981 führt und in dem er für den grafischen Bereich zuständig ist. Dazwischen ist nicht mehr viel passiert, was die Öffentlichkeit interessiert hätte. Anselmo kehrt in seinen Beruf zurück, um die Schulden abzubezahlen. In den 80ern zieht er weg aus Zürich, in die Nähe von Aarau. Bei einem Spaziergang bleibt er vor dem Musikladen stehen und entdeckt darin Jelly Pastorini. «Ich dachte, das gibts nicht. Jelly war eine grosse Nummer, Kult-Organist bei den Sevens. Ich bin rein in den Laden und wenig später bei seiner Band eingestiegen. Das war ein Riesenplausch. Denn da war kein Zwang, sondern einzig die Freude an der Musik. Und hin und wieder haben wir auf Hochzeiten gespielt, was ganz okay war.»

Pastorini ist unterdessen tot und Anselmo seit einigen Jahren, als er nach einem Abstecher nach Südschweden wegen einer Krebserkrankung zurückkehrte, wieder zurück in Zürich. Musik macht er auch wieder, mit Terry Stevens, dem Bassisten von «Krokodil». «Walty Anselmos rusty reptiles» nennt sich die Band. «Ich komponiere auch wieder. Aber noch kämpfen wir um ein Repertoire für einen ganzen Gig.»

50 Jahre danach. Walty Anselmo, was ist das Vermächtnis der 68er? «Das war eine Weichenstellung für ein besseres Leben, für weniger Zwänge und mehr Freiheit. Die Toleranz ist gewachsen. Es ist einfacher geworden, sich selber zu verwirklichen. Ich erkenne keine negativen Begleiterscheinungen.»

Und was ist mit dem überbordenden Kapitalismus, dem Kult ums Ego, das Ich als AG? «Alle Bewegungen mit einem guten Kern werden irgendwann kapitalisiert. Es wird immer gefressen. Aber am Kern der Botschaft kann man nicht rütteln.»

Und wenn ich Ihnen zum Schluss vorwerfe, Sie haben Ihr Talent sorglos weggeschmissen? «Ach, Sie meinen wegen Karriere und so? Das macht mir nichts aus. Ich bedaure nichts. Doch, vielleicht die eine Sache. Ich habe zu wenig Gitarre geübt. Ich hätte täglich zehn Stunden üben müssen, wie es Hendrix gemacht hat.»

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