Die «Stubete am See», die an diesem Wochenende zum sechsten Mal in Zürich stattfindet, hat sich mit dem Festival Alpentöne zu einer wichtigen Plattform für die Neue Schweizer Volksmusik entwickelt. Die Stubete ermöglicht einen exzellenten Einblick. Was hat sie seit ihrem Aufkommen in den 90er-Jahren bewirkt?

Musiker der Neuen Volksmusik wie Markus Flückiger, Dani Häusler, Christine Lauterburg, Christian Zehnder, Dide Marfurt und Max Lässer haben in den 90er-Jahren die Szene kräftig aufgemischt und an den verkrusteten Konventionen gerüttelt. Traditionalisten fühlten sich herausgefordert und angegriffen, beobachteten die neue Szene argwöhnisch. Umgekehrt entdeckte ein neues Publikum die Volksmusik. Die einst verpönte, rückständige und langweilige Nationalmusik war plötzlich spannend. Es gab Neues, aber auch Unbekanntes und Archaisches zu entdecken.

Heute haben sich die Wogen geglättet. «Die Sturm-und-Drang-Phase ist vorbei. Da gibt es nichts mehr aufzubrechen und aufzurütteln», schreibt Dieter Ringli, Dozent für Musikethnologie an der Musikhochschule Luzern, in der aktuellen Ausgabe des Kulturmagazins «Du». Selbst die Traditionalisten haben gemerkt, dass die Schweizer Volksmusik von den Neuerungen profitiert und an Ansehen gewinnt. So sind Schwyzerörgeli und Hackbrett heute bei den Jungen so beliebt wie noch nie. Gemäss Ringli ist die Geige wieder vermehrt zu hören und auch die fast vergessene Halszither (ein in der Schweiz entwickeltes Saiteninstrument, das wie eine Mandoline klingt) ist wieder im Kommen.

Modernste Volksmusik: Das Ensemble Ambäck mit «Verändler»

Youtube/Ambäck

Es wird wieder gejammt

«Die experimentelle Phase ist vorbei», sagt Ringli weiter, die Neue Volksmusik hat ihren Zweck erfüllt: Die Schweizer Volksmusik lebt, ob neu oder alt. Die Neue eher auf der Bühne, die Alte eher als Musizierpraxis, als musikalische Mundart, in der sich alle spontan und problemlos verständigen können. An Stubeten wird wieder gejammt». Ländlerkapellen lassen sich nach dem Vorbild der Hujässler von anderer Volksmusik inspirieren.

Das Ensemble Ambäck hat eine neue Form von Tanzmusik entwickelt. Beny Betschart, Flavia Vasella und Natalie Huber geben Kurse für den Muotathaler Jutz und das Appenzeller Zäuerli. Und und und ...

Die Schweizer Volksmusik hat aber vor allem auch die grossen Konzertbühnen erobert. Soeben ist das Album «got hard» mit einer Komposition des irisch-schweizerischen Musikers John Wolf Brennan erschienen. Eine zehnteilige Suite für seine Jazzband Pago Libre und das Alpentöne Blasorchester, das im letzten Jahr am Alpentöne-Festival uraufgeführt wurde. Brennan und erstmals das Tonhalle-Orchester eröffnen auch die «Stubete am See» mit der Uraufführung von «Traumpfade», einer mehrteiligen Komposition für die Oberton-Stimme von Christian Zehnder, das Alphorn von Arkady Sihlkloper und die Pianistin Susanne Bolt. Das Tonhalle-Orchester interpretiert zudem «Die Sonnenseite des Klaviers», eine Suite für Klavier und Streichorchester des volksmusikalischen Querdenkers Noldi Alder. Wie immer an der «Stubete» kommt es auch zur Uraufführung eines Auftragswerks für das Ländlerorchester. Dieses Jahr hat der Geiger Andreas Gabriel die Noten geschrieben. «Verändler» heisst seine Sinfonie für Geige, Schwyzerörgeli, Kontrabass, Büchel, Violoncello, Trompete, Posaune, Euphonium, Alphorn, Saxofon, Gitarre und Halszither. Solche Kompositionsaufträge, in denen Elemente aus der Volksmusik verarbeitet werden, aber auch konzertante Musik für kleinere Formationen gehen ebenfalls auf das wiedererwachte Interesse an Schweizer Volksmusik zurück. Ringli begrüsst das: «Da entsteht vielspannende Musik, Volksmusik ist das aber nicht.»

Am Radio inexistent

Die Schweizer Volksmusik hat einen qualitativen und quantitativen Sprung gemacht. Für Dieter Ringli geht es jetzt darum, «mehr Menschen dafür zu begeistern und eine gewisse Breite zu erreichen». Festivals wie Alpentöne oder die Stubete am See leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Unverständlich ist für Ringli, dass sich SRF mit der Schweizer Volksmusik nach wie vor so schwertut. Der Sendung «Potzmusig» mit Nicolas Senn fehle das Format. Vor allem, wenn man die Sendung mit Beiträgen im Bayerischen Rundfunk oder beim ORF vergleiche. Noch schlimmer sei es bei den SRF-Radios. «Schweizer Volksmusik ist dort praktisch inexistent», sagt Ringli. «Man glaubt dort, mit der Musikwelle habe man einen Volksmusikkanal. Aber dieser Sender ist etwas ganz anderes: ein Schlagerkanal für ein 70-plus-Publikum.»