Musik

Vom Kirchen-Hall zum Kammgarn-Groove

Saxofonist Marc Stucki bläst im Münster zum sakralen Aufruhr. Francesca Pfeffer

Saxofonist Marc Stucki bläst im Münster zum sakralen Aufruhr. Francesca Pfeffer

Wer das Schweizer Jazzschaffen kennen lernen will, reist nach Schaffhausen. Das 30. Jazzfestival zeigte die Vielfalt dieses Genres.

Die Jubiläumsausgabe des Jazzfestivals Schaffhausen wurde mit einem Auftragswerk des Luzerner Komponisten Stephan Hodel eröffnet. Es war keine raffinierte Jazz-Ouvertüre, sondern ein meditatives Klangerlebnis, atmosphärisch unterstützt von Lichtdesign und Projektionen. Hodel sah sich mit dem sakralen Raum des Münsters konfrontiert, in dem ein Ton fast zehn Sekunden nachhallt. Kam dazu, dass mit der Brassband Bürgermusik Luzern, drei Jodelstimmen, zwei Alphörnern und einem Saxofonisten ein Spagat stilistischer Eigenheiten zu bewältigen war.

So entschied sich der Komponist für Schlichtheit und Zurückhaltung. Choralartige Passagen wurden aufgefächert und zu Exploits geführt. Tonal ähnlich gelagerte Sequenzen reihten sich aneinander. Dazwischen intonierten die Naturjuuz-Stimmen, rieselten die Sounds oder entstanden spannende Klanglichkeiten mit Marimbas. Einen starken Akzent setzte Saxofonist Marc Stucki, der in seinem 20-minütigen Intro-Rezital das Horn in allen Facetten zur sakralen Aufruhr blies.

Wer die formalen Kühnheiten und den Puls des Jazz vermisste, kam mit dem Sylvie Courvoisier Trio auf die Rechnung. Die in New York beheimatete welsche Pianistin hat ihr Erfahrungsrepertoire in Jazz, Klassik und zeitgenössischer Musik mehr denn je verinnerlicht. Das manifestierte sich in Kurz-Kompositionen und fliessenden Interaktionen mit Drew Gress (Bass) und Kenny Wollesen (Drums). Formale Schlüssigkeit, Präzision und kontrollierte Virtuosität liessen hören, wie reif dieses Trio geworden ist: Mit einer Pianistin, die Groove betontes Spiel, lyrisch-ruhige Passagen und rasante Tastenläufe mit Leichtigkeit und vehement unberechenbar verquicken konnte.

Der 35-minütige Solo-Auftritt des Gitarristen Roman Nowka spaltete die Meinungen. Kann der überhaupt spielen? Aber ja doch! Man lasse sich von diesen verquer und mit Space gespielten Miniaturen nicht täuschen. Nowka hat einen scherbelnden Rocksound mit Hendrix-Aroma in den Akkorden. Oder er stibitzt sich im Single-Note-Spiel durch verwinkelte Kurven, die wohl seiner Beschäftigung mit Monk entspringen. Dass er das Skurrile auch in seinen Ansagen zelebrierte, wäre nicht nötig gewesen. Lieber mehr von dieser skrupellos nackten Gitarre. Bühnenkomiker gibt es genug.

In stets neuen Inkarnationen entfaltet sich seit bald 50 Jahren der international bekannte Christy Doran, der jung und neugierig geblieben ist. Melodiöse Riffs und komplexe Formen kennzeichnen sein neustes Trio mit Franco Fontanarrosa und Lukas Mantel. Das kompositorische Material wird improvisatorisch ausgeweidet und in oft scharfen Schnitten auf den Punkt gebracht. Die Musik ist zu komplex für Rock, zu rockig für Jazz, zu unpoliert für Fusion. Aber auch zu wenig emotional für eine nachhaltige Wirkung. Puls und Drang geben den Ton an.

Sternstunde mit Samuel Blaser

Die Pianistin Manuela Keller hat Stücke des vergessenen Komponisten Boris Blacher (1909–1975) bearbeitet und mit ihrer Band idée manu jazzig formatiert. Das zugrunde liegende «System der variablen Metren» blieb zunächst ein abstraktes Staccato-Gerüst von parallel geführten Stimmen, die erst mit der Improvisation farbig und durchlässig wurden. Das Quartett musste auf den erkrankten Schlagzeuger Marco Käppeli verzichten, ohne den der rhythmisch ausgetüftelten Musik eine wichtige Dimension fehlte.

«Early in the Mornin’» ist Samuel Blasers «Blues-Projekt», was eine simplifizierende Bezeichnung ist für das fulminante Set dieses Quartetts. Die subtil puschende Rhythmik von Gerry Hemingway, der Puls von Bassist Masa Kamaguchi, die multiple Klavier-Fender-Rhodes-Virtuosität von Russ Lossing und die swingenden Multiphonics des Posaunisten Blaser verschmolzen in einem Flow. Das Feeling war Blues, die Ausführung Jazz-Interaktion von höchster Güte. Eine Sternstunde in Sachen Tradition und Transformation.

Im neuen Sextett von Lukas Mantel, den man als gefragten Schlagzeuger kennt, agierte eine aufgekratzte Fusion-Rhythm-Section mit einer funky Fender Rhodes und einem stoischen Schnellfinger-Gitarristen. Darüber legte das Bläserduo Matthias Spillmann (Trompete) und Rafael Schilt (Saxofon, Klarinette) melodische Linien mit oft feierlichen Stimmungen. Eine Musik mit kontrastreich wechselnden Arrangements, die das Pech hatte, auf das brillante Quartett von Samuel Blaser zu folgen: In Sachen Dringlichkeit hielt die Band nicht stand.

Gar gedämpft wirkte das Quartet Taiga des Pianisten Mac Méan. Der angekündigte «Science-Fiction»-Anteil reduzierte sich auf ein paar elektronische Deko-Elemente. Umso nachhaltiger ging der elegische Sound von Trompeter Matthieu Michel ins Herz. Auch in der Band Aksham mit der Sängerin Elina Duni brillierte mit dem Franzosen David Enhco ein Trompeter, der die Songs vom intimen Hauch bis zum Expressiven kongenial ausleuchtete. Mit Akhsam hat sich Elina Duni neu erfunden. Sie ist eine Sängerin geworden, die mehr Jazz zulässt, der Innigkeit und Poesie aber verbunden bleibt.

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