Leif Ove Andsnes
Vier Jahre lang nichts als Beethoven

Leif Ove Andsnes spielt vier Jahre lang Ludwig van Beethovens Klavierkonzerte – bald auch in Luzern. Das grossartige Resultat liegt auch auf CD vor.

Christian Berzins
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Kompromisslos: der Norweger Leif Ove Andsnes. Özgür Albayrak/andsnes.com

Kompromisslos: der Norweger Leif Ove Andsnes. Özgür Albayrak/andsnes.com

Im Jahr 2012 erklang der Startschuss, in zehn Tagen macht er halt am Pianofestival in Luzern, doch noch weit ins Jahr 2015 wird die Reise dauern: Im Gepäck hat der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes die fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven sowie dessen Chorfantasie. Als Mitreisender gesellte sich das Mahler Chamber Orchestra zu ihm – jene heimatlose Orchestergemeinschaft, die jeden Sommer den Stamm des Lucerne Festival Orchestra bildet.

Andsnes Projekt nennt sich schlicht und cool «The Beethoven Journey». Zu Hause kann jeder dreieinhalb Stunden der vierjährigen Reise mittun, liegen doch bereits die CD-Aufnahmen der Werke vor. Der Käufer der 3-CD-Box erhält damit die Essenz des Weges. Für 30 Franken gehts ins Innerste der Welt, hinein in Beethovens Kosmos.

Wer auf CD 1 mit dem ersten Klavierkonzert begonnen und darauf das dritte gleich mitverschlungen hat, will danach wissen, wie das himmlische Vierte auf CD 2 gelungen ist – und ganz ehrlich: Jeder Beethoven-Freund wird nach diesen Entdeckungen so richtig gespannt sein auf die Krönung, Beethovens fünftes Klavierkonzert auf CD 3.

Roher Orchester-Klang

Einfach nur spielen – das kann nicht jeder. Einfach nur spielen und dann doch immer wieder überraschen – nur ganz wenige. Und dass dieses Spiel dann auch noch so zwingend klingt, so «richtig», ist geradezu famos. Andsnes’ Unmittelbarkeit, gepaart mit dem bisweilen rohen Mahler-Chamber-Orchestra-Klang, fasziniert ungemein. Es wird in den langsamen Sätzen nicht romantisiert und doch gesungen, es wird in den Finalsätzen überschäumend fröhlich gespielt, aber da ist immer Zug, fern von Naivität.

Im 4. Klavierkonzert bemerkt man die Innigkeit, die zwischen Orchester und Pianist herrscht, wohl am besten: Und auch die Kraft und Grösse des Mahler Chamber Orchestra! Selten war der Dialog zu Beginn und dann im zweiten Satz so intim, so sehr auf Messers Schneide. Das Orchester scheint in seinem zweiten Einwurf bereits etwas von der Klaviertrauer zu übernehmen, auch wenn es alsbald wieder trotzig den süssen Klavierklängen widerspricht. Zum Schluss ist man selig vereint. Das gelingt wohl nur, wenn der Pianist auch das Orchester leitet. Andererseits gibt es durchaus Passagen, wo man denkt: Warum so grade? Warum nicht akzentuierter?

Der Wunsch nach Direktkontakt

Doch Andsnes war überzeugt von der Richtigkeit: «Wenn ich das Orchester vom Flügel aus leite, spiele ich ohne Deckel und sitze mit dem Rücken zum Publikum. Das macht es manchmal etwas schwierig, den Klang des Klaviers klar in den Saal zu projizieren. Dafür eröffnen sich grosse Möglichkeiten zu einem sehr direkten Kontakt mit dem Orchester. Ich habe Blickkontakt mit den Musikern, und wir hören uns auch sehr viel besser in dieser Aufstellung.» Andsnes betont, dass die Klavierstimme oft als eigenständige Einheit auftrete und manchmal sogar gegen das Orchester zu kämpfen scheine. «Und dann wieder gibt es viele Passagen reinster Kammermusik. Besonders in diesen Passagen ist es wunderbar, so nahe beieinanderzusitzen und solch direkten Kontakt zu haben.» Allerdings wusste Andsnes auch, was er an den MCO-Musikern hat: Musiker, die keinen Dirigenten brauchen, der ihnen aktiv den Schlag anzeigt. Sondern ein Orchester, das in jeder Gruppe so stark ist, dass das Ganze zu einem grossen Kammermusik-Ereignis werden kann.

Rund 60 Konzerte in zehn Ländern haben sich die beiden vorgenommen, insgesamt gibt Andsnes aber auf seiner vierjährigen Reise mit Ludwig van Beethoven fast 150 Konzerte in 22 Ländern und 55 Städten. Und 3 CDs.

CD The Beethoven Journey: Alle Klavierkonzerte, Sony 2014, 3 CDs.

Konzert Lucerne Festival 24.11. und 26. 11., jeweils 19.30 Uhr, KKL Luzern. Karten und Infos: www.lucernefestival.ch