Simone Kermes, Ihr Programm Rival Queens hat es in sich: Zwei Sängerinnen, zwei Soprane, zwei Barockstars, die sich eine Bühne teilen. Kann das gut gehen?

Simone Kermes: Mit Vivica ist es ganz einfach. Wir sind dufte Kumpels und sehen uns nicht als Rivalen.

Werfen Sie keine verstohlenen Seitenblicke, was die andere besser kann?

Kermes: Wenn wir Rivalinnen wären, könnten wir das auf der Bühne nicht spielen. Dann würden wir nicht gut zusammen singen, vor allem in den Duetten nicht. Zuerst hatten wir in diesem Programm viele Arien hintereinander, so ein richtiges Wettbewerbs-Gesinge halt. Das machte uns weniger Spass. Aber Duette machen Spass.

Vivica Genaux, was macht Ihnen Spass?

Vivica Genaux: Simone Kermes ist so offensiv, dass sie diese Eigenschaft auch aus mir herausholt. Ich lerne viel von ihr. Obwohl ich nie so spontan sein werde wie sie. Aber es ist toll, daran teilzuhaben.

Das Konzertplakat zeigt Sie mit Boxhandschuhen und Blessuren. Wie ist Ihre Beziehung real?

Genaux: Sie können ruhig erzählen, dass wir uns hassen. (Lacht laut.)

Sie spielen gern die Zicke?

Genaux: Es ist lustig. Gerade weil ich mich ernsthaft hineinsteigere in dieses Rivalisieren und das Gehässig-Sein, während Simone vor Lachen platzt. Ich sage dann: Du kannst doch nicht so fröhlich sein, wir sind doch Rivalinnen.

Das Programm portraitiert zwei Operndiven aus dem 18. Jahrhundert: Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni, die einander hassten und sogar auf offener Bühne verprügelten.

Kermes: Das Erstaunliche war: Als ich vor Jahren in New York die Händel-Oper «Siroe» sang, hiess es: Sie sind eine Reinkarnation der Cuzzoni. Ich fing an zu recherchieren – und war baff: Alles, was sie gesungen hat, hatte ich auch gesungen. Sogar die Oper, die ich in zwei Wochen mit allem Drum und Dran gelernt hatte und die mir so gut in der Stimme lag – das war alles Cuzzoni-Repertoire. Ich dachte: Das ist ja Wahnsinn. Und so kam ich auf die Idee, die Cuzzoni mal wirklich zu belichten.

Sie soll eine Engelsstimme gehabt haben, aber ein Teufel gewesen sein. Händel wollte sie im Zorn mal aus dem Fenster werfen.

Kermes: Sie war ja auch wirklich schlimm. Und zuletzt ist sie ganz arm gestorben – als Knopfmacherin. Dabei hatte sie sehr viel Geld verdient. Offenbar hat sie ihre ganze Kohle rausgeschleudert.

Sind Sie schon mal ähnlich schlimmen Bühnenpartnern begegnet?

Kermes: Ich hatte ein ganz schlimmes Erlebnis, das schlimmste Konzert meines Lebens. Ich nenne jetzt keinen Namen, weil die Sängerin bekannt ist. Es gab nur schon Rivalität wegen meines Kleides, sie war völlig echauffiert davon, wollte sich nicht neben mir schminken lassen und so ein Zeug. Was dann aber passierte: Ihr sind im Konzert viele Sachen misslungen wegen ihrer Bösartigkeit. Ich habe gebetet. Wirklich nur gebetet. Und in dem Moment, wo ich gesungen habe, gab es etwas, das mich beschützt hat. Vielleicht gibts Engel in solchen Situationen.

Vivica Genaux, hatten Sie auch schon mit Rivalität zu kämpfen?

Genaux: Am Anfang meiner Karriere hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Jemand fühlte sich durch mich bedroht. Dabei würde ich nie jemanden gegen mich aufbringen wollen, ja ich steige nicht einmal darauf ein. Wenn ich jemandem begegne, der unglücklich ist mit mir, dann gehe ich ihm aus dem Weg und habe kein Problem damit. Es gibt Leute, die eine Rivalität energetisiert. Ich gehöre definitiv nicht dazu. Ich bin sehr glücklich in meinem Kokon. Was ausserhalb passiert, passiert ausserhalb.

Simone Kermes, spornt Sie Rivalität auf der Bühne an?

Kermes: Man kriegt ja unmittelbaren Applaus und sieht gleich, wer mehr kriegt. Oder die Bravos. Wobei – meistens kommen die nach den Koloraturen. Es gibt aber diese ruhige Arie von Giacomelli für die Cuzzoni, die immer sehr viel Applaus kriegt. Da denke ich: Siehst du, du kannst auch mit einem ruhigen Stück überzeugen. Und mit den Kadenzen sowieso, die wir selbst machen.

Genaux: Was ich an diesem Programm auch mag, ist, dass wir sehr verschiedene Persönlichkeiten sind. Kontrast ist nicht dasselbe wie Rivalität. Einige der Duette sind Liebesduette, da geht es mehr ums Miteinander als ums Gegeneinander. Darauf fokussiere ich.

Ihre Kontraste sind also ein dramaturgisches Stilmittel.

Genaux: Genau. Allein schon die verschiedenen Energiepegel: Simone ist ein Energiebündel, ich eher introvertiert. Und das funktioniert super, auch in den Duetten. Da mischen sich die verschiedenen Farben, verschiedenen Energiepegel, mal wechsle ich zu ihrem Energielevel, mal sie zu meinem.

Die verfeindeten Sopranistinnen Cuzzoni und Bordoni sind selten gemeinsam aufgetreten.

Genaux: Sie haben kaum miteinander gesungen. Darum stammen unsere Duette auch entweder aus dem Repertoire von Cuzzoni oder aus dem von Bordoni.

Schlüpfen Sie auf der Bühne konkret in die Rolle der zwei?

Kermes: Und wie. Auf der letzten Tour hatten wir je zwei Riesenkoffer mit. Man muss sich das vorstellen, wir sind ja nicht Madonna oder Rammstein, denen man die Sachen hinterherträgt. Allein bis wir da ins Flugzeug reinkommen mit diesem verdammten Gepäck. Und nach dem Konzert sieht die Garderobe aus wie ein Schlachthof, und du suchst eine halbe Stunde – bitteschön, nachdem du schon stundenlang signiert hast. Auf der jetzigen Tour haben wir ein Kleid mit, weil es gar nicht anders geht. Dafür ist es ein sehr schönes Kleid.

Starsopran Anne-Sofie von Otter meint, es reiche heute nicht mehr, sich auf die Bühne zu stellen und schön zu singen

Kermes: Das stimmt. Aber mal ehrlich, am Schluss zählt doch das Singen. Alles andere ist ein Ablenken. Das gibt es oft. Viele forcieren, machen uh-uh-uh und klingen mit zwanzig schon wie eine Oma.

Wenn man Sie auf der Bühne sieht, denkt man zuletzt an eine Oma. Man meint eher eine R-’n’-B-Sängerin vor sich zu haben.

Kermes: Weil es so leicht wirkt. Man darf nicht merken, wie schwer es ist – dabei ist es schwer. Wenn man denkt: Jetzt hat sie aber Kraft, macht man etwas falsch.

Sie singen neben Barockarien auch Abba oder Queen.

Kermes: Damit sind wir auch schon ins Fettnäpfchen getreten. Obwohl es oft Standing Ovations gab und die Leute auf ihren Stühlen standen – selbst in Häusern wie Baden-Baden, wo man eher konservativ ist. Aber wir wurden auch schon angekreidet. Dabei müssen wir Neues wagen. Was soll sonst werden in zwanzig Jahren? Jetzt sitzen ja nur alte Leute im Konzert. Also bitteschön, es tut mir wirklich leid, wenn es jemandem nicht gefällt.

Simone Kermes & Vivica Genaux singen Abba

Simone Kermes & Vivica Genaux singen Abba

Sie scheuen sich nicht zu unterhalten?

Kermes: Wir sind alle Menschen und wollen eine schöne Zeit, denn es geht vielleicht viel zu schnell vorbei. Mir geht es immer mehr darum, mit der Musik, meiner Leidenschaft und Profession, den Menschen einen kleinen Teil Liebe zu geben. Gerade in der heutigen Zeit.

Genaux: In Alaska, wo ich herkomme, ist es neun Monate dunkel und bis zu minus 40 Grad kalt. Da sind Musik und Kultur sehr wichtig, damit wir überhaupt aus dem Haus gehen. Musik ist bei uns immer ein Miteinander, etwas Gemeinsames.

Beim jetzigen Schweizer Wetter haben wir fast alaskische Verhältnisse.

Kermes: Mir fällt immer wieder auf, dass in der Schweiz paradiesische Verhältnisse herrschen. Alles funktioniert, alles ist sauber. Das merkt man sogar am Publikum. In Moskau, in Istanbul sind die Leute gierig nach Musik. In der Schweiz gab es keinen Krieg, keine wirtschaftliche Not. Die Leute sind ein bisschen satt – was das Leben und was die Musik angeht.

Simone Kermes und Vivica Genaux singen im Rahmen von Klassiksterne Aarau Arien von Händel, Hasse und Giacomelli, begleitet vom Barockensemble Cappella Gabetta. Montag, 16. 1., um 19.30 Uhr im Kultur- und Kongresshaus Aarau. www.kulturticket.ch