Vadim Repin, Sie spielen seit 38 Jahren Geige. Wie üben Sie heute?

Vadim Repin: Ich setze mich hin und nehme die Partitur zur Hand – allerdings nicht bloss die Geigenstimme, sondern die Orchesterpartitur. Will ich nämlich meine eigenen Gefühle einbringen, müssen diese den Ideen der Partitur so nah wie möglich sein.

Heisst das, dass Sie bereits wie ein Dirigent denken?

Ja, ich muss das. Die Orchesterstimmen beziehungsweise die Orchestermusiker sind die Weiterführung meiner Stimme – wie ein Muskel und seine Sehnen. Somit schaue ich das Brahms-Konzert nicht aus der Warte des Solisten, sondern aus der des Dirigenten an. Man hört mit dem Kopf und nicht mit den Händen. Hinzu kommt, dass technische Dinge – auch Physiologisches – nie mit
dem Musikalischen durcheinandergebracht werden dürfen. Ich will die Partituren so gut wie möglich kennen, zur Übung versuche ich, sie auswendig aufzuschreiben. Meine Beziehung zu den Orchestern ist seither ganz anders geworden. Wir führen nun einen Dialog. Ich bin kein Geiger, der bloss Background-Musiker braucht.

Wie reagieren denn die Dirigenten, wenn Sie so guten Einblick in Ihre Domäne haben?

Gute Dirigenten verstehen das und können damit umgehen, denn es herrscht eine neue Freiheit auf der Bühne, wenn wir auf diese Art in einen Austausch treten.

Ein Geiger, der Beethovens oder Brahms’ Violinkonzert mit einem Orchester spielt, ist dennoch vom Dirigenten abhängig, weil ebendieses Miteinander so wichtig ist. Jedes Mal ein neues Risiko?

Um es zu mildern, haben wir die Proben. Und wenn auf der Bühne doch mal etwas nicht ideal läuft, habe ich Kraft, die Sache in meine Hände zu nehmen. Es geht nicht so sehr ums Reagieren, sondern ums Kontrollieren. Das geht aber nur, wenn Sie neben dem Dirigenten auch guten Kontakt zu den Stimmführern des Orchesters oder zu einzelnen Bläsern haben. Dieses Vertrauen gilt es in den Proben aufzubauen. Die Musiker müssen fühlen, dass ich mit ihnen zusammen etwas schaffen möchte.

Vor welchem Violinkonzert sind Sie am nervösesten?

Vielleicht vor dem Tschaikowsky-Konzert? Ich kenne es, seit ich zehn Jahre alt bin, aber etwas darin macht mich jedes Mal nervös. Das Beethoven-Konzert ist dafür auf der emotionalen Ebene das schlimmste für mich.

Ihre letzten Aufnahmen machten Sie einerseits mit Riccardo Muti, andererseits mit Riccardo Chailly – dann aber auch mit Valery Gergiev und Mariss Jansons. Hier zwei Italiener – da zwei Dirigenten Ihrer russischen Schule. Spürten Sie einen grossen Unterschied?

Wir sprechen bei allen diesen Dirigenten von Persönlichkeiten, die deswegen unterschiedlich sind. Ich erinnere mich sehr gerne daran, wie ich das erste Mal in London das Beethoven-Konzert mit Riccardo Muti spielte: Er sass am Klavier, es ging darum, zu besprechen, was er will – und was ich will. Wir spielten das ganze Konzert durch – ohne ein Wort zu sagen. Mit dem Orchester ging es genau gleich. Da war ein einmaliges Verständnis – wir hatten genau die gleiche Meinung. Und ich betone: Er hatte eine Meinung zu diesem Konzert, wir alle wissen um seine Persönlichkeit! So war es natürlich wunderbar, mit ihm die Aufnahme zu machen.

(Quelle: Youtube.com)

Vadim Repin spielt Brahms

Nochmals: Gibt es noch eine russische und italienische Art des Musikmachens?

Ja und nein. Natürlich habe ich auch mit Jansons und Gergiev sehr schöne Begegnungen gehabt. Aber ob das Fundament unsere gemeinsame russische Tradition ist? Wir sind alle in der Welt der Musik zu Hause, dort gibt es keine Grenzen. Ob einer Russe ist oder nicht, ist unwichtig. Trotz allem gibt es Traditionen, die uns verbinden: eine besondere Farbgebung etwa, die aber wiederum stark persönlich geprägt ist.

Sie reisen von Land zu Land, diese Woche spielen Sie im Aargau, dann in Wien: Gibt es zwischen den einzelnen Ländern Unterschiede beim Publikum?

Es gibt sogar sehr grosse Unterschiede, aber ich weiss mittlerweile schon gut, was mich erwartet. Aber wenn ich nun in Aarau das Brahms-Konzert spiele, dann ist die Liebe zu Brahms das wichtigste, der Rest ergibt sich von selbst.

Demnach ist Ihnen das Publikum egal?

Nein, überhaupt nicht. Mir ist wichtig, dass ich eine Reaktion erhalte. Das Publikum muss meine Emotionen fühlen. Manchmal geht das nicht, dann muss man halt mal ein Konzert vergessen. Ein Konzert ist ein Gespräch über meine Gefühle, da kann man nichts rational lenken. Alles ist mit dem Leben rundherum verbunden. Als ich am 11. September 2001 in Chicago Schostakowitschs Violinkonzert spielte, reagierten die Leute ganz anders als ein paar Tage vor dem Anschlag auf das World Trade Center.

Sie sind einer der wenigen Geiger, die in den letzten 20 Jahren bei grossen Labels CDs aufnehmen durften. Braucht es dazu eine bestimme Qualität? Viele Geiger Ihrer Generation werden nicht mehr berücksichtigt.

Das weiss ich nicht. Ehrlich. Selbst das professionellste Geigerleben ist unberechenbar: Es gibt Jahre, da haben Sie mehr Glück, in anderen weniger. Das Wichtigste für mich war, dass ich geradlinig meinen Weg gegangen bin und mit meiner Kunst nach wie vor seriös umgehe. Dann gibts manchmal einen Bonus. Ich spielte die beiden grossen Konzerte von Brahms und Beethoven vorher nie ein, weil ich warten wollte, bis die Bedingungen ideal sind.

Ideal heisst für Sie die Deutsche Grammophon als Vertrieb?

Das ist nicht alles: Es waren auch Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker, Riccardo Chailly und das Gewandhaus Orchester. Alles muss passen. Wenn man mir ein Orchester angeboten hätte, das ich nicht mag, hätte ich abgelehnt. Ich blieb meiner Idee treu.

Grosse Geiger umweht etwas Titanisches. Spüren Sie diesen Geist?

Es gibt Legenden, Gerüchte und Wahrheiten. Man kann diese Wesen, diese grossen Geiger, nicht fassbar machen. Was zählt, ist das Leben der Person, das die Musik hervorbringt. Und wenn es Ihnen gut geht, dann müssen Sie etwas weitergeben: Sei es, dass Sie wohltätig sind oder dass Sie lehren. Und manchmal wird einer gar ein Vorbild wie Yehudi Menuhin. Ich habe viele Pläne, aber nicht alles davon muss an die Öffentlichkeit.