«Das Glück ist scheu, es rennt, und ich lauf hinterher.» Das sagt Mine. Nein, sie singt es. Haucht es hinein in eines ihrer beiden Mikrofone.

Doch zuerst sitzt sie einfach nur da. Mine, die eigentlich Jasmin heisst und aus einem kleinen Nest bei Stuttgart kommt, sieht unscheinbar aus. Zurückhaltend. Als gelte die Bühne nicht auch ihr.

Dabei ist sie Profi durch und durch: Hat einen Master-Abschluss von der Pop-Akademie in Mannheim. Unterrichtet, tourt, hat ihr zweites Album herausgebracht. «Das Ziel ist im Weg» heisst es. Auch so ein Mine-Satz. Zum Auskosten, Durchdenken, Herausschreien, Mitsummen.

Was nützt die Liebe in Gedanken?

Trotz ihrer Erfolge als Singer-Songwriterin dürfte sie dem Publikum an diesem Abend nicht allzu bekannt sein. Denn das ist in diesem mittleren von drei Klassik-Konzerten beim Stimmen-Festival wohl eher wegen den Musikern hinter ihr gekommen: der Lautten Compagney Berlin.

Dieses Barockorchester der Extraklasse hat sich mit Mine zu einem Crossover-Projekt zusammengetan, das von ausgesuchter Schönheit ist: Songs von Mine wechseln sich mit Madrigalen von Claudio Monteverdi ab.

Beide erzählen von den tiefen Sehnsüchten und Hoffnungen, von den Freuden und Leiden der Menschen, und man merkt an diesem Abend kaum, dass 400 Jahre dazwischen liegen. «Was nützt die Liebe in Gedanken?», heisst es in Mines Text zum Song «Du scheinst». «Die Wunde, die ich in meinem Herzen habe», heisst es bei Monteverdi.

Weinen und Jubilieren

Diese frühbarocken Madrigale singt eine Sängerin, der dieses Repertoire auf den Leib geschneidert sein könnte: Dorothee Mields. Ihre Stimme ist schlicht und schön, klar und gerade, und ungemein flexibel. Hell und glockig singt sie die freudig jubelnden Madrigale, «Con che soavita» aus dem siebten Madrigalbuch von Monteverdi etwa. Schrill und klagend das schmerzende «Lamento della Ninfa», dunkel und tragend vom Weinen in «Zefiro torna». Dabei klingen all die vertrackten Verzierungen dieser Musik bei ihr so natürlich und leicht, als sei dies die selbstverständlichste Art, die Stimme zu gebrauchen.

Bei all dem wird sie rhythmisch pointiert, äusserst klangschön und mit tänzerischer Leichtigkeit von der Lautten Compagney Berlin begleitet, die die etwas trockene Burghof-Akustik mit viel Verve einfach wegspielt. Und die sogar dann eine gute Figur macht, wenn bei Mines Songs die für dieses alte Darmsaiten-Instrumentarium ungewöhnlichen elektronischen Verstärkungen eingesetzt werden.

Herz in der Hand

Lautenist Wolfgang Katschner streut an diesem Abend immer wieder unterhaltsame Moderationsbeiträge ein, um dem Publikum diese alte Musik, diese zeitlosen Themen, dieses neuartige Klangexperiment näher zu bringen. Denn gerade die historisch informierte Aufführungspraxis scheut noch mehr als andere Klassik-Sparten die Berührung mit Rock und Pop.

Doch mit diesen beiden Stimmen im Zentrum ist diese Begegnung äusserst reizvoll. Nicht nur, dass Mines Songs mit der Begleitung durch das verstärkte Barockorchester eine ganz andere Klangästhetik, Tiefe und Zeitlosigkeit erhalten. Sondern es ist auch das Wechselspiel dieser beiden Künstlerinnen, das den Abend zum Ereignis macht.

Hier die kraftvolle Stimme von Dorothee Mields, die ohne Mikrofon den ganzen Saal erfüllt, dort die kernige Jazz-Stimme von Mine, die mit grösstmöglicher Distanz ins Mikrofon singt, um dann mit Hall und Verstärkung in die Unendlichkeit hineinzuklingen. Und auch vom Charakter her könnten die beiden unterschiedlicher kaum sein: Mields legt ihr ganzes Herz in ihre Stimme; Mine legt ihr ganzes Herz in ihre Texte. Und bleibt äusserlich und stimmlich stets cool.

Dabei schlägt Mines Musik Purzelbäume: Plötzliche harmonische Rückungen und Luftsprünge in der Melodie gehören genauso dazu wie improvisierte Mehrstimmigkeit. Beim Song «Lauter» nimmt sie sich dreifach selbst live auf, um die vierte Stimme noch darüber zu improvisieren. «Angst vor dem was gewesen ist, vor dem, was mir davon bleibt. Ich will weiter nach vorn’ gehen, dir ist es zu weit», sagt Mine. Nein, sie singt es. Haucht es hinein in eines ihrer beiden Mikrofone. Und bringt das Publikum zum Jubeln.