Julian Sartorius ist etwas zappelig. Ein Interview während einer Wanderung, wie soll das gehen? Der Smalltalk, der die ersten Meter begleitet, ist dem Berner Schlagzeuger mit internationaler Ausstrahlung irgendwie unangenehm. Das zwanglose Gespräch über seine vielfältigen aktuellen Tätigkeiten, das Schaffen von Freiräumen im Alltag und aktuelle musikalische Vorlieben wird immer mal wieder von einem nervösen Seitenblick begleitet, der wohl heisst: Wann fängt sie denn nun an, die richtige Befragung?

Dabei gibt es viel zu sehen: Erst die asiatischen Touristen am Bärengraben, wo die Wanderung beginnt, dann die stattlichen Häuser am Obstberg, zum Teil von privatem Sicherheitspersonal bewacht, dann öde Neubauten in Brauntönen, die sich alle bis aufs kleinste Detail gleichen.

Schliesslich das Ausfransen der Stadt, ein dünner Industriegürtel, ein Brockenhaus, eine Sägerei, «Dinge», wie Sartorius sagt, «die man aus dem Bus oder Auto einfach übersieht. Das ist ein ganz anderes Erleben.» Für ihn ist klar: Das regelmässige Wandern ist keine verlorene Zeit. Die Fussmärsche bringen ihn auf neue Ideen, lassen ihn die Welt mit anderen Augen sehen und das Schlagzeug neu interpretieren.

Von Basel nach Genf

Zugegeben, es ist eine besondere Versuchsanordnung: Sartorius, Jahrgang 1981, geboren und aufgewachsen in Steffisburg bei Thun, szenenübergreifender Beatfanatiker und Klangforscher mit Jazz-Hintergrund, hat im letzten Herbst auf einer Wanderung durch den Jura ein Album aufgenommen.

Jeden der zehn Tage harten Fussmarsches von Basel nach Genf, insgesamt rund 270 Kilometer, hat er in einem Stück dokumentiert. Und jetzt soll das hier, auf dem Weg von Bern nach Boll, reine Laufzeit etwa 3½ Stunden, irgendwie rekonstruiert werden und das Gespräch dazu eher beiläufig passieren. So wie beim Wandern eben.

Ein genaues Konzept für seine Wanderaufnahmen gebe es nicht, sagt er, als wir eine steile Waldschneise erlaufen. «I loufe los u dä luegi eyfach.» Für das Album habe er jeweils einen Rhythmus bestimmt und dann während eines ganzen Tages Elemente für ein darauf basierendes Stück gesammelt. Manchmal fünf, sechs, sieben geklopfte Muster, die sich erst im Kopf und später am Computer zu einem stimmigen Ganzen komplettieren.

Kurz darauf biegt Sartorius vom Wanderweg in ein lichtes Baumfeld ab, holt sein rasierapparatgrosses Aufnahmegerät und seine Sticks aus dem Rucksack und fängt an, damit einen Wildschutz aus Plastik zu bearbeiten, der einen der jungen Bäume umgibt. Sein Gesicht verrät höchste Konzentration – aber auch höchste Begeisterung.

Ansprechbar ist er nun nicht mehr. Nach ein paar Minuten streift er die Kopfhörer ab und setzt ein Grinsen auf und winkt den Journalisten zu sich. Mancher Ast, manches Schild, manche Abdeckung wummert erstaunlich. Mächtige Resonanz, wo man sie nie erwartet hätte. Zwischen dem allgemein hörbaren Klang im Wald und der Macroaufnahme liegen Welten.

Austausch mit Wanderern

Bald behält er die Stöcke gleich in der Hand und klopft alles auf seine Klangtauglichkeit ab – abgesägte Äste, den Grill einer Feuerstelle, Wegweiser, Hinweistafeln, und Laub, immer wieder Laub. Zwischendurch lauscht er andächtig dem Zwitschern der Vogel, bannt es mit auf seine Aufnahme. Eine Spaziergängerin beobachtet die durch Unterholz kauernde Wandergruppe.

«Sicher Vandalen!» sagt ihr Blick. Zwischendurch tauschen die Wanderer Geschichten über Fussmärsche aus. Sartorius’ Begeisterung begann mit einer nächtlichen Begehung des Niesen im Alter von 20 Jahren. Letztes Jahr folgte er dem Weg der Schweiz von seinem Zuhause am Berner Läuferplatz bis ins Tessin.

Julian Sartorius auf musikalischer Wanderschaft.

Julian Sartorius auf musikalischer Wanderschaft.

Auch während der nie endenden Tournee mit Sophie Hunger, deren Schlagzeuger Julian Sartorius zweieinhalb Jahre lang war, sei er viel marschiert. «Du steigst nach dem Konzert in den Bus und bist am nächsten Morgen in einer anderen Stadt. Die ganze Band ist auf extrem wenig Platz untergebracht, Privatsphäre gleich null. Da bin ich dann meistens einfach losgelaufen, kreuz und quer durch die unbekannten Städte gewandert.»

Die letzten Elemente unseres exklusiven Beats nimmt Sartorius neben einem offenen Geräteschuppen auf. Dort lagern, an einen Baum gezurrt, ein paar Wellbleche. Auch sie wieder: voller Leben, Resonanz. Das Dorf Boll, Ziel der Wanderung, ist schon in Sichtweite.

Auf der Fahrt mit der Regionalbahn zurück nach Bern erzählt Sartorius von seinen anstehenden Konzerten, von der vielen Administrationsarbeit, die mit seiner bunten Karriere verknüpft ist – und von seinen Ausflügen in den Hip-Hop, ein rhythmusbetontes Genre, das ihn nicht nur als Konsumenten begeistert. Zuletzt produzierte er eine hörenswerte EP für die Zürcher Rapperin Big Zis, passte ihre Reime für den Track «iBack» ganz genau auf seinen abgehackten Groove an.

«Spezieller Modus»

Irgendwann dann das Thema, das irgendwie über allem steht: diese Besessenheit, diese Rastlosigkeit. Zehnstündige Spätherbstwanderungen durch Nässe und Kälte, ganz allein, immer mit dem Druck, alles Spannende aufzunehmen – dreht man da nicht durch? «Es ist schon ein spezieller Modus», gibt Sartorius zu. «Wenn ich mal angefangen habe, kann ich so leicht nicht wieder aufhören. Dann bin ich in meinem Film, in meinem Modus.» Er wandere aber immer wieder auch ganz bewusst ohne Aufnahmegerät. Einfach, um den Kopf zu lüften, um Energie zu tanken, wieder den Überblick zu gewinnen.

«Im Fall der Platte war das nicht möglich. Das Zeitfenster war knapp.» Kurz vor halb acht Uhr ist die Wandergruppe wieder in Bern. Der Journalist verabschiedet sich Richtung Zürich. Die Beine brummen, der Kopf ist frisch. In den Gehörgängen: Immer noch die Beats vom Wegrand.

Julian Sartorius Das Album «Hidden Tracks: Basel – Genève» (Everest Records/Irascible) von erscheint am 2. Juni.