«Mixed Race»

Tricky: «Als Künstler muss ich Neues lernen»

«Als Künstler muss ich Neues lernen»

«Als Künstler muss ich Neues lernen»

Auf der Suche nach neuen Einfällen ist der Musiker Tricky wieder einmal umgezogen. Er wohnt nicht mehr in New York, er wohnt jetzt in Paris. Das inspiriert ihn, wie die neue CD zeigt.

«Französisch?», lacht er: Kein Wort Französisch spreche er. «Aber das ist gut so. Ich liebe das Gefühl, ein Fremder zu sein. Man fühlt sich wach, ist ständig auf der Hut, muss die Antenne genau einstellen auf die Zeichen, die einem die Umwelt gibt.» So sei das bei ihm schon immer gewesen. Als er in New York ankam, habe er die Brooklyn Bridge gesehen und gedacht: WOW! Aber nach ein paar Jahren habe er nicht einmal mehr aus dem Fenster geschaut, wenn er darüber fuhr. Ähnlich dann in Los Angeles. Die Palmen vor dem Haus hätten ihn am Anfang in Verzückung versetzt. Mit der Zeit habe er sie kaum mehr bemerkt: «Wenn ich aufhöre, mich umzuschauen», sagt Tricky, «dann ist es Zeit, umzuziehen.» Paris deswegen, weil er wieder in der Nähe seiner britischen Heimat leben wollte. «Andererseits wollte ich es mir auch nicht zu einfach machen. Ich weiss, wie England funktioniert. Es ist mir dort wohl, ohne dass ich einen Finger rühren muss. Das will ich nicht. Als Künstler und Mensch muss ich Neues lernen und frische Erfahrungen machen.»

Am Anfang war eine Musikdose

Etwas hat sich indessen nicht geändert, seit Adrian Thaws sich vor sechzehn Jahren von Massive Attack lossagte, um auf eigene Faust nach einer Ausdrucksweise zu suchen, die seine Vorliebe für Reggae und Hip-Hop ebenso widerspiegelte wie seine britische Herkunft. Seine Arbeitsweise ist noch immer unzertrennlich verbunden mit seinem Alltagsleben. In seiner Wohnung hat er ein kleines Studio eingerichtet, in «kommerziellen» Studios nimmt er nur schwierigere Parts auf wie Bläser und Schlagzeug: «Kommerzielle Studios passen mir nicht», sagt er. «Es fehlt der Vibe.» Schon immer war es Tricky wichtig, dass alle Menschen, die bei der Entstehung eines neuen Albums Teil seines Lebens waren, an dem Werk beteiligt sind – auch wenn sie selber gar keine Musiker sind. Entsprechend hat sich das auch auf sein neues Album «Mixed Race» ausgewirkt. Das Dancehall-Stück «Murder Weapon» beginnt mit einer Musikdose, die «My Way» klimpert, und die eben von einer solch nahen Person, die nicht Musiker ist, gespielt wird. Das sei ein lieber Freund von ihm, berichtet Tricky. «Dreizehn Jahre verbrachte er in der Fremdenlegion. Er kümmert sich sehr lieb um mich. Wenn ich im Studio von der Arbeitswut gepackt werde, bringt er mir ungefragt etwas zum Essen. Er gehört zur Entstehungsgeschichte des Albums und gehörte einfach irgendwie darauf.»

«Mixed Race» ist mit Bestimmtheit das beschwingteste und abwechslungsreichste Album von Tricky. Das Spektrum reicht vom entspannt jazzigen «Come To Me» über das bluesige «Every Day», den Post-Dancehall-Reggae von «Kingston Logic» und «Murder Weapon» bis hin zum arabisch gesungenen «Hakim», das die Trickysche Arbeitsweise sehr schön aufzeigt: Eines Tages war Hakim Harambouche, Gitarrist bei Rachid Taha, bei ihm zu Besuch. Zum Testen der Mikrofone sang er, ohne viel zu überlegen, ein Lied vor sich hin. Am nächsten Tag gelangte Tricky zur Überzeugung, dass gerade dieses Lied – es handelt von einem Verrückten auf der Strasse, der vielleicht mehr weiss, als man ihm auf den ersten Blick zutrauen würde – und nicht die stundenlangen Aufnahmen, die darauf folgten, die Essenz der Session ausmachte.

«Im Zusammenhang mit mir wird oft das Wort ‹Genie› genannt», erklärt Tricky. «Das ist eindeutig nicht der Fall. Denn wenn ich ein Genie wäre, wüsste ich, was ich tue. Aber ich weiss es nicht. Ich bin immer noch ständig am Lernen.»

Eine letzte Frage noch: Überraschenderweise kam aus dem Hause Massive Attack letzthin die Nachricht, man werde demnächst nach all den Jahren wieder mit Tricky ins Studio gehen. Was hat es damit auf sich? «Es stimmt, dass ich gefragt wurde und ich zugestimmt habe», entgegnet er mit einer ungeduldigen Geste. «Jetzt ist es an ihnen, den nächsten Schritt zu machen. Solange wir nicht tatsächlich im Studio waren, ist es doch nur Gerede.»

Tricky «Mixed Race», Domino/MV

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