Ein Rockstar muss ein harter Knochen sein, selbst im Alter. Keith Richards und Mick Jagger werden nächstes Jahr, was du heute bist: 70. Du bist hierzulande unser Erinnerungs-Musiker für mehrere Epochen: Beat, Rock, Blues … vielleicht einer der weniger rauen Sorte.

Toni Vescoli: Ich kämpfe darum, nicht in eine Soft-Schublade geschoben zu werden. Ich komme ganz ursprünglich aus dem Rock ’n’ Roll. Seit geraumer Zeit spiele ich Americana auf Mundart, eine Mischung aus Blues, Südstaaten-Rock, Country. Ich bin schon lange nicht mehr der Mundart-Folkie und war nie der Liedermacher-Typ.

Und jetzt die Sieben vorne dran – kein schreckliches Alter?

Nein. Die Grenze zieht nicht die Musik, nur die Gesundheit. Und da fühle ich mich noch so fit wie Mick Jagger. Trotz eines schweren Autounfalls mit Schleudertrauma und einem stress-bedingten Hörsturz vor kurzem. Mit 45 machte ich häufiger schlapp nach Auftritten als heute.

Es hielten nicht alle durch, seit den 60er-Jahren, bei weitem nicht. Aber die, die durchgehalten haben, sind eigentlich noch immer gut drauf. Rock hat goldenen Boden.

Beim Rock läufts gleich wie beim Jazz: Irgendwann etabliert sich das. Deshalb werden die Leute auch mit 80 noch auf der Bühne stehen, solange es nicht peinlich wird. Jene, die sich halten konnten, wurden eigentlich nur besser. Die Sauterelles, mit denen ich noch heute unterwegs bin, waren wohl nie so gut wie heute.

Das Zeug damals hatte wohl einfach Saft und Substanz …

Die Jungen entdecken es wieder. Die wehren sich gewöhnlich gegen das, was die Eltern mögen. Aber das, was die Grosseltern hören – das lieben sie. Mir schreiben viele Junge, die meine Platten beim Opa entdeckten.

Wie gelassen du das sehen kannst ...

Ist doch toll für uns! Wir erwischten zweimal eine gute Zeit: die Anfänge und jetzt die Renaissance. Gut dabei ist, dass sich der Glaube verflüchtigt hat, alles, was jung sei, sei auch gut. Ein Glaube, den vorab die Wirtschaft propagiert hat. Man erkennt langsam, wo das hingeführt hat – sorry: in die Bankenkrise. Dazu bin ich einfach zufrieden, wenn man auf der Bühne wieder mal jemanden leibhaftig am Schlagzeug sieht und nicht bloss eine Maschine hämmern hört.

Wie ging das damals los bei dir?

Ab fünfzehn brachte ich mir das Gitarrespielen bei. Über Kopfhörer bekam man Radio Luxemburg rein. Ich suchte dann nach den Platten – die gab es kaum. In der Grammo-Bar des Jelmoli fand man das meiste. Das ahmte ich in der Wohnung meiner Schwester nach – zu Hause musste ich das verheimlichen. Weil mich die Shadows faszinierten, gründete ich eine Band. Vielleicht hätte ich damals mehr draus machen können, wenn mein Vater nicht so vehement dagegen gewesen wäre. Vielleicht brachte mir das auch erst die Power.

Also das Übliche: viel Gegendruck aus dem Elternhaus.

Buchstäblicher Druck, Schläge. Mein Vater trieb Boxen als Sport und war nicht schlecht. Da konntest du die Seite nicht genügend abdecken, wenn er dir eins an den Kessel gab. Ich war unter der Knute – auch bei den Lehrern. Ich war generell der Prügelknabe in Küsnacht ZH – als Tschinggen-Kind. Und nach vier Jahren Peru, wo wir vorher gelebt hatten. Ich glaube, in der Musik konnte ich abrotzen, mich ausleben.

Gibts noch Erinnerungen an Peru?

Natürlich. Vor allem die Seereise auf einem Frachtdampfer nach Lima und zurück. Als ich später Freddy Quinn hörte, begann drum eine Saite zu schwingen. Ich dachte: Das kann ich auch. Aber dann kam Rock ’n’ Roll.

Und vom Vater weiter Widerstand?

Er gab ihn eigentlich nie auf. Das letzte Mal, als ich eins an den Grind bekam, war ich bereits zwanzig. Da hatte ich die Sauterelles bereits gegründet (die er mir im Übrigen auch verbot). Er begleitete mich sogar mal an eine Probe mit den Typen. Gottlob konnte ich ihn dort abwimmeln.

Also setzte es die letzte Backpfeife noch als angehender Popstar ab?

Ich verdiente mir damals an der Fasnacht mit Singen von Beiz zu Beiz ein Mikrofon. Ich kam morgens um drei nach Hause. Dann krachte es, und ich sagte: «Das war jetzt aber das letzte Mal. Ich ging nicht in die Stadt, um rumzulungern, sondern um Geld zu verdienen.» Seither war das nie mehr ein Thema. Obwohl es ihn immer noch angegurkt hatte, dass ich Profimusiker geworden bin, nach der Lehre und der RS. Viel viel später sagte mein Vater mal zu meinem Bruder: «Weisst du, es ist verrückt, man gibt sich Mühe, dass aus einem Kind etwas Rechtes wird, und dann würgt man ihm um ein Haar etwas ganz Gutes ab.» Er war ein Perfektionist …

Das sagt man dir auch nach.

Natürlich, das ist auch meine Art. Aber ich musste auch das andere lernen. Wenn man mit Musikern zusammenarbeitet, muss man ja nicht unbedingt immer seine eigenen Ideen durchstieren. Haben andere gute Ideen, übernehme ich die gern.

Eben: Der Typ Rebell warst du nie.

Vor allem nicht politisch. Das kreidete man mir an, während der sogenannten Liedermacher-Zeit. Ich sei zu wenig klar, hart oder engagiert in meinen Texten. Aber ich musste mich an der eigenen Nase nehmen, wenn ich schrieb. Als Prediger ist man bald verlogen. Es gab nie eine Partei, deren Gesinnungsfahne ich hätte übernehmen können. Auf eine stille Art war ich immer ein sturer Bock und zog meine Sache durch.

Dann, in den 80ern, wurde es härter.

Da restaurierte ich antike Möbel. 1983 nahms mir aber den Ärmel wieder rein, machte wieder vermehrt Musik und gründete eine neue Band – komischerweise, nachdem mein Vater gestorben war. Als wäre ich nun befreit gewesen. Anfangs hatte ich den Eindruck, die Sache sei zu brav, sie sollte rockiger sein. Erst 1991 gings los mit dem passenden Vescoli-Sound.

Das sind ungefähr 30 Jahre Suche …

Du merkst es manchmal nicht, wenn du 20 Jahre alleine unterwegs bist, vorwiegend in der Kleintheater-Szene. Spielst du dann plötzlich mit einer Band, dröhnt das zwar schon recht, aber da musste mehr Power her. Mit den neuen Musikern fürs Album «Vescoli&Co. 2» 1991 wars der Fall – mit diesen Leuten bin ich noch heute zusammen!

War dein Image lange zu brav?

So empfunden habe ich mich eigentlich nie. Heute wissen die Leute, was ich mache. Natürlich war ich immer der seriöse Familienvater. Ich habe mit 23 eine Frau geheiratet, die zwei Kinder in die Ehe mitbrachte. Das war ein rotes Tuch damals. Mein damaliger Manager wollte mir verbieten, zu heiraten! Aber genau das hat mich vor vielem bewahrt.

An einer Prix-Walo-Verleihung wollte eine Gymnasiastin aufs Foto mit dir. Sie kannte dich nicht als Beatnik. Ihr Vescoli war die Stimme auf ihren kindlichen Pingu-Kassetten.

Meinem Produzenten gefiel 1975 meine Stimme, auch fürs Sprechen. Ohne viel zu überlegen, schlug ich ein: Grimms Märchen, Andersen, Tom Sawyer usw., insgesamt 24 Kin-derplatten. Ich tat das sehr gern. In den 90ern folgte dann die Sache mit Pingu, sehr erfolgreich. Ich konnte mit den Tantiemen drei Monate auf Teneriffa am nächsten Musikalbum arbeiten. Derlei schadete mir nie.

Ein ganzes Musikerleben. Du erinnerst dich sehr detailliert. Du schreibst es inzwischen auf, für ein Buch?

250 Seiten sind geschrieben. Mit den Erinnerungen stehe ich jetzt im Jahr 1967 – die Sauterelles sind nun mal ein wichtiges Kapitel. Es wird spätere Epochen geben, wo weniger zu berichten ist. Es dürfte am Ende dennoch ein Backstein werden von einem Buch: zum Lesen, nicht um Bildli anzuschauen. Ich mache alles selber, keiner redet mir rein.