Neues Album

Tommy Vercetti liefert den Rap-Nachschlag zur Finanzkrise

Tommy Vercetti (38): «Wie wir in Würde älter werden können im Rap, ist etwas was mich stark beschäftigt.»

Tommy Vercetti (38): «Wie wir in Würde älter werden können im Rap, ist etwas was mich stark beschäftigt.»

Der Berner Tommy Vercetti ist das linke Gewissen des Rap. Im Album «No 3 Nächt bis Morn» arbeitet er sich lyrisch an den Baustellen unserer Zeit ab.

Das Morgen ist eine Grundsehnsucht des Menschen. Morgen, so die weit verbreitete Hoffnung, ist alles besser, alles anders, alles leichter. Dabei ist morgen vor allem eines: nicht heute. Wo eben alles schlecht, alles gleich und alles mühsam ist. «No 3 Nächt bis Morn» heisst die neue Platte von Tommy Vercetti. Warum genau «3 Nächt»? Das sei, sagt Vercetti, eine «absehbare und doch vage Zeitangabe. Wenn ich meiner kleinen Tochter sage, sie müsse noch drei Mal schlafen bis etwas passiert, dann kann sie sich darauf freuen und weiss doch nicht, wann das genau ist.» Und was genau ist dieses «Morn»? Das, gibt Vercetti zu, wisse er selber auch nicht genau, «aber es ist schon besser als heute», sagt er und lacht.

Was Vercetti «besser» finden würde, wird schnell klar, wenn man das Album hört. Der 38-jährige Berner ist das linke Gewissen des Raps. Er bohrt immer noch gerne seine Stacheln ins Fleisch des Kapitalismus. Er ist weit weg von der gerade so angesagten Inhaltsleere im deutschsprachigen Rap (gute Grüsse an Loredana), sondern fordert bis überfordert. «Ganz bewusst», wie er sagt, «ich lese auch lieber Bücher, die etwas auslösen und bei denen etwas hängenbleibt.»

Reflexion über die Finanzkrise

Wer diesen Anspruch an die eigene Musik hat, der muss aufpassen, dass er den Wälzer nicht zu dick macht und seine Hörer damit erschlägt. Wie das klappen kann, zeigt zum Beispiel «2008». In erster Linie ist das ein knackiger Rap-Song mit einem nach vorne preschenden Beat und sogar einem Refrain. Wer hinhört, der hört dann «Eues System isch gschiteret, u dir machet straflos genau gliich witer/ Wüu nech s Arschloch si het riich gmacht, und eh nur dr Räscht vor Wäut dr Priis zaut.» Es ist eine Reflexion über den Umgang mit der Finanzkrise 2008. «Damals waren ja alle überrascht», sagt Vercetti, «auch die Linke. Auch darum hat sich viel zu wenig geändert.» Man muss Vercettis Ansichten nicht teilen. Man kann sich auch an ihnen reiben, ihnen widersprechen, sie hinterfragen. «Ich versuche kein Prediger für die bereits Bekehrten zu sein», sagt Vercetti.

Sowieso: Er wolle Hoffnung geben mit diesem Album, sagt er. «Mach öppis wo Hoffnig git, vorwärts luegt», sagt er zu sich im ersten Song. Hoffnung hat er darum, weil er glaubt, dass die Krisen der letzten Jahre politischer gemacht haben. «Vielleicht auch wütender. Sicher entschlossener», sagt Vercetti. Und trotzdem: «Ich höre viel, dass die Platte etwas düster geraten sei», sagt er. «Vielleicht liegt es ja daran, dass ich den Ist-Zustand beschreibe und kritisiere. Da gibt es schon noch Vieles, das im Argen liegt.»

Vercetti arbeitet sich nicht auf brachiale Weise an den Welt-Baustellen ab, sondern macht es sehr lyrisch. Wie er in «Vorem Gsicht» mit einem Anliegen durch alle Institutionen wandert und immer auf dieselbe Fratze trifft, ist ein grossartiges Bild. Am Ende wird der Ankläger selber angeklagt und landet im Knast: «So ändet ds mit Gfängnis für mi, ganz ohni Glanz / Gäud regiert d Wäut meistens ganz ohni Kampf.» Dazu wummern tiefdunkle Bläser Resignation und Aufbruch.

Die Klanglandschaften hat Pablo Nouvelle gezimmert. Mit ihm hat Vercetti die Hälfte des Vorgängers «Seiltänzer» vor neun Jahren produziert. Auch durch diese Zusammenarbeit ist «No 3 Täg bis Morn» keine typische Rapplatte. Die Beats sind vielfältig, und vor allem haben sie den Mut auszubrechen und sich zu verändern. Auch sonst kennt Tommy Vercetti wenig Berührungsängste. Er singt, macht Strophen, verändert Reimschemen. Neben einem Feature mit seinem langjährigen Weggefährten Dezmond Dez singt auch Noah Veraguth von Pegasus einen Refrain. «Wie wir in Würde älter werden können im Rap, ist etwas was mich stark beschäftigt», sagt Vercetti. «Ich liebe diese Musik aufrichtig und will sie noch lange machen, ohne dabei peinlich zu wirken.» Er merke, dass gerade eine Generation nachwachse, die mit Hip-Hop gross geworden ist, und einfach «verdammt gut» sei, sagt er. Für ihn sei es «harte Arbeit, so leger zu klingen».

Der rappende Doktorand

Auch darum sei es eine Weile gegangen, bis er einen Nachfolger zum Szene-Liebling «Seiltänzer» veröffentlicht habe. «Und ich habe mit anderen Formationen viel veröffentlicht», sagt Vercetti, der derzeit an einer Doktorarbeit schreibt. «Wenn eues System mau ändet, müssemer wüssä, wasmer wei ändere/ neui Modäu für neui Wäutä präsent ha, u zwöi witeri Albe, damiti’s cha dänke.» Zwei Alben braucht Vercetti also noch, um für «Morn» bereit zu sein. Doch was kommt zuerst? Die nächste Finanzkrise oder zwei neue Vercetti-Alben? Er lacht: «Ich sage jetzt mal optimistisch und gleichzeitig pessimistisch: Es dauert beides nicht mehr 18 Jahre.»

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