«Mit Klassik hat das nichts zu tun,» das macht Thomas Quasthoff gleich mal selber klar. «Wer das jetzt noch erwartet, dem muss ich sagen: Die Winterreise kommt nicht mehr.» Der berühmte Bassbariton hat mit der Klassik abgeschlossen und ist seit drei Jahren mit einem Jazz-Programm unterwegs. Seit dieser Zeit war Markus Muffler, der Leiter des Stimmen-Festivals an ihm dran. Zur Eröffnung der 24. Ausgabe am Donnerstag im Burghof Lörrach hat es nun endlich geklappt

Gemeinsam mit seiner hervorragenden Band präsentierte Quasthoff seine «Favorite Things» und bot dabei nicht nur gute Unterhaltung mit eigenen Versionen bekannter Jazz Standards wie «Summertime», «Fly me to the moon», «My funny Valentine» oder anderen Lieblingsstücken wie «Imagine», sondern überraschte auch mit Scat-Improvisationen. Wer hätte gedacht, dass Quasthoff quasi eine ganze Big Band imitieren kann, als er sich 2012 aus gesundheitlichen Gründen endgültig von der Klassik verabschiedete?

Beim Scatten ist er ganz bei sich und beweist mit scharf eingeworfenen politischen Seitenhieben auch kabarettistische Qualitäten. Überhaupt steht ihm die Entertainer-
Rolle sehr gut. Mit natürlichem Charme hat er sichtliches Vergnügen, sich zwischen den Songs an das Publikum zu wenden, es ein bisschen aufs Korn zu nehmen, aber auch sich selbst. So feixte der 57-jährige, dass er trotz seiner Unfähigkeit Klavier zu spielen – er wurde wegen einer Contergan-Schädigung mit zu kurzen Armen und Beinen geboren – eine Professur an der Hochschule für Musik «Hanns Eisler» in Berlin innehat.

Die Klassik-Prägung bleibt

Während des Konzerts sitzt Quasthoff auf einem Stuhl und wippt, schwelgt, nickt, groovt voller Begeisterung im Takt. Jede musikalische Regung empfindet er mit, jede Wendung der Geschichte in den Songs drückt er sehr genau aus – ganz so, wie er es aus dem klassischen Liedrepertoire kennt, mit dem er berühmt geworden ist. All seine Erfahrung und seine Akribie aus der Klassik legt er in die Songs und kommt so als überaus engagierter Jazzsänger rüber.
Vielleicht gibt er da auch manchmal zu viel Druck, lässt gerade in den mittleren Lagen ab und zu etwas zu sehr den dramatischen Impetus à la Schuberts «Erlkönig» raushängen. Dann zeigt sich, dass er seine Klassik-Prägung eben doch nicht verleugnen kann. Seine grosse, überaus flexible Stimme wirkt dann etwas zu präsent und leicht gepresst. Was im klassischen Repertoire gerade eine Qualität ist, der dringliche Ausdruck, wirkt beim Jazz schnell zu bemüht.

Sonor und gefühlsvoll

Doch Quasthoff kann auch mit sonorer und gefühlvoller Lässigkeit singen. In den sehr tiefen Lagen beeindruckt er mit Klängen zum Anlehnen, in den sehr hohen Lagen haucht er mit seiner Kopfstimme wunderbar zarte Klänge. Zwischendurch markiert er zum Spass seine echte Lied-Gesang-Stimme. Wie auf Knopfdruck ändert sich dann seine ganze Haltung. Er spannt sich plötzlich wahnsinnig an und zeigt, dass er es nicht verlernt hat.

Erstklassige Band

Doch nicht nur Quasthoff verdient an diesem Abend Aufmerksamkeit. Er kann auf hervorragende Mitmusiker vertrauen, die ihn nicht nur begleiten. Dieter Ilg am Kontrabass legt in Summertime ein ausgiebiges und raffiniertes Solo hin, zupft die Saiten aus allen Richtungen und beweist ein breites Spektrum an brillant beherrschten, unterschiedlichsten Spieltechniken.

Der Pianist Frank Chastenier, der schon mit Manfred Krug, Al Jarreau und Till Brönner zusammenarbeitete, zeigt sich flexibel und einfallsreich. Im «Piano Man» baute er eine wunderbar langgezogene Steigerung auf. Schliesslich ist Wolfgang Haffner am Schlagzeug eine verlässliche und freudestrahlende Bank. Man spürt, wie gut die Musiker harmonieren. Sie erden den Jazz-Erlkönig Quasthoff mit dem passenden Understatement. Meistens ist dann die Klassik sehr weit weg.

Das Stimmen-Festival präsentiert bis 30. Juli zahlreiche Konzerte in der Region. Weitere Informationen zum Programm unter www.stimmen.com.